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Energiekrise Warum die Molkereien vor einem Gaslieferstopp zittern

Eine Milchkuh in der Nähe von Bamberg. Die Preise für Rohmilch haben sich seit Jahresbeginn mehr als verdoppelt
Eine Milchkuh in der Nähe von Bamberg. Die Preise für Rohmilch haben sich seit Jahresbeginn mehr als verdoppelt
© IMAGO/Fotostand
Deutschland ist einer der wichtigsten Milchproduzenten in Europa. Betrieben werden die Molkereien häufig mit Gas. Ein russischer Gas-Lieferstopp könnte daher dramatische Folgen haben, befürchtet Verbandschef Eckhard Heuser.

Die Inflation rollt. Nicht nur Gas und Öl, auch Lebensmittel treiben Verbraucher langsam zur Verzweiflung. Erst vor Kurzem knackte der Preis für Markenbutter von Kerrygold, Meggle oder Weihenstephan die Drei-Euro-Marke. Auch die Discounter drehen bei ihren Eigenmarken kräftig an der Preisschraube – für ein halbes Pfund Butter sind an der Kasse mittlerweile mehr als zwei Euro fällig. Anfang des Jahres lag der Preis noch deutlich darunter. Wird Butter zum Luxusgut? Tatsächlich könnte es noch schlimmer kommen.

Schuld an der Preisexplosion, sagt Hauptgeschäftsführer Eckhart Heuser vom Milchindustrie-Verband, seien rekordhohe Preissteigerungen bei Rohmilch, die Molkereien von den Landwirten kaufen. „In der ersten Woche dieses Jahres betrug der Preis für einen Liter mit 3,7 Prozent Fett auf dem Spotmarkt gerade mal 28 Cent, jetzt sind wir bei 62 Cent. Im Verlauf des Jahres ist das mehr als eine Verdoppelung, Tendenz steigend“, so Heuser. Auf einem Spotmarkt wird Milch zwischen Molkereien direkt gehandelt oder über einen Händler. Er wird auch als „Hier-und-jetzt-Markt“ bezeichnet. Lieferung, Abnahme und Bezahlung wird zum aktuellen Preis innerhalb von zwei Tagen abgewickelt.

„Wissen nicht, was Putin mit uns vorhat“

Von Futtermittel über Dünger bis hin zum Kraftstoff, in der Gas- und Ukraine-Krise ist alles teurer geworden. Hinzu komme der trockene Sommer und der Strukturwandel in der Landwirtschaft, sagt Heuser. Viele Betriebe hätten in den vergangenen Jahren aufgegeben, als die Milchpreise niedrig waren. Das Rohmilchangebot habe sich deshalb verknappt. Die Folge der Gemengelage: Die Preise sind explodiert. „Es sind Preissteigerungen, wie ich sie in 30 Jahren nicht gesehen habe“, sagt der Experte. Gäbe es nicht die Ungewissheit, wie es mit der Gasversorgung weitergehe, könnte es das Ende der Preisspirale gewesen sein. „Aber wir wissen nicht, was noch passiert, was Putin mit uns vorhat.“ 

Die Milchwirtschaft gehört zu den energieintensiven Industrien. „Wir holen warme Milch aus dem Euter, kühlen sie beim Bauern auf vier oder acht Grad runter, fahren die Milch kühl in die Molkerei. Dort wird sie getrennt, dann wird sie wieder erhitzt, dann verarbeitet, dann wieder gekühlt und geht dann gekühlt ins Regal im Handel“, beschreibt Heuser den Produktionsablauf. „Das heißt, wir durchlaufen viele Temperaturzonen, und damit haben wir einen relativ hohen Energieeinsatz in der deutschen Milchwirtschaft.“

Drehe Putin nach der Wartung der Turbine von Nord Stream 1 den Hahn nicht wieder auf, könnte es sich für die Bundesnetzagentur „lohnen, genauer hinzugucken. Aber es hätte dramatische Folgen für die Versorgung der Bevölkerung“. 

Die Molkerei Naarmann im nordrhein-westfälischen Neuenkirchen. Die Branche ist energieintensiv, da die Milch wechselnd gekühlt und erhitzt werden muss.
Die Molkerei Naarmann im nordrhein-westfälischen Neuenkirchen. Die Branche ist energieintensiv, da die Milch wechselnd gekühlt und erhitzt werden muss.
© IMAGO/Rech

„Die größten Molkereien Europas stehen in Deutschland. Große Betriebe haben eine Anschlussleistung von über zehn Megawatt. Das heißt, wenn ich eine Molkerei abstelle, dann kann ich damit sehr schnell das Netz stabilisieren“, sagt Heuser. Die Molkereien würden in diesem Fall vor „enormen Problemen“ stehen.

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) hatte am 23. Juni die Alarmstufe des Gasnotfallplans ausgerufen. Der Plan hat drei Eskalationsstufen – die Frühwarnstufe, die Alarmstufe und die Notfallstufe. Netzagentur-Chef Klaus Müller begründete die zweite Eskalationsstufe mit der Sorge vor einem Totalausfall der russischen Gaslieferungen. Die Frage sei, ob aus der bevorstehenden regulären Wartung der Gaspipeline Nord Stream 1 „eine länger andauernde politische Wartung wird“, sagte Müller. Sollte Stufe drei ausgerufen werden, regelt die Bundesnetzagentur, wer mit Gas versorgt wird. Das Gesetz gibt vor: Verbraucher und die systemrelevante Infrastruktur sind besonders geschützt, als Erstes würde wohl bei den Unternehmen gespart werden.

„Haben keine Garantie, dass wir mit Gas versorgt werden“

Insgesamt 80 Prozent der Molkereien in Deutschland arbeiten mit Gas. Sie haben sogenannte Blockheizkraftwerke, die nebenbei auch Strom erzeugen. So sei es in den vergangenen Jahren von der Politik propagiert und subventioniert worden, sagt Heuser. „Wir sind leider kein geschützter Kunde im Sinne des Energiegesetzes, sondern nur ein systemrelevanter Kunde. Das heißt, die Bundesnetzagentur behält sich die Entscheidung vor, je nach Lage in einem jeweiligen Gebiet auch abzuschalten.“

Bald schon könnte also nicht mehr der Preis die entscheidende Frage sein, sondern: Wer kann überhaupt noch Trinkmilch, Babynahrung, Käse und Butter liefern? Die Verbraucher könnten vor leeren Regalen stehen. Und auch für die Milchbauern sind die weiteren Aussichten düster. Werden die Molkereien runtergefahren, müssten sie die Milch verschütten. „Die Milch geht dann in die Güllegrube oder wird untergepflügt“, so Heuser. 

Müller habe das verstanden. Dennoch habe die Milchwirtschaft keine Garantie bekommen, prioritär mit Gas versorgt zu werden. „Wir warnen, wir appellieren: 'Guckt euch das genau an. Nicht, dass ihr die Falschen rettet!', mahnt der Verbandschef. Das Problem: Egal, ob Waffen- oder Glashersteller, jeder Industriezweig fühlt sich derzeit systemrelevant. Die Entscheidung ist schwierig. Welche Abschaltreihenfolge die Agentur am Ende vornimmt, ist offen. 

Entscheidend sei auch die regionale Bedeutung, sagt Heuser. Tatsächlich besteht das deutsche Gasnetz aus zig Unternetzen, in jedem Unternetz herrschen andere Druckverhältnisse und damit eine andere Situation. Für eine große Molkerei, die zufällig in einem Gebiet stehe, wo zehn Kurkliniken mit 5000 Betten daneben liegen, könnte das laut Hauser bedeuten, dass sie „Pech gehabt hat. Dann kriegen die Kurkliniken das Gas, aber die Molkerei nicht“.

Dieser Artikel ist zuerst auf n-tv.deerschienen.


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