Interview„Viele Deutsche sind vom Lockdown erschöpft und zermürbt“

Stephan Grünewald ist Psychologe und Gründer des Rheingold Instituts
Stephan Grünewald ist Psychologe und Gründer des Rheingold InstitutsIMAGO / Horst Galuschka


Das Interview mit Stephan Grünewald wurde für den Podcast „Die Stunde Null“ geführt und aufgezeichnet. Alle Folgen finden Sie direkt bei Audio NowApple oder Spotify oder via Google. Hier können Sie einen Teil des Interviews anhören:


Herr Grünewald, Sie beobachten und erforschen seit vielen Jahren die Seelenlage der Deutschen, haben Bücher geschrieben wie „So tickt Deutschland“ oder „Deutschland auf der Couch.“ Wie geht es uns denn derzeit?

STEPHAN GRÜNEWALD: Derzeit kann ich eine gewisse Zermürbung feststellen. Die Menschen wähnen sich in einer Endlosschleife von immer neuen Lockdowns. Die seelische Situation ist gewaltig und belastend, anders als beim ersten Lockdown. Der erste Lockdown hatte noch den Charakter eines abenteuerlichen Einbruchs in eine gewohnte Wirklichkeit. Damals war die Angst viel ausgeprägter. Als die Pandemie erstmals anrollte, hatten die Menschen das Gefühl, das alles sehr diffus ist. Wir hatten überhaupt kein Bild, wir konnten gar nicht fassen, was das bedeutet. Und man fürchtete eine Pandemie biblischen Ausmaßes. Die Menschen haben in unseren Tiefeninterviews beschrieben, wie akribisch sie damals auf Abstände geachtet haben, wie stark sie sich nach jedem Einkauf die Hände desinfiziert haben, wie sie überlegt haben, welche Kleidungsstücke mit welchen Gegenständen in Berührung gekommen sind. Jetzt haben wir eine andere Situation. Die Zahlen sind schrecklich, aber sie geben dem Geschehen eine abstrakte Fassbarkeit. Das heißt, die Menschen haben eine Art Corona-Alltagsroutine entwickelt. Und diese Routine führt dazu, dass man zwar regeltreu ist, aber längst nicht mehr so übervorsichtig reagiert wie vor einem Jahr.

Seit vielen Jahren führen Sie diese tiefenpsychologischen Interviews mit einem kleinen Kreis von Menschen. Gab es bei der letzten Befragung etwas, das Sie überrascht hat – oder gab es wiederkehrende Aussagen?

Wir können grob drei Typen unterscheiden: die Regeltreuen, die Sorglosen und die Übervorsichtigen. Der Großteil der Menschen beschreibt sich selbst als regeltreu. Wir merken in den zweistündigen Gesprächen, dass diese Regeltreue immer flankiert ist mit gewissen Schlupflöchern oder Grauzonen. Das erinnert mich an meine empirischen Untersuchungen Ende der 1980er Jahre in der ehemaligen DDR, da gab es ja eine Schattenwirtschaft, einen Schattenalltag. Nach außen hin war alles „Stasigemäß“. Im privaten Bereich aber gab es Freiheiten, die auch ausgekostet wurden. Das ist jetzt bei uns nicht so drastisch. Aber alle Teilnehmer beschreiben, dass sie doch mehr Kontakte haben als im letzten Jahr. Viele bekennen, dass sie wieder dazu übergegangen sind, ihre Freunde zu umarmen. Auch das Einkaufsverhalten hat sich verändert: Vor einem Jahr war man noch darauf bedacht, einen Großeinkauf in der Woche zu machen, um möglichst wenig Angriffsfläche zu haben. Jetzt ist der fast tägliche Einkauf so ein Highlight im grauen Corona-Alltag. Man lässt sich von der Warenvielfalt verführen, der Einkauf ist ein kleines Event geworden.

Das Thema Regeltreue kennt vermutlich jeder aus seinem Alltag. Sie hatten eben von drei Gruppen gesprochen, neben den Regeltreuen gab es die Übervorsichtigen und die Sorglosen…

Die sehr Vorsichtigen sind sehr viel alarmierter als im letzten Jahr und schränken sich sehr ein, gehen kaum noch aus dem Haus, treffen, wenn überhaupt, nur noch ein, zwei Personen. Das sind meist Menschen, die konkrete Erfahrungen gemacht haben im Umfeld, die Freunde oder Verwandte mit schweren Verläufen oder gar Tode erlebt haben. Bei den Sorglosen ist es umgekehrt, die machen das, was unbedingt notwendig ist, um zum Einkauf oder in der Bahn zugelassen zu werden. Ansonsten sind sie fast in so einer anarchischen Resignation. Hier finden wir auf der einen Seite Corona-Leugner, aber auch Menschen, die sehr zermürbt sind, die das Gefühl haben, das hat alles keinen Zweck mehr.

Gibt es große Unterschiede zwischen Stadt und Land, Jung und Alt, Nord oder Süd?

 

Wir haben keine repräsentative Studie durchgeführt, aber wir versuchen in den tiefenpsychologischen Interviews schon alle Altersgruppen und Regionen abzubilden. In den Grundstrukturen haben wir keine Unterschiede festgestellt. Was wir aber beobachten, ist, dass die jungen Leute in einem ganz anderen Ausmaß betroffen sind von den Einschränkungen. Die Jugendzeit ist eine Zeit des Überschwangs, des Steilgehens. Da braucht man soziale Kontakte, da ist es wichtig, sexuelle Erfahrungen zu sammeln, mit Altersgenossen zu wohnen oder zu reisen. Diese Jugendlichen fühlen sich viel stärker stillgelegt als die älteren Semester. Ich hatte zu Beginn des ersten Lockdowns diese Zeiten mal als kollektiven Vorruhestand bezeichnet – und ältere Leute tun sich da natürlich leichter als die jungen. Junge Menschen sagen eher: Ja, wir reduzieren Kontakte, aber sind im Kreise unserer Wohngemeinschaft unterwegs und das sind dann fünf WGs mit jeweils vier Leuten. Also mehr, als die Politik vorgibt.

Nun erleben wir seit Jahresanfang eine doppelte Negativschleife. Wir haben die Lockdowns, die immer länger und härter werden – und um den Impfstoff, der eigentlich Hoffnung bringen soll, gibt es Streit und Enttäuschungen. Es fehlt das Erfolgserlebnis…

Beim ersten Lockdown gab es noch eine Endlichkeitshoffnung. Das wurde vor allen Dingen am Osterfest festgemacht: Die Menschen hofften, dass sie an Ostern Wiederauferstehung feiern, die Gruft verlassen und wieder ins sonnige Leben eintauchen können. Jetzt fehlen tatsächlich diese Erfolgserlebnisse: Die Zahlen waren lange Zeit stabil auf einem hohen Niveau, alle schränken sich ein, aber es hatte gefühlt keine Auswirkung. Zudem fehlt die himmlische Tröstung, also der Himmel: Die Sonne lacht nicht und ermuntert einen nicht. Man schaut sozusagen in dieses graue Wetter rein. Drittens ist der große Lichtblick der Impfstoff. Und der wurde wieder überschattet durch neue Hiobsbotschaften wie die Corona-Mutationen oder die Impfstoffverknappung.

Kann sich eine gesamte Gesellschaft in eine Negativspirale, in eine Art Burnout bewegen?

Das Wort Burnout ist vielleicht zu heftig. Ich nenne diesen Zustand eher Corona-Korrosion. Es ist eine Ermüdung, ein Zersetzungsprozess. Für einige, die jetzt alleinerziehend sind, die Homeschooling machen, kann sich das natürlich zu einem Burnout entwickeln, weil man wirklich das Gefühl hat, dass man keine Entlastung findet. Und hier merkt man wieder, wie unterschiedlich stark Corona und der Lockdown erlebt werden. Auch das Muster gab es im ersten Lockdown: Die einen empfanden es als eine ganz schlimme Zeit. Sie sagten: Ich fühle mich wie in der Vorhölle, die räumliche Enge, die existenziellen Sorgen, die Überforderung mit Homeschooling und Homeoffice. Während damals schon der andere Teil der Bevölkerung erzählte, dass es die schönste Zeit in ihrem Leben sei. Endlich kommen wir zur Ruhe! Endlich können wir uns mal den Sachen widmen, die schon lange liegengeblieben sind. Man feierte sozusagen seine Entschleunigungsauszeit und richtete sich in einer Corona-Biedermeier-Welt ein. Auch im jetzigen Lockdown gibt es noch Menschen, die sagen: Ja, es ist sehr wohltuend. Ich muss nicht mehr reisen, ich habe nicht mehr so viele Termine.

Das Runterkommen war aber auch seit Anbeginn ein recht elitäres Phänomen: Es gab diese Entschleunigungselite, die nicht mehr um den Globus hetzen musste, von Flieger zu Flieger, von Zeitzone zu Zeitzone. Das Runterkommen war immer auch etwas abgehoben.

Ja, es war aber nicht nur eine Elite. Das Runterkommen beschrieben uns auch Ruheständler und Pensionäre, die vorher das Gefühl hatten, unter einem Vitalitätsdiktat zu stehen –

…die mussten auf Kreuzfahrten gehen?

Also zumindest hatten sie das Gefühl, viel machen zu müssen. Auch hier gab es ein kollektives Innehalten. All diejenigen, die alimentiert sind, also die Studenten aus vermögenden Verhältnissen, alle, die verbeamtet sind, erleben durchaus dieses Momentum: Das ist wie ein kleines Sabbatical. Das ist heute anders. Wir erleben eine gewisse Hochtourigkeit. Dieses abenteuerliche Innehalten im letzten Jahr ist nicht mehr da. Die Unternehmen arbeiten, die Produktion rollt und von daher sind die Straßen auch voller.