KolumneWarum Biontech zu Recht Milliarden einnimmt

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

In der letzten Woche versammelten sich die Führer der deutschen Linken zur wohl blödsinnigsten Demonstration des Jahres vor dem neuen Biontech-Werk in Marburg. Der Chef der Linkspartei, Bernd Riexinger, entrollte persönlich ein Transparent mit der Forderung, kostenlos Lizenzen des neuen Corona-Impfstoffs zu verteilen, um die Produktion „anzukurbeln“. Aus der Sicht der Kritiker bereichern sich die Besitzer von Biontech an der Pandemie und machen „Milliardengewinne“, wie einer der Demonstranten erklärte.

So gut wie jedes Argument der Linken ist falsch. Leider lässt sich die technisch überaus komplizierte Produktion des neuen Biontech-Impfstoffs nicht einfach kurzfristig „ankurbeln“ – sonst wäre es längst passiert. Die Vergabe von Lizenzen an andere Pharmaunternehmen würde kein bisschen an der jetzigen Lage ändern. Und rechnen können die Linken auch nicht: Sie verwechseln mal wieder Umsatz mit Gewinn. Biontech nimmt Milliarden Euro ein, aber ob unter dem Strich ein Gewinn übrigbleibt, kann niemand sagen.

Das Mainzer Unternehmen geht voll ins Risiko mit dem schnellen Ausbau seiner Produktion, haftet mit hohen Summen für seinen Impfstoff und sitzt in einigen Jahren möglicherweise auf Kapazitäten, die niemand mehr braucht und bezahlen will. Schließlich positionieren sich weltweit Dutzende von Unternehmen als Hersteller von Coronoa-Impfstoffen – und niemand kann sagen, wer am Schluss die Nase vorn behält. Deshalb ist der Aktienkurs von Biontech auch keineswegs explodiert wie es viele erwartet hatten und wie man es bei anderen großen Erfindungen beobachten konnte. Die Anleger wissen: Abgerechnet wird erst am Schluss.

Biontech rettet Menschenleben

Wichtiger noch: Biontech muss auf mittlere Sicht hohe Gewinne machen, um seine enorm hohen Kapitalkosten zu verdienen. So funktioniert Innovation im Kapitalismus: Nur wenn der Markt hohe Risiken auch mit hohen Gewinnen belohnt, fließen auch die notwendigen Investitionen. Wer das nicht begreift, wie die Linkspartei, gehört auf keinen Fall in eine Bundesregierung. Eine rotrotgrüne Koalition, von der manche seit Jahren träumen, käme einem Desaster für den Forschungsstandort Deutschland und die Start-up-Kultur in unserem Land gleich. Wer das nicht wusste, sollte es spätestens nach der Demonstration in Marburg begreifen.

Ohne den Impfstoff von Biontech wäre die Welt ein großes Stück ärmer. Weil die Mainzer so schnell waren und als erste mit einem Impfstoff auf dem Markt, retten sie wahrscheinlich in vielen Ländern viele Tausende von Menschenleben. Und auch wirtschaftlich gesehen ist jeder Euro, den die Regierungen für ein Vakzin zahlen, eine sehr gute Investition. Jede Woche im Lockdown kostet allein in Deutschland mehrere Milliarden Euro an verlorener Wirtschaftsleistung. Deshalb ist es auch Blödsinn, wenn sich einige Kritiker nun über den hohen Preis einer Biontech-Dosis ereifern. Die EU-Kommission, die bisher mit ihrer Impfstrategie weit hinter vielen anderen Ländern zurückgeblieben ist, klopft sich selbst auf die Schulter für die „erfolgreichen“ Preisverhandlungen mit Biontech und anderen Herstellern. Statt die Preise zu drücken, wäre Schnelligkeit erheblich besser gewesen. Vielleicht sollten Riexinger und die anderen Linken deshalb lieber einen Protestmarsch vor dem Büro von Ursula von der Leyen in Brüssel organisieren.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.