KolumneHauen und Stechen bei VW

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Matthias Müller muss sich in diesen Tagen ein bisschen so wie Sisyphos vorkommen. Und anders als der französische Schriftsteller Albert Camus behauptete, muss man sich Müller dabei NICHT als glücklichen Menschen vorstellen. Immer wenn der VW-Chef glaubt, er habe den großen Brocken des Dieselbetrugs ein Stück aus dem Weg geräumt, rollt ihm die ganze Last der Affäre wieder vor die Füße. Letztes Beispiel: Die Entscheidung der amerikanischen Justiz, fünf ehemalige hochrangige VW-Manager weltweit zur Fahndung auszuschreiben.

Die Wirkung dieser Maßnahme geht weit über die Betroffenen hinaus, die ab sofort Deutschland nicht mehr verlassen können, wenn sie nicht ihre sofortige Verhaftung riskieren wollen. Spätestens ab jetzt muss sich jeder Konzernmanager, der auch nur entfernt für die Dieselmotoren bei VW verantwortlich war, eine bange Frage stellen: Kann ich selbst noch in die USA fliegen oder überhaupt noch Deutschland verlassen. Was ist beispielsweise mit Audi-Chef Rupert Stadler? Oder sogar mit Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch? Niemand weiß, gegen wen das FBI und die Staatsanwälte in den USA noch verdeckt ermitteln. Nach den Bestimmungen des amerikanischen Rechtssystems müssen die Strafermittler keine Auskunft darüber geben, mit wem sie sich in der VW-Affäre noch befassen. Anfragen deutscher Anwälte laufen regelmäßig ins Leere.

Manager fühlen sich verraten und verkauft von VW

Schon jetzt kann man sagen: Die neuste Nachricht aus den USA ist geeignet, das oberste Management in Wolfsburg schwer zu verunsichern. Und die Irritationen dürften in den nächsten Wochen und Monaten noch wachsen. Der Grund dafür ist relativ einfach: Wer auch immer direkt ins Visier der Justiz geraten ist, der redet mittlerweile mit den Staatsanwälten, um seinen eigenen Kopf zu retten. Das gilt nicht nur für den unglücklichen VW-Manager, der bisher als einziger in den USA in Untersuchungshaft sitzt. Auch in Deutschland kooperieren inzwischen offenbar mehrere VW-Manager mit der Staatsanwaltschaft.

Im ersten Anlauf war es den Ermittlern auf beiden Seiten des Atlantiks nicht gelungen, Männer aus dem Konzernvorstand dingfest zu machen. Der prominenteste Ex-Manager, gegen den offiziell ermittelt wird, war lange Jahre Mitglied des Markenvorstands Volkswagen. Aber das muss nicht so bleiben. Schon jetzt gibt es Aussagen bei der Staatsanwaltschaft gegen Audi-Chef Stadler und vor allem gegen den früheren Konzernchef Martin Winterkorn.

Das Hauen und Stechen unter den Verdächtigen geht jetzt erst so richtig los. Zumal sich viele ehemalige Manager von ihrem Konzern verraten und verkauft sehen. Durch die Vereinbarung mit dem US-Justizministerium hat VW faktisch die Schuld der sechs Hauptangeklagten eingeräumt. Juristische und finanzielle Unterstützung ihres Unternehmens erhalten sie nicht (mehr). Ihre einzige Chance, ihre bürgerliche Existenz zu retten, ist eine Aussage gegen ihre früheren Chefs. Man darf gespannt sein, was noch alles ans Tageslicht kommt. Vielleicht findet sich ja doch noch der berühmte „rauchende Colt“.


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


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