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Bernd Ziesemer Die großen geopolitischen Gewinner

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
© Martin Kress
Der Abstieg Russlands und die wachsende Skepsis gegenüber China verändern die großen Handels- und Investitionsströme auf der Welt. Wer sind die Gewinner?

Begräbnisdiplomatie nennt man es im Kreis der Mächtigen, wenn zur Trauerfeier für einen verstorbenen Staatsmann oder Monarchen Regierungsvertreter aus allen Kontinenten anreisen und sich am Rande des offiziellen Protokolls über die Weltlage austauschen. Der Staatsakt für Queen Elisabeth II an diesem Montag geht in die Geschichte ein als die hochrangigste Begegnung von Königen, Präsidenten und Regierungschef dieser Art seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Nur die übelsten Schurkenstaaten der Welt erhielten keine Einladung: Nordkorea, Myanmar – und Russland. Besser könnte man den globalen Machtverlust Wladimir Putins nicht symbolisieren.

Politisch, wirtschaftlich und kulturell wächst die Isolierung Russlands in der westlichen Welt. Das Fenster nach Europa, das Peter der Große für alle Zeiten öffnen wollte, schließt sich zum zweiten Mal in der Geschichte Russlands. Außerhalb Europas bleibt die Rolle als Lieferant von Energie, so lange der Preis stimmt. Aber selbst die allerwichtigsten Verbündeten stellen sich nicht mehr voll hinter Putin, wie sein Treffen mit dem chinesischen Alleinherrscher Xi Jinping in der letzten Woche gezeigt hat. Russland geht in die Geschichte ein als größter geopolitischer Verlierer des 21. Jahrhunderts.

Aber wo es Verlierer gibt, da gibt es auch Gewinner. Der Abstieg Russlands und die wachsende Skepsis gegenüber China verändern die großen globalen Handels- und Investitionsströme. An allererster Stelle profitieren davon die USA. Gleich mehrere Trends sprechen für eine noch größere Rolle des Landes in den nächsten Jahren. Militärisch haben sich die USA erneut als einzige wirkliche Supermacht erwiesen, deren moderne Waffensysteme den Sieg der Ukraine überhaupt erst in den Bereich des Möglichen befördern. Politisch bestätigt das westliche Sanktionsregime gegen Russland, dem sich so viele Staaten wie noch nie seit dem Ende des Sowjetblocks angeschlossen haben, die Führungsrolle Washingtons. Und auch wirtschaftlich stehen die USA an der Spitze der Gewinner: Ihre Bedeutung als Energielieferant für Europa erhöht sich erheblich, sie profitieren von dem Zug zum „Friendshoring“ und ziehen Investitionen aus den Branchen an, die sich aus Russland und China verabschieden. Der deutsche Maschinenbau ist das beste Beispiel dafür.

Osteuropa, Indien und die Türkei

Zu den Gewinnern gehören aber auch weitere ganz unterschiedliche Regionen der Welt. Osteuropa verschafft sich durch seine Führungsrolle bei der Unterstützung der Ukraine ein deutlich erhöhtes Gewicht in der Europäischen Union und dürfte auch wirtschaftlich mehr in den Mittelpunkt rücken. Indien arbeitet daran, sich als die ganz große Investitionsalternative in Asien zu profilieren – zulasten Chinas. Die Inder verfolgen gnadenlos ihre eigenen Ziele, zum Beispiel bei Öl- und Gasimporten, ohne sich irgendeinem politischen Lager anzuschließen und kommen damit durch. Die Türkei etabliert sich weiter als wichtige Mittelmacht rund um das Schwarze Meer. Wenn das Land seine wirtschaftlichen Probleme überwindet, vor allem die außer Rand und Band geratene Inflation, steht seinem weiteren regionalen Aufstieg nichts mehr im Weg.

Und Deutschland? Gehört wirtschaftlich kurzfristig zu den Verlierern und muss erst einmal den großen Energiepreisschock bewältigen. Und auch außenpolitisch wächst allerorten die Kritik an der wirren und zögerlichen Haltung zur Unterstützung der Ukraine. Erst wenn sich Deutschland ein Stück neu definiert, könnte es mit seiner inneren Stärke wieder auf die Seite der Gewinner überwechseln. Unter einem Bundeskanzler wie Olaf Scholz stehen die Aussichten dafür jedoch schlecht.  

Bernd Ziesemer

ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


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