AutoindustrieWie Volvo mit chinesischer Hilfe den Automarkt umkrempeln will

Volvo-Chef Samuelsson
Volvo-Chef Samuelsson vor einem S60, der dem BMW 3er Paroli bieten soll. Die von US-Präsident Trump verhängten Zölle machen das schwierigNora Lorek

Aufs Volvo-Firmengelände in Göteborg haben sie vor ein paar Monaten ein weißes Würfelhaus gesetzt. Bei Wintersonne überstrahlt der Neubau das Verwaltungsgebäude und das alte Autowerk von 1964. In den oberen Etagen dürfen sich die Mitarbeiter mit Yoga- und Sambakursen stärken lassen, im Erdgeschoss aber steht ein Auto wie ein Giftpfeil.

Glaubt man seinen Erbauern, ist das Gefährt der Beweis dafür, dass Volvo fortan kein liebenswerter Autozwerg mehr ist, den ein China-Milliardär gegen alle Vorhersagen am Leben erhält. Sondern die rasende Zukunft. Schneller als BMW, luxuriöser als Mercedes, innovativer als Tesla. Das halb elektrische 600-PS-Coupé heißt nicht Volvo, sondern Pole-star. Ein Leitstern, der ab Sommer in China gebaut wird.

Oje, aber wie das Auto aussieht! In manche Fugen kann man eine halbe Hand schieben, der Heckdeckel wölbt sich, der Stoßfänger beult. Zehntausende Kilometer war der Prototyp unterwegs: Lappland, Wüste, Schotterpisten, Rennstrecken. Wer erobern will, holt sich Kampfmale. Und von Eroberung sprechen sie hier jetzt unverhohlen.

Etwa Firmenchef Håkan Samuelsson, der eigentlich überhaupt nichts Aggressives an sich hat: „Jetzt ist das Spiel wieder völlig offen“, frohlockt der Branchenveteran. Gemeint sind die Plagen der globalen Konkurrenz: die Dieselkrise, der Technologiewandel. Samuelsson spricht so leise und ruhig, dass man seine Kühn- und Gemeinheiten beinahe überhört. „Für uns“, sagt er, „ist es eine einmalige Gelegenheit, ein viel größerer Player zu werden.“

Schnell wollen sie inzwischen sein bei Volvo, ihre Autos aber sollen nicht mehr allzu schnell sein. Ab dem kommenden Jahr sollen sämtliche Volvo-Fahrzeuge bei Tempo 180 abregeln, hat Vorstandschef Samuelsson jetzt angekündigt. Begründung: Nur bis zu diesem Tempo können elektronische Sicherheitssystene die Autos vernünftig im Zaum halten. In Wahrheit aber ist Samuelssons Ankündigung Teil einer listigen Strategie, mit der er Aufmerksamkeit für seine kleine Marke erzeugt. Die Ankündigung setzt die Reihe früherer Volvo-Versprechen fort: Volvo entwickelt keine Diesel mehr. Volvo wird in zehn Jahren elektrisch. Mit einem Volvo wird kein Mensch mehr ernstlich verletzt werden. So positioniert der clevere Vorstandschef Volvo systematisch als besonders innovativ, umweltfreundlich und führend beim Thema Sicherheit, während die viel größeren Konkurrenten sich abmühen. Motto: Wer klein ist, darf auch mutig sein.

Der große Plan

Die bedächtigen Zeiten sind hier definitiv vorbei. Eben noch wurde die unwahrscheinliche Rettung und Wiederbelebung der schwedischen Automarke bestaunt, da führen Eigner Li Shufu aus China und die Leute um Samuelsson schon den nächsten großen Plan aus. Ihre Logik: Globale Autokonzerne laborieren herum, Volvo aber hat längst seine technischen Hausaufgaben gemacht und keinen Ballast mehr über Bord zu werfen. Zudem bringen die Chinesen Geld, Ambition, Märkte und Fabriken mit, um ganz groß zu denken.

Ob das aufgeht, weiß man erst am Ende. Fest steht: Überall hier in der Vorstadt Torslanda und drüben am Göteborger Hafen arbeiten Ingenieure und Manager an der Umsetzung des Plans, an elektrischen Volvos, Sportwagen so sexy wie Porsche, China-Autos, die es in den Westen schaffen, einem völlig neuen Geschäftsmodell, das sie „das Netflix des Autos“ nennen. Ein kleines, geschickt verknüpftes Imperium entsteht dabei, gesteuert aus Hangzhou, umgesetzt in Göteborg.