Geldpolitik Warum die Türkei trotz hoher Inflation an niedrigen Zinsen festhält

In der Türkei wächst die Gefahr einer Währungskrise
In der Türkei wächst die Gefahr einer Währungskrise
© IMAGO / ZUMA Wire
Wieder hat die türkische Notenbank den Leitzins gesenkt und damit die Lira auf Talfahrt geschickt. Grund für den Schritt ist der Druck durch Staatspräsident Erdogan. Warum er auf eine Niedrigzinspolitik setzt und wie sein Kurs der türkischen Wirtschaft schadet

Die Märkte sind wie die Schwerkraft. Auch wenn man sie ignoriert, verschwindet die Wirkung nicht. Das zeigt sich eindrucksvoll in der Türkei. Obwohl die Inflation kräftig steigt und die Währung noch kräftiger an Wert verliert, senkt die Notenbank die Zinsen. Die Folge: Lira-Absturz und drohende Hyper-Inflation.

Die Lira hat seit Jahresbeginn zu Dollar und Euro etwa die Hälfte ihres Werts verloren. Im November hatte der Verfall Fahrt aufgenommen, die Währung büßte rund ein Viertel ihres Wertes ein. Die Inflation liegt offiziell bei mehr als 21 Prozent. Da stellt sich die Frage: Warum lässt die Notenbank das zu?

Der Grund hat einen Namen: Recep Tayyip Erdogan. Der türkische Präsident hat sich die formell unabhängige Notenbank untertan gemacht - und er will möglichst niedrige Zinsen um jeden Preis.

Die bekommt er auch. Erdogan hat drei Notenbank-Gouverneure aufgrund von Differenzen hinsichtlich der Geldpolitik gefeuert. Im Frühjahr hatte er Notenbankchef Naci Agbal entlassen und durch Sahap Kavcioglu ersetzt – einen erklärten Freund niedriger Zinsen. Seit September hat die Notenbank den Leitzins von 19 auf 14 Prozent reduziert. Es besteht kaum Zweifel daran, dass es weiter abwärts geht.

Wiederwahl im Blick

Erdogans Kalkül ist riskant. Er will durch niedrige Zinsen und schwache Lira die Wirtschaft stimulieren. Türkische Produkte werden so auf dem Weltmarkt billiger und der Türkei-Urlaub für ausländische Touristen günstiger. Außerdem wird es attraktiver, Kredite aufzunehmen – bei 20 Prozent Inflation und 15 Prozent Zinsen ist der Realzins negativ.

Tatsächlich ist die türkische Wirtschaft im dritten Quartal um 7,4 Prozent gewachsen. Der Internationale Währungsfonds geht davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr um neun Prozent zulegt – das wäre eine der stärksten Raten weltweit.

Erdogan braucht unbedingt Wachstum. In spätestens anderthalb Jahren stehen in der Türkei Präsidentschaftswahlen an, und der amtierende Staatschef will wiedergewählt werden. Seine Popularität sinkt, und derzeit sieht es in Umfragen nicht gut für ihn aus.

Erdogan hofft, dass die hohe Inflation bald zurückgeht und die derzeitigen Folgen nur vorübergehende Kollateralschäden sind. Viele Ökonomen weisen darauf hin, dass das schiefgehen kann: Eine immer weiter abwertende Lira und hohe Inflationsraten könnten die gesamte Wirtschaft in Mitleidenschaft ziehen.

Türken können sich wegen Inflation und Währungsverfall immer weniger leisten. Lebenswichtige Importe wie Energie und Rohstoffe werden noch teurer. Hinzu kommt, dass die Türkei durch die hohe Inflation für Investoren an Attraktivität verliert. Denn sie müssen eine schnelle Entwertung ihres Geldes einkalkulieren. Ein Teufelskreis: Die Inflation trägt dazu bei, dass Geld in Währungsräume mit stabilerer Währung und höheren Zinsen fließt. Das sorgt dafür, dass die Lira weiter unter Druck gerät und stärkt die Inflation.

„Mutter allen Übels“

Bis zu den Präsidentschaftswahlen wird der selbsternannte „Zinsfeind“ Erdogan seinen Kurs aller Voraussicht nach nicht ändern. Dazu passt, dass er Zinsen als „Mutter allen Übels“ bezeichnet und entgegen der ökonomischen Lehre behauptet, dass hohe Zinsen für eine hohe Inflation sorgen und niedrige Zinsen für eine niedrige Inflation.

In den Wirtschaftswissenschaften wird eine andere Logik vertreten. Demnach wirken höhere Zinsen tendenziell preisdämpfend, weil sie Kredite verteuern. Zudem lohnt sich Sparen mehr. Das heißt: Unternehmen investieren weniger, Verbraucher konsumieren weniger. Dadurch sinkt die Nachfrage nach Produkten, und es wird schwieriger, Preiserhöhungen durchzusetzen. Doch das bremst zugleich das Wirtschaftswachstum. Genau das will Erdogan aber nicht.

Konsequenterweise macht der Präsident deshalb dunkle Mächte für Inflation und Lira-Absturz verantwortlich. Er schimpft über eine ominöse „Zinslobby“, türkeifeindliche Devisenspekulanten und opportunistische Ratingagenturen. Widerworte empfindet er als Majestätsbeleidigung. Die Notenbank richtet sich danach.

Der Beitrag ist zuerst erschienen auf ntv.de


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