AlltagsökonomieLeere Regale: Wie sinnvoll sind Hamsterkäufe tatsächlich?

Hamsterkäufe aufgrund von Corona: Leeres Supermarktregal in einem dm Drogeriemarkt
Hamsterkäufe aufgrund von Corona: Ein leeres Supermarktregal in einem dm Drogeriemarktdpa

Das Coronavirus sorgt bei Super- und Drogeriemärkten für erhöhte Nachfrage – und immer wieder leere Regale. Im ganzen Land decken Menschen sich mit lange haltbaren Lebensmitteln und essentiellen Waren wie Klopapier ein. In den Läden ist an manchen Tagen so viel los, dass Mitarbeiter mittlerweile darauf hinweisen, nur noch haushaltsübliche Mengen einzukaufen.

Einige Kunden bereiten sich offenbar auf den vermeintlichen Ausnahmezustand vor. Sowohl die Supermärkte als auch Bundesernährungsministerin Julia Klöckner versichern allerdings, es gebe keine Nachschubprobleme und Versorgungsengpässe. Das Kaufverhalten erfährt daher auch Kritik: So hält Christian Drosten, Leiter der Virologie an der Charité, Hamsterkäufe für Unsinn, denn dazu gebe es keinen Anlass.

Für Menschen, die aufgrund von Krankheit und Immunschwäche auf eine regelmäßige Versorgung angewiesen sind, hat der übermäßige Kauf von Hygieneartikeln und Desinfektionsmittel hat dagegen spürbare Folgen. Sie haben durch die Hamsterkäufe Schwierigkeiten, die für sie notwendigen Produkte zu erhalten. Auch Arztpraxen berichten, dass Atemmasken knapp würden und Kliniken bemängeln knapp werdende Schutzkleidung.

Experten und Behörden rufen daher zum besonnenen Einkaufen auf. Und trotzdem geistern Fotos von leeren Regalen durch die sozialen Medien. Warum hamstern wir also?

„Menschen schlagen geistig um sich“

In Ausnahmesituationen sind viele Menschen nicht mehr fähig, das Geschehen rational zu überdenken und abzuwägen, erklärt der Biopsychologe Peter Walschburger. Wer eine Situationen als vermeintlich sehr gefährlich einschätze, neige viel mehr dazu, mehr „geistig um sich zu schlagen.“

Der Mensch ist das einzige Säugetier mit der Fähigkeit, weit in die Zukunft zu denken und auch seine Vergangenheit gedanklich mitzuschleppen. Das bereitet uns schon im Alltag oft Sorgen – in Gefahrensituationen aber erst recht. Also kann es schon mal passieren, dass wir mit Hamsterkäufen etwas planlos Regale leerräumen, obwohl eine andere Art der Vorsorge angebracht wäre.

Der Professor für Biopsychologie an der FU Berlin sieht aber noch einen weiteren Anlass für den Ansturm auf die Supermärkte. „Wer einkaufen geht und die ganzen Lücken in den Regalen sieht, kann schnell zum Nachahmer werden. Der bekommt dann Angst, nichts mehr abzubekommen, wenn scheinbar schon so eifrig gekauft wird.“

Durch ausführliche Berichterstattung hört man noch dazu schon seit Wochen von den landesweiten Hamsterkäufen, was ein reflexhaftes „Vorsorgen“ zusätzlich anregt. Das Vorsorgen scheint also berechtigt – man will ja am Ende nicht der Dumme sein, dem alles weggekauft wurde. Also greift man zu. So wird man unbewusst Teil einer wenig zweckdienlichen sozialen Kettenreaktion. „Gruppenkonformes Verhalten ersetzt individuelles Nachdenken“, resümiert Walschburger.

Menschen könnten mit dem Gefühl, vor einer Extremsituation zu stehen, nur in den wenigsten Fällen gut umgehen. So kommt ihnen die Rationalität abhanden. Noch dazu sehen sie das Hamstern durch endlose Berichterstattung, Social Media Beiträge und den Blick ins leergeräumte Regal des Supermarktes um die Ecke als legitim an und werden deshalb zu Nachahmern.