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Krise als Chance Warum Deutschland besser dasteht als viele meinen

Skulptur von Richard Serra: Landmarke Bramme für das Ruhrgebiet auf der Halde Schurenbach
Skulptur von Richard Serra: Landmarke Bramme für das Ruhrgebiet auf der Halde Schurenbach
© picture alliance / Jochen Tack
Untergangsszenarien haben zurzeit hierzulande Konjunktur. Aber ist es wirklich so schlecht um Deutschland bestellt? Ein nüchterner Blick auf die Wirtschaft offenbart: Die Bundesrepublik ist keineswegs hilflos den vielen Krisen ausgeliefert

Deutschland starrt in den Abgrund: Die Börsenpreise für Strom und Gas sind auf bis vor Kurzem ungeahnte Höhen gesprungen. Wirtschaftsverbände warnen vor einem Zusammenbruch zentraler Branchen und massiven Jobverlusten. Selbst in der Regierung wird geraunt von drohender Massenarmut und möglichen Volksaufständen, sollten die Bürger durch weiter steigende Preise belastet werden. Der Euro verliert an Wert, die Inflation frisst unsere Ersparnisse auf. Menschen fürchten, im Winter ihre Wohnung nicht mehr heizen zu können.

Die Liste der akuten Probleme ließe sich noch eine ganze Weile fortsetzen: Lieferkettenprobleme, Chinas knallharte Corona-Lockdowns, Arbeitskräftemangel, Dürre aufgrund des Klimawandels …

Doch rechtfertigt das die sich breitmachende Verzweiflung? Nein. Die deutsche Krisenangst ist so groß, dass wir die Möglichkeit, dass die Katastrophe ausbleibt oder wir sie abwenden können, gar nicht mehr in Erwägung ziehen. Erschreckend ist nicht nur das übertriebene erwartete Ausmaß des drohenden Unbills, sondern vor allem, dass in vielen Kommentaren und Analysen der Eindruck durchscheint, Deutschland, die größte und mächtigste Volkswirtschaft Europas, habe sich mit dem angeblich bevorstehenden Zusammenbruch der Wirtschaft als unabwendbares Schicksal schon abgefunden.

Nur noch den Mangel verwalten?

Die Fehleinschätzung „wir können daran nichts ändern“ ist zu einem Mantra geworden: Auf die Gasknappheit innovativ reagieren, sparen, Alternativen finden? Können wir nicht! Ohne Putins Gas werden wir alle pleitegehen!, schallt es aus der Industrie. Inflation bekämpfen? Das wird die Wirtschaft vollends abwürgen!, jammert der Finanzmarkt. Die Folgen der Energiekrise für Verbraucher und auch für Betriebe mit Hilfspaketen wirksam abfedern? Das können wir uns nicht leisten, das verbietet die Schuldenbremse!, heißt es aus dem Finanzministerium. Das Einzige, was Deutschland noch tun kann, so scheint es, ist, einen Mangel an allem zu verwalten.

Dabei gibt es einige Hinweise darauf, dass die Nachrufe auf die deutsche Wirtschaft verfehlt sind und dass wir in den kommenden Monaten keineswegs in eine tiefe Krise stürzen werden:

So ist der Gasverbrauch der deutschen Industrie in den vergangenen Monaten bereits stark zurückgegangen, im Juli laut aktuellen Daten der Bundesnetzagentur sogar um mehr als 20 Prozent gegenüber dem Durchschnitt der Vorjahre. Gleichzeitig ist die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal weiter gewachsen und auch die Produktion der für Deutschland so wichtigen Industrie war, soweit die Daten des Statistischen Bundesamts vorliegen, bis Juli immerhin stabil. Das deutet wie auch Meldungen aus einzelnen Branchen und Unternehmen darauf hin, dass entgegen allen Unkenrufen die im Falle eines russischen Lieferstopps nötigen Gas-Einsparungen möglich sind, ohne eine tiefe Wirtschaftskrise auszulösen. Dazu kommt, dass das Füllen der Gasspeicher wohl schneller abgeschlossen wird als geplant und in den kommenden Monaten mehr Gas für den Verbrauch zur Verfügung stehen könnte als befürchtet. Damit könnten auch die Energiepreise wieder leicht sinken.

Das am meisten gefürchtete Symptom einer tiefen Wirtschaftskrise ist die Massenarbeitslosigkeit. Trotz der allgemeinen Rezessionsangst boomt der Arbeitsmarkt derzeit jedoch weiter. Unternehmen suchen händeringend Personal. Eine Wende zeichnet sich Umfragen wie dem Ifo-Arbeitsmarktbarometer zufolge nicht ab. Ökonomen gehen davon aus, dass selbst wenn es in Deutschland zu einer Rezession – einem Rückgang der Wirtschaftstätigkeiten für einen Zeitraum von zwei Quartalen oder mehr – kommen sollte, die Massenarbeitslosigkeit nicht zurückkehren wird.

Krise ohne Arbeitslosigkeit

Das heißt keinesfalls, dass Menschen keine Belastungen oder Wohlstandsverluste durch die hohen Energiepreise spüren werden. Solche Wohlstandsverluste könnte der Staat allerdings für einen großen Teil der Bevölkerung auffangen und den befürchteten Aufstand frierender Bürger im „Wutwinter“ verhindern. Selbst im Falle einer länger anhaltenden Rezession wären Deutschlands Staatsfinanzen äußerst stabil, wie die Ratingagentur Scope gerade feststellte.

Steigende Steuereinnahmen und geringere Corona-Subventionen haben das deutsche Staatsdefizit im ersten Halbjahr stark sinken lassen. Bund, Länder, Kommunen und Sozialversicherung gaben bis Ende Juni 13 Mrd. Euro mehr aus als sie einnahmen, wie das Statistische Bundesamt ermittelte. Das Defizit entspricht 0,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Deutschland kann sich erheblich mehr an Hilfen für Verbraucher und Unternehmen leisten, als Finanzminister Christian Lindner suggeriert und als bisher auf den Weg gebracht wurde. Die Schuldenbremse ist kein Hindernis dafür, sie sieht Ausnahmen für Situationen wie die jetzige ausdrücklich vor.

Deutschlands Wirtschaft kann die aktuellen Probleme meistern, wie sie die Corona-Pandemie und zuvor die Weltfinanzkrise überstanden hat. Dafür müssen wir jetzt handeln und uns nicht in Untergangsszenarien ergehen!

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen bei ntv.de


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