InterviewVerlogene Rentendebatte

Demografieforscher Axel Börsch-Supan
Demografieforscher Axel Börsch-Supan
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Axel Börsch-Supan, hat die Auswirkungen des demografischen Wandels zu seinem Foschungsfeld erkoren. Der Ökonom und Mathematiker, selbst Jahrgang 1954, leitet als Direktor das Munich Center for the Economics of Aging (MEA), das zum Münchner Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik gehört. Dort forscht er unter anderem zu sozialen Sicherungssystemen und dem Sparverhalten der Deutschen. Börsch-Supan hat in Cambridge, Massachusetts, promoviert und arbeitet auch heute noch gelegentlich in den USA. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.


Herr Börsch-Supan, in Deutschland tobt eine neue Rentendebatte. Ist das nur Wahlkampfgetöse, oder gibt es einen ernsten Hintergrund?

Es gibt einen ernsten Hintergrund, die Lücken bei der Armutsbekämpfung. Das hat allerdings nichts damit zu tun, dass das Rentenniveau planmäßig bis 2030 sinken soll. Da werden zwei verschiedene Dinge vermengt. Die Altersarmut betrifft einen engen Kreis, der sich allerdings in 20 Jahren auf einen Anteil von fünf bis sechs Prozent der Rentner verdoppeln könnte. Da brauchen wir die Diskussion: Was tun wir für Langzeitarbeitslose, Erwerbsgeminderte und Migranten? Die Debatte dreht sich jedoch um das Rentenniveau. Horst Seehofer und Sigmar Gabriel wollen dessen Absenkung stoppen. Das hat mit Altersarmut nichts zu tun.

Das müssen Sie erklären…

Der Hauptgrund für Altersarmut ist, dass Erwerbszeiten über ein ganzes Leben fehlen. Um eine vernünftige Rente zu bekommen, braucht man ungefähr 35 Jahre im Erwerbsleben. 20 Jahre reichen nicht. Wenn man relativ lange ­Rente bezieht – etwa zwischen 65 und 80 Jahren –, kann man das nicht in ein paar Jahren erwirtschaften.

Warum dann der Streit um das Rentenniveau?

Weil das Rentenniveau alle Erwerbstätigen interessiert – und Wahlkämpfe in der Mittelschicht gewonnen werden. Das sind populistische Methoden, die mit realen Problemen wenig zu tun haben.

„Man muss das demografische Problem auf möglichst viele Schultern verteilen“

Heißt das, die breite Mittelschicht ist außen vor?

Natürlich ist es unschön für Arbeitnehmer in Deutschland, dass das Rentenniveau sinken wird. Aber es ist auch unschön für die jüngeren Leute – und künftigen Beitragszahler –, dass ihre Abgaben steigen werden. Das liegt an der demografischen Verschiebung. Der Altersquotient – also die Anzahl von Rentnern, die auf einen Arbeitnehmer kommen – verdoppelt sich bis 2030 ungefähr. Diese Lücke zu füllen betrifft alle, die auf gesetzliche Rente angewiesen sind – Rentenbezieher wie Beitragszahler.

Wenn Arbeitnehmer und Rentner diese Last – wie es die Reformen vorsehen – je zur Hälfte tragen, ist das dann fair?

Ja. Man muss das demografische Problem auf möglichst viele Schultern verteilen. Sonst bekommt das System Schlagseite. Wenn die ­Beitragszahler und damit die Arbeit zu hoch belastet werden, geht die Beschäftigung zurück. Außerdem ist es unklug, nur an einer Stellschraube zu drehen: Wir erleben ja seit einigen Jahren das Jobwunder. Aber das kann sich wieder ändern – und dann fehlt uns die Finanzierungsbasis.

Reicht ein Rentenniveau von 43 Prozent denn, um über die ­Runden zu kommen?

Ja, die künftigen Rentner werden besser leben als die Rentner heute. Es gibt da ein großes Missverständnis: Das Rentenniveau ist nicht die Kaufkraft, sondern eine relative Größe. Die Kaufkraft der Renten wird etwas weniger schnell steigen als die Kaufkraft der Löhne. Absolut gesehen steigt die Kaufkraft der Renten in den nächsten zwei Dekaden um durchschnittlich etwa ein Prozent, die der Löhne etwas stärker um ungefähr 1,5 Prozent.

Die Rentner fallen also nur im Vergleich zu Arbeitnehmern zurück?

Ja, aber im Vergleich zur Vorgeneration werden sie mehr bekommen. Das hat sich noch nicht herumgesprochen.

„Nur um Nichtsparer mit geringem Einkommen muss man sich Gedanken machen“

Und wird die absolute Kaufkraft der Rentner reichen?

Ja. Die derzeitige Debatte suggeriert ja, dass die Rentner relativ zu den anderen verarmen. Davon kann keine Rede sein. Die Rentner werden auch reicher – nur nicht um ganz so viel reicher wie der Rest der Bevölkerung. Das hört sich nach Wortklauberei an, ist für das Lebensgefühl und die Zukunftserwartungen aber wichtig.

Wie sieht die Rechnung genau aus?

Unsere Volkswirtschaft wächst im Schnitt um 1,5 Prozent pro Jahr – mal mehr, mal weniger. Das ist über lange Zeiträume recht konstant. Die Alterung kostet uns ungefähr einen halben Prozentpunkt, also bleibt noch ein ganzer Prozentpunkt übrig für Rentensteigerungen. Alles real – sprich: um die Inflation korrigiert.

Und was ist bei Nullrunden?

Die gibt es immer wieder. Insgesamt sind die Renten in den vergangenen 15 Jahren jedoch stärker gestiegen, als man vorhergesagt hat. Zudem wird nie thematisiert, dass die Ruheständler in der letzten Zeit sehr gut weggekommen sind.

Gilt das auch für die Zeit ab 2030?

Ja, 90 Prozent der Rentner werden besser dastehen als heute. Um die anderen werden wir uns kümmern müssen. Deren Problem sind die unregelmäßigen Erwerbsverläufe. Man muss jetzt schauen, möglichst viele in Arbeit zu bringen – das ist Vorsorge für Altersarmut in 20 Jahren.

Können die meisten Leute bei dem Wahlkampfrummel um die Rente dann einfach weghören?

Ja – das sagt sogar die Rentenversicherung selbst. Klar, mit dem Thema hat man in den 70er- und 80er-Jahren Wahlkämpfe gewonnen. Jetzt versucht man, das zu wiederholen. Sachlich ist das aber Unsinn.

Ein Problem ist Ihren Forschungen zufolge, dass viele Leute privat gar nicht für die Rente sparen…

…so ist es, mehr als 40 Prozent der Haushalte.

Können diese Sparverweigerer denn die neue Rentenlücke durch die Reformen seit 2001 füllen?

Man muss drei Gruppen unterscheiden: Es gibt diejenigen, die gar nichts sparen. Ungefähr ein Drittel spart sehr viel, die haben ihre Lücke zu 300 Prozent abgedeckt. Dazwischen liegen die Sparer, denen Niedrigzinsen schaden – aber nicht essenziell, weil es um relativ kleine Beträge geht. Das wirkliche Problem ist, dass viele Verträge unterbrochen oder viel zu spät angefangen werden. Diese Leute kommen nicht auf 40 Sparjahre, die man in den Berechnungen angesetzt hat.

Und wen trifft das?

Vorwiegend Menschen mit niedrigen Einkünften. Aber es war auch immer klar: Die Riester-Rente verhindert keine Altersarmut. Wer das je geglaubt hat, war naiv. Zudem ist es für Einkommensschwache nicht attraktiv, eine Riester-Rente abzuschließen, weil diese auf die Grundsicherung angerechnet wird. Ich halte das für einen groben Kon­struktionsfehler, der schnell korrigiert werden sollte.

Jeder zweite Arbeitnehmer hat gar keine Riester-Rente, viele sparen nicht mehr…

Stopp, die Zahlen sind gar nicht so schlecht. Wenn Sie auf die Haushalte schauen, hat jeder zweite einen Riester-Vertrag. Das ist eine ganze Menge. Von den Nichtsparern ist etwa die Hälfte dank betrieblicher und privater Renten finanziell gut dran, die brauchen keine Riester-Rente. Das belegen auch unsere Forschungen. Nur um insgesamt ein Viertel – die Nichtsparer mit geringen Einkommen – muss man sich Gedanken machen. Für sie muss man die Regeln bei der Grundsicherung ändern.