Notvorräte-Empfehlung „Damit sollte man sehr vorsichtig umgehen“

Blick auf ein halbleeres Regal mit Speiseölen im Supermarkt
Aus Angst vor Engpässen decken sich viele Menschen mit Vorräten ein – und sorgen so für leere Regale in den Supermärkten
© IMAGO / Wolfgang Maria Weber
Innenministerin Nancy Faeser empfiehlt, Notvorräte zu haben. Im Interview erklärt Verhaltensökonom Christian Chlupsa, welche Folgen das haben wird und warum er hofft, dass die Empfehlung gut überlegt war

Herr Chlupsa, was halten Sie von Innenministerin Faesers Empfehlung für einen Notvorrat?

CHRISTIAN CHLUPSA: Ich gehe davon aus, dass die Bundesregierung besser informiert ist als unsereins. Wenn es so ist, dass wir uns bevorraten sollten, machen private Vorräte natürlich Sinn, denn der Handel kann ja nicht die Lager für alle Bundesbürger bereithalten. Ich will nur hoffen, dass Frau Faeser bzw. das Ministerium mit dem Einzelhandel abgesprochen hat, dass eine solche Empfehlung erfolgt. Denn wir haben ja bei Klopapier, Öl und Ähnlichem gesehen, dass das zu Reaktionen führt. Menschen werden wieder hamstern. Da wäre es schon sinnvoll, wenn der Handel weiß, was auf ihn zukommt.

Löst die Ministerin nicht Kriegsängste und folglich Panikkäufe aus?

Vor kurzem hat eine Studie gezeigt, dass ein großer Teil der Menschen, die gar kein Covid-19 hatten, an Post-Covid leiden. Durch Corona und den Ukraine-Krieg sind also offensichtlich alle ein bisschen am Limit. Alles, was man da oben noch draufpackt an Mahnungen und Ängsten, sollte gerechtfertigt sein. Natürlich lösen solche Empfehlungen Ängste aus, und zwar ganz elementare: Ich kann meine Familie nicht mehr mit Essen versorgen. Das ist ja nicht trivial, damit sollte man sehr vorsichtig umgehen. Meine Hoffnung ist deshalb, dass die Empfehlung erfolgte, weil die Lage tatsächlich ernst ist.

Die Deutschen haben wegen des Ukraine-Kriegs schon vor Faesers Empfehlung gehamstert – wie bereits in der Corona-Krise. Was treibt die Menschen dabei eigentlich um?

Da kommen verschiedene Effekte zusammen. Erstens: Social Media. Unsere Wahrnehmung unterscheidet kaum zwischen dem, was ich selbst sehe und was ich in sozialen Netzwerken sehe. Selbst wenn mein Supermarkt noch gefüllte Regale hat, ich aber im Netz ein leeres Regal sehe, bin ich fest überzeugt, ich müsste hamstern. Social Media machen Menschen an der Stelle wirklich panisch. Studien zeigen, dass Nutzer, die ihren Social-Media-Konsum reduzieren, mehr Lebensfreude haben.

Welche Faktoren lassen uns noch hamstern?

Der Herdentrieb. Wenn Sie im Supermarkt zwei Packungen Klopapier nehmen und ich stehe hinter Ihnen, dann nehme ich schon mal drei. Dadurch entsteht ein Schneeballeffekt – jeder packt zur Sicherheit nochmal was oben drauf. Dann werden die Regale schneller leer, und wir sehen eine Knappheit, auf die wir noch mehr reagieren. Wir machen uns also das Leben selber schwer – und schaden natürlich anderen. Den Herdentrieb konnte man auch bei Corona-Schutzmasken beobachten: Viele wollten sie auch ohne Pflicht weiter im Supermarkt tragen, aber dann fielen die Masken relativ schnell im wahrsten Sinne des Wortes. Wir wollen zwar Sicherheit, andererseits möchten wir in der Gesellschaft so wenig wie möglich anecken.

Handelsverbandschef Stefan Genth hält das Hamstern für ein deutsches Phänomen, in anderen Ländern seien die Regale voll. Woran liegt das?

Auch hier wirkt Social Media. Meine Freunde im Ausland lachen dort über uns, weil bei ihnen alle Öle verfügbar sind. Allerdings muss man berücksichtigen, dass dort die Preise massiv gestiegen sind, für Öl etwa haben sie sich verdoppelt und verdreifacht. Dann hängt der Kauf natürlich auch davon ab, ob ich mir das leisten kann. Das wird in der Ukraine-Krise zunehmen. In Italien, Portugal oder Griechenland haben Sie kein deutsches Einkommen. Wenn Öl statt 99 Cent plötzlich 3 Euro kostet, werden Sie sich das mit einem Monatseinkommen von 300, 400 Euro überlegen. Der Deutsche kann trotzdem ins Regal greifen. Darauf hat ja Wirtschaftsminister Robert Habeck bei den Energiepreisen zu Recht hingewiesen: Wir können uns in Deutschland vieles noch leisten, in Südeuropa oder international sind Menschen aber ganz schnell raus.

Ist das aktuelle Hamstern eigentlich ungewöhnlich oder lassen die Menschen sich regelmäßig dazu hinreißen?

Das ist ein normales Phänomen, der Mensch will genügend Reserven haben. Da können Sie bis in die Antike oder wahrscheinlich zu den Alten Ägyptern zurückgehen, die in Gefäßen gelagert haben. Vorräte wie Salz oder Olivenöl waren ja auch wertvoll. Neu ist: Wenn früher bei Ihnen in Berlin das Supermarkt-Regal leer war, habe ich in München nichts davon mitbekommen. Jetzt veröffentlicht jemand ein Bild in den sozialen Netzwerken und andere denken, Klopapier ist überall knapp. Das macht die Dynamik aus, wir scheuchen uns über Social Media gegenseitig hoch.

Wie können die Verbraucher von solchen irrationalen Käufen abgehalten werden?

Man müsste alle sensibilisieren in Bezug auf Social-Media-Konsum und -Aktivität. Immer wenn ich etwas teile, löse ich damit etwas aus. Das gilt natürlich auch für andere Themen, besonders etwa für Falschmeldungen zum Ukraine-Krieg. Wir haben mal die Social-Media-Aktivitäten rund um den Münchener Amoklauf untersucht, weil unsere Hochschule mittendrin saß. Da wurde viel Panik verbreitet bis hin zum GSG-9-Einsatz in München, weil Menschen über ihre Handys Bilder von Einsatzübungen in den USA geteilt und darunter geschrieben haben, das würde gerade live in München passieren. Man kann mit so einem Handy schon ziemlich viel Unfug anrichten.

Wo liegt denn dann das gesunde Maß bei Vorräten – was sollte jeder für den Fall der Fälle zu Hause haben?

Ohne die nächste Panik lostreten zu wollen, sollte der Schwerpunkt auf Wasser liegen. Denn Wasserreserven sind relativ einfach anzugreifen. Die Infrastruktur wird in Deutschland zwar täglich überwacht, ist aber relativ schlecht zu sichern. Ich persönlich habe mir für einige Tage eine Wasserreserve in den Keller gepackt, falls mal was mit dem Leitungswasser wäre. Bei den Waldbränden in Griechenland zum Beispiel waren als erstes die Wasserreserven alle, die Menschen hatten nichts mehr zu trinken. Neben Wasser sollte man sich Dosennahrung mit hohen Nährwerten anschaffen, die man nicht warm machen muss – was nützen mir Nudeln, wenn ich sie nicht kochen kann. Daneben zum Beispiel Knäckebrot, das nicht schlecht wird. Und ganz wichtig: Schokolade für die Seele.

Der Beitrag ist zuerst auf ntv.de erschienen.


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