KolumneWarum China zu Unrecht beschuldigt wird

Heleen Mees
Heleen Mees, geb. 1968 im niederländischen Hengelo, war Professorin für Makroökonomie an der New York University und beschäftigt sich seit Jahren mit dem Boom in China. Derzeit erforscht sie in einem Umfrageprojekt, wie Chinesen Inflation wahrnehmen
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Im Drehbuch geht es oft packender zu als im Lehrbuch. Aber auch nicht immer realistisch: In der neuen Staffel von „House of Cards“, der Kultserie über die Intrigenwelt des US-Kongresses, gibt es zum Beispiel diese hübsche Episode zur chinesischen Währungspolitik.

Offiziell wehrt sich China stets gegen jede Einmischung und die wiederkehrenden Vorwürfe, es manipuliere den Kurs seiner Währung Renminbi. In der Fiktion von „House of Cards“ taucht aber eine Gruppe chinesischer Politiker und Geschäftsleute auf, die Washington anstachelt, Peking zur Renminbi-Aufwertung zu zwingen. Als Gegenleistung verspricht die Gruppe millionenschwere Wahlkampfspenden.

Die Aufwertung des Renminbi liegt in der Tat im Interesse ausländischer Spekulanten, die kurzfristig Gelder in China anlegen, um satte Kursgewinne zu kassieren. Sie liegt auch im Interesse reicher Chinesen, die eine starke Währung für den Fall wünschen, dass sie Renminbi-Vermögen außer Landes bringen wollen.

Abschreckung von Spekulanten

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Im wirklichen Leben hält Chinas Führung allerdings sehr wohl dagegen: Seit Jahresbeginn hat der Renminbi zum Dollar um drei Prozent abgewertet. Chinas Zentralbank gibt zwar – anders als die Fed oder die EZB – keine Erläuterungen zu ihrer Politik ab. Die meisten Beobachter nehmen aber an, dass diese Abwertung die Spekulanten abschrecken sollte.

Grundsätzlich wird bei allen Klagen über ­Währungsmanipulation gerne vergessen, dass ein Land zwar versuchen kann, seinen nominalen Wechselkurs zu steuern. Den effektiven, also in Kaufkraft gemessenen Wechselkurs kann es aber kaum kontrollieren.

Deutschland und Spanien etwa teilen sich dieselbe Währung. Der effektive Wechselkurs Spaniens stieg zwischen 2000 und 2008 dennoch dreimal so schnell wie der von Deutschland, weil die spanische Inflation höher war. Paella verteuerte sich schneller als Bratwurst.

In China ist die Pekingente ebenfalls teurer geworden: Der Renminbi hat seit 2005 um heftige 35 Prozent zum Dollar aufgewertet.

Das wird gern damit erklärt, dass die chinesische Führung internationalem Druck nachgegeben habe. Eine Aufwertung der Währung ist aber für alle Schwellenländer ganz normal und entspricht der ökonomischen Theorie: In einem armen Land ist das Leben aus Sicht eines Industrielandes sehr billig; im Zuge der Entwicklung ziehen dann die Preise vor Ort an. Genau das ist es, was Aufwertung bedeutet.

Keine systematischen Währungsmanipulationen

Das Erstarken des Renminbi beweist deshalb auch nicht, dass er vor 2005 zu schwach gehalten wurde. Chinas Wirtschaft war lange von einem Überangebot an Arbeitskräften geprägt, Arbeitgeber mussten also immer nur das Existenzminimum als Lohn zahlen. Eine Aufwertung des Renminbi gegenüber dem Dollar hätte in dieser Lage nur dazu geführt, dass die in Renminbi gezahlten Löhne geringer ausfallen können.

Denn das Existenzminimum besteht vor allem aus Lebensmitteln und Energiegütern. Deren Preise gibt der Weltmarkt in Dollar vor.

Chinas Entwicklung in den vergangenen drei Jahrzehnten ähnelt in bemerkenswerter Weise den Entwicklungspfaden anderer Schwellenländer wie etwa Malaysia oder Singapur. Es gibt keinen Grund, Peking wegen systematischer Währungsmanipulationen ins Visier zu nehmen. Der einzige Grund, China so viel mehr Aufmerksamkeit zu widmen als anderen Schwellenländern, besteht darin, dass es so riesig ist.

Der Beitrag von Heleen Mees erschien zuerst in der aktuellen Capital. Hier können Sie sich die iPad-Ausgabe der neuen Capital herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten.

Das ökonomische Quartett: David McWilliams (Irland), Heleen Mees (Niederlande), Jagdish Bhagwati (Indien), Michael Pettis (USA). Jeden Monat schreibt bei Capital einer dieser vier Ökonomen. Sie stammen aus verschiedenen Ländern, und jeder hat damit eine andere Perspektive auf die Welt