KommentarWarum der Lockdown richtig ist

Bundeskanzlerin Merkel mit Schutzmaskeimago images / phototek

Deutschland steht vor einem erneuten Lockdown. Oder tun wir das gar nicht? Ist es nur ein Lockdown light? Oder ein Mini-Lockdown? Oder ein Shutdown?

Ich möchte hier nicht die Eröffnungsdebatte der Jahrestagung des Instituts für deutsche Sprache vorwegnehmen – allein: Bei aller verständlichen Erregung über den „zweiten Lockdown“, durch die Sprache und Schlagabtausch natürlich hitziger werden, sollten wir genau hinschauen, was passiert und entschieden wurde.

Keine Frage, der Winter wird lang und hart, da hat die Kanzlerin recht. Die Frage aber ist doch, was diese „Härte“ im Kern ausmachen wird – die Aussicht auf neue Isolation und geschlossene Restaurants oder auf überlastete Krankenhäuser und viele Tote.

Niemand kann ernsthaft behaupten, dass Deutschland noch „vor der Lage“ ist, wie in den vergangenen Monaten. Die Kontrolle über die Pandemie ist uns erst in einigen Landkreisen und dann in weiten Teilen Deutschlands entglitten. Auch ich hatte vor einigen Wochen noch erwartet, dass wir mit regionalen Lockdowns und Appellen zur Verhaltensänderung auskommen würden. Es ist leider anders gekommen. Unsere Regierung reagiert nicht vorschnell, aber hoffentlich noch rechtzeitig.

Schon im Frühjahr profitierte Deutschland davon, dass unser Land einige Wochen mehr Zeit hatte als etwa Italien. Nun müssen wir nur nach Tschechien, Belgien oder Frankreich schauen, um zu sehen, was auf dem Spiel steht.

Die Daten aus dem ersten Halbjahr zeigen, dass in Europa kein anderes großes Industrieland besser durch die Krise gekommen ist als Deutschland. Die Erholung im dritten Quartal – gut acht Prozent im Vergleich zum Vorquartal – ist beachtlich. Es gibt eine komplizierte und furchtbare Güterabwägung in dieser Krise, zwischen dem Schutz des Lebens und dem Schutz der wirtschaftlichen Existenz. Diese Abwägung spiegelt sich in der Korrelation zwischen Todeszahlen und Wirtschaftseinbruch wider. Dabei schnitten in der ersten Welle Länder wie Finnland, Norwegen, Dänemark aber auch Litauen am besten ab. Auch Deutschland gehörte zum oberen Viertel.

Schweden zahlte einen höheren Preis bei den Menschenleben, aber auch hier brach die Wirtschaft im ersten Halbjahr um 8,5 Prozent ein (EU-Durchschnitt: -14,3 Prozent). Länder wie Italien, Spanien, Großbritannien und Belgien mussten sowohl viele Tote als auch massive ökonomische Einbußen von über 15 oder gar 20 Prozent verkraften (die Grafik aus der „Financial Times“ finden Sie hier). Wenn man als Land also „zu früh“ gegensteuert, ist man notwendigerweise „zu hart“ – wenn man allerdings zu spät reagiert, muss man in der Regel stärker und länger einschränken.

Paradigmenwechsel bei den Hilfen

Seit Monaten hatte es geheißen, dass ein erneuter „Lockdown“ differenziert und zielgerichtet sein müsse – und dass der deutsche Flickenteppich aufhören muss. Letzteres ist diesmal gegeben, alle Länder ziehen mit. Und differenziert wird ja, es wird nicht das gesamte öffentliche Leben heruntergefahren, und die Produktion in den Fabriken gar nicht.

Der Ersatz von bis zu 75 Prozent des Umsatzes für die betroffenen Unternehmen steht für einen überraschenden Paradigmenwechsel bei den Hilfen der Bundesregierung. Man kann nur hoffen, dass die alten Vorwürfe („zu kompliziert, zu bürokratisch“) nicht wieder erschallen und wir Ende November hören müssen, dass noch „kein Cent“ angekommen ist. Kompliziert wird es allerdings werden: Wie kann man schnell entscheiden, wer direkt oder nur indirekt betroffen ist? Bei einem Restaurant oder Hotel, das nun schließen muss, ist es offensichtlich. Bei den Dienstleistern und Zulieferern für das Restaurant oder das Hotel wird es schon schwieriger. Die Einzelhändler, die zwar geöffnet bleiben dürfen, die aber darunter leiden, dass sich die Innenstädte und Fußgängerzonen wieder leeren (sollen), werden wohl stumm weiter leiden, siechen oder bald für immer schließen.

Einen weiteren wichtigen Aspekt möchte ich noch aufgreifen:

Es ist eine schiefe Metapher in die Debatte geraten. Virologen wie Christian Drosten vergleichen die neuen Lockdowns mit einem „Circuit breaker“, einem Schalter zur Unterbrechung des Stromkreises. Man schaltet also jetzt Teile der Gesellschaft und Wirtschaft einfach ab wie einen Stromkreis, um eine Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern. Andere verglichen die Lage mit einem Lkw-Fahrer, der bei einer Talfahrt ab und zu auf die Bremse tritt – und das Fahrzeug dann wieder laufen lässt.

Für Infektionsketten mag das Bild passen. Die Wirtschaft ist allerdings komplexer und empfindlicher, man muss sich einen Lockdown eher wie einen Schlaganfall vorstellen. Danach wachsen Nervenzellen und Synapsen mühsam wieder, Muskeln werden trainiert, vieles muss neu gelernt werden. Es gibt aber an vielen Stellen bleibende und irreparable Schäden. Jeder neue Lockdown ist wie ein neuer Schlag.

Wenn der Lkw bremst, bleiben die Fracht und das Fahrzeug intakt – nur die Bremsen werden abgenutzt. Wenn man mit einem Schutzschalter den Stromkreis ab- und wieder anschaltet, brennen alle Lichter sofort. In der Wirtschaft geht jedes Mal so einiges kaputt, und es gibt bleibende Schäden.

Egal wie man zu den neuen Einschränkungen steht, das Bild eines simplen On/Off ist falsch. Das sollten wir uns bewusst machen, da es als Szenario bis zum nächsten Sommer im Raum steht.

 


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