Gastkommentar Verschont den Mittelstand mit Konjunkturpaketen!

Symbolbild Mittelstand
Symbolbild Mittelstand
© dpa
Die Politik denkt über ein Konjunkturpaket für den Mittelstand nach, um dessen Innovationskraft zu stärken. Jürgen Schmid hält davon gar nichts: Vielmehr ersticke das viele Geld Innovationen

„Oioioi, jetzt wird es bedenklich!“, dachte ich, als ich neulich hörte, was die Bundeskanzlerin beim Maschinenbau-Verband VDMA in Berlin geäußert hatte. Die Lage sei vor allem im Maschinenbau „besorgniserregend“ , sagte sie dort. Und hatte nicht erst Ende Oktober eine Bertelsmann-Studie verkündet, dass es vielen kleinen und mittleren Unternehmen an Innovationskraft fehlt?

Beide haben zwar mit ihren Feststellungen recht: Der deutsche Mittelstand braucht mehr Innovationen ! Ich befürchte nur, dass die Schlussfolgerung, die die Politik daraus zieht, die Lage noch schlimmer macht. Da bahnt sich eine reflexhafte Reaktion an, die Sie sicher schon zur Genüge kennen.

Der Kavallerie-Reflex

Dieser Reflex hat sich über die letzten Jahrzehnte entwickelt und sieht so aus: Schwächelt die Konjunktur und braucht die Wirtschaft neuen Schwung? Kein Problem, denn die Kavallerie in Gestalt der Politik kommt sofort. Sie wirft sich und das Geld der Steuerzahler heldenhaft in die Schlacht, um Deutschlands Arbeitsplätze zu retten und sich anschließend kräftig auf die Schulter zu klopfen. Nicht umsonst hat Markus Söder erst im Sommer das Thema Konjunkturpaket für den Mittelstand wieder in die öffentliche Runde gestreut.

Vielleicht ahnen Sie schon, auf wen oder was ich gerade warte.

Bedenklich finde ich solche Konjunkturpakete nicht nur, weil sie riesige Summen verschlingen. Sie bewirken noch etwas viel Schlimmeres: Sie ersticken jegliche Innovationsbestrebungen.

Machen Sie es sich bequem!

Ja, genau: Das, was diese Programme vorgeblich fördern sollen, machen sie tatsächlich sogar kaputt.

Innovationen zu entwickeln, ist von Haus aus unbequem. Das gehört dazu, denn kein Mensch kann Ihnen im Vorhinein sagen, ob Ihre Innovation und die Investition, die sie Sie kostet, funktionieren wird. Bei Optimierungen ist das etwas anderes: Da können Sie sich Schrittchen für Schrittchen vorantasten und das Risiko klein halten. Etwas komplett Neues aus dem Boden zu stampfen, hat immer etwas mit Risiko zu tun.

Was sagt Ihr gesunder Menschenverstand: Wann sind Sie eher bereit, sich auf das Unbequeme und Riskante einzulassen? Wenn Sie dazu gezwungen sind oder wenn Ihnen jemand Geld schenkt, damit Sie sich noch ein bisschen länger ausruhen können?

Außerdem haben Innovationen immer auch etwas mit Geschwindigkeit zu tun. Ideen altern heutzutage ziemlich schnell. Ich weiß nicht, ob Sie sich schon einmal mit dem Ausfüllen von Förderanträgen befasst haben? Das kostet unglaublich viel Zeit. Und noch viel mehr Zeit geht ins Land, bis Sie wissen, ob Ihr Antrag genehmigt wird oder nicht. Ich höre immer wieder von Unternehmern, die eine Idee zur Förderung eingereicht haben, und Jahre später erst damit starten können. Das geht mit keiner Halbwertszeit für eine Innovation zusammen.

Helikopter-Söder und die wahre Innovationskraft

Unsere Wirtschaftspolitiker erinnern mich ein bisschen an Helikopter-Eltern: Die räumen ihren Kindern solange alle Hindernisse aus dem Weg, bis das Zeitfenster sich schließt, in dem der Nachwuchs normalerweise lernt, selbst mit Herausforderungen fertig zu werden. Und die deutschen Maschinenbauer bekommen das sehr gut alleine hin, sich aus der momentanen Krise durch Innovationen heraus zu entwickeln.

Wenn ich mir zum Beispiel meinen quasi-Nachbarn in Ammerbuch anschaue: VHF ist eine 250-Mann-Firma, die Fräsmaschinen entwickelt und vertreibt.

Der Geschäftsführer hat vor nicht allzu langer Zeit gleich drei Projekte gleichzeitig gestartet, die völlig anders waren als das bisherige Geschäft: sowohl von der Technologie über das Material bis zum Kundenkreis. Dafür haben sie eine komplett neue Entwicklungs- und Marketingabteilung hochgezogen und eine grundlegend andere Vertriebsstrategie aufgesetzt. Das war nicht nur kostenmäßig ein Riesenprojekt, was sie in kürzester Zeit gestemmt haben.

Was müde Läden munter macht

Die Firma, die immerhin schon 30 Jahre alt ist, hat sich komplett neu erfunden. Hätten die auf irgendwelche Förderprogramme gewartet? Auf keinen Fall! Die waren ja vollauf mit ihrer Innovation beschäftigt: Wer hätte die Zeit finden sollen, sich diesen Antragskram zu kümmern?

An diesem Beispiel können Sie auch ablesen, dass es einem ideenlosen Unternehmen nichts bringt, Innovationen von außen einzukaufen. Denn eine Innovation hört ja nicht auf, Innovation zu sein, sobald sie aus der Entwicklungsabteilung heraus gepurzelt ist oder von einem innovativen externen Dienstleister wie ein goldenes Ei ins Unternehmensnest gelegt wird: In diesem Punkt fängt die Herausforderung oft erst an. Wenn Ihr Marketing und Vertrieb nicht in der Lage ist, die Innovationen zu verkaufen, haben Sie rein gar nichts von Ihrer schönen Innovation. Sind die eigenen Unternehmensstrukturen träge, bringt auch ein innovatives Produkt sie nicht in Schwung.

Fördergelder also zu verwenden, um einem müden Laden von außen Leben einzuhauchen, ist der größte Unsinn überhaupt.

Förderung? Nein, danke!

Wir bei Design Tech brauchen definitiv keine Förderung, um innovativ sein zu können. Oder anders herum gesagt: Wir wollen sie gar nicht, damit wir innovativ bleiben können.

Denn Firmen, die die Zeit finden, sich um Förderanträge und Bewilligungsfristen zu kümmern, haben keine Zeit für Innovationen. Entweder oder. Lieber Herr Söder und lieber Rest der Kavallerie: Für wen würden Sie denn das Konjunkturpaket schnüren wollen? Für die innovativen Firmen, die Ihr Paket gar nicht wollen, oder für die, die ihre Energie auf Anträge statt auf Innovationen konzentrieren? Ihre Antwort würde mich wirklich interessieren …

Jürgen Schmid ist Designer für individuelle und unkonventionelle Lösungen – nicht erst seit er den Mini-Akkuschrauber erfunden hat. Sein Buch „ Standard ist tödlich: Wo die Energie herkommt, die Wirtschaft und Gesellschaft voranbringt “ ist 2018 erschienen.

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