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Capital erklärt US-Wahl: Trumps Umfrageverluste und Bidens Chancen

Bei den Buchmachern hat Joe Biden die Nase vorn
Bei den Buchmachern hat Joe Biden die Nase vorn
© IMAGO / Hans Lucas
Kurz vor der Wahl: In den Umfragen verliert Trump in einigen demografischen Gruppen eine Vielzahl seiner Wählerinnen und Wähler. Wieso – und wie er dem hätte entgegenwirken können, erklärt Capital-Redakteur Nils Kreimeier

2016 hatte Trump bei der älteren Wählerschaft einen Vorsprung vor Hillary Clinton. Aktuell liegt er jedoch hinter Biden. Woher kommen die Verluste in den Umfragen bei dieser Gruppe?

Generell haben in den vergangenen Jahren die republikanischen Präsidentschaftskandidaten bei der älteren Bevölkerung vorne gelegen. Das hat sich eben 2016 fortgesetzt: Hillary Clinton hatte große Probleme in dieser Bevölkerungsgruppe Sympathien zu gewinnen. Davon hat Trump profitiert. Das ändert sich momentan. Es ist eine der demografischen Gruppen, in denen es den stärksten Umschwung hin zu Biden gibt. Ein Grund ist wahrscheinlich der Umgang mit der Pandemie. Trump wird Missmanagement vorgeworfen. Inzwischen gibt es nach offiziellen Angaben etwa 230.000 Corona-Tote in den USA . Die älteren Wählerinnen und Wähler nehmen die Pandemie als Teil der Risikogruppe deutlich ernster als jüngere Wähler. Biden wird ein besserer Umgang mit der Corona-Krise zugetraut. Das sieht man in den Umfragen. Ein weiterer Aspekt ist, dass Biden in dieser Wählergruppe auf Sympathien stößt, mehr als es bei Clinton der Fall war. Er ist insbesondere für ältere US-Amerikaner eine Identifikationsfigur – er hat nicht das Aggressive von Trump, er ist mehr der „Kumpeltyp“.

Auch bei den weißen Frauen – den Suburban Housewives - verliert Trump in Umfragen

Das ist der vielleicht sogar noch stärkere Umschwung. Man sieht allgemein, dass Biden insgesamt einen gewaltigen Vorsprung bei den Frauen hat. Das ist auch der Fall bei den weißen Frauen, die 2016 mehrheitlich für Trump gestimmt haben. Da spielen verschiedene Faktoren eine Rolle, zum Beispiel die frauenfeindlichen Aussagen Trumps. Damit stößt er bei vielen Frauen nicht mehr auf hohe Zustimmung, er hat in den letzten vier Jahren allerdings auch nicht versucht dies zu ändern. Mit Sicherheit hat auch die Corona-Pandemie eine Bedeutung. Frauen beschäftigen sich mehr mit Gesundheitsthemen als Männer. Eine enorme Rolle spielte vor allem aber der Umgang mit den Migrantinnen und Migranten an der Grenze zu Mexiko, wo Kinder von ihren Eltern getrennt wurden. Das hat bei den Suburban Housewives für großes Entsetzen gesorgt. Ergebnis: Wenn nun ausschließlich Frauen wählen würden, wäre die Wahl zugunsten von Biden schon entschieden.

Trumps bedient seine Kernwählerschaft

Hätte Trump den Verlusten in den Umfragen vorbeugen können?

Wahrscheinlich schon, doch das widerspricht seinem Naturell. Trump hat in den letzten vier Jahren eben seine harte Wählerbasis bedient. Das sind eher schlecht ausgebildete, männliche Weiße. Für diese hat er mit seinen Äußerungen und politischen Entscheidungen gearbeitet. Um Stimmen über diese Wählergruppe hinaus bemühte er sich nicht. Er hätte seine Rhetorik etwas abrüsten können, weniger rassistische und sexistische Aussagen tätigen können. Im Grunde hätte er wohl seine Kernpersönlichkeit unterdrücken müssen, um auf andere Wählerinnen und Wähler zuzugehen. Er hat das in den letzten vier Jahren nicht gemacht und daher auch nicht in seiner Wahlkampagne. Es gab zwei Fernsehdebatten mit Joe Biden – in der ersten hat er sich als Macho präsentiert, hat seinen Konkurrenten unterbrochen, geschimpft, beleidigt. Das ist extrem schlecht angekommen. Daraus hat er für die zweite Debatte gelernt, das ein bisschen herunterzufahren. Das war das größte Entgegenkommen seinerseits. Sein politischer Instinkt ist aber immer, seine Kernwählergruppe zu bedienen.

Dieses Jahr stimmten viele US-Amerikaner bereits im Early Voting ab, entweder im Wahllokal direkt oder per Briefwahl. Spricht das für eine höhere Wahlbeteiligung und mehr Interesse am politischen Geschehen?

Das hat mehrere Gründe. Das Early Voting nimmt seit Jahren zu. Es wird auch dazu ermutigt, um lange Schlangen am Wahltag zu vermeiden. Dieser Trend ist klar erkennbar und daher nichts neues. Jetzt kommt natürlich hinzu, dass die Menschen in den USA aufgrund der Pandemie besorgt sind, in ein überfülltes Wahllokal zu gehen. Deswegen hat das Early Voting einen unglaublichen Schub bekommen. Weit über die Hälfte der vor vier Jahren insgesamt abgegebenen Stimmen sind dieses Jahr bereits per Early Voting eingegangen. In Texas nähert es sich sogar den 100 Prozent. Trump mobilisiert auf seine Art und Weise auf beiden Seiten des politischen Spektrums die Wählerinnen und Wähler . Einerseits seine Kernwählerschaft, die auch geschlossen zur Wahl gehen dürfte. Andererseits bedient er dadurch, dass er so stark polarisiert, auch die Gegenseite: vor allem Schwarze, Latinos sowie junge Wählerinnen und Wähler.

Lässt sich bei den Early Voters eine Tendenz für das Ergebnis erkennen?

Eines ist klar: Beim Early Voting gibt es einen deutlichen Vorsprung für die demokratische Seite. Das liegt wohl daran, dass Trump die Briefwahl für unsicher erklärt hat, allerdings ohne jegliche Belege. Das hat dazu geführt, dass als Demokraten registrierte Wähler mit den Frühwählerstimmen etwa 15 bis 20 Prozentpunkte vorne liegen. Das ist den Umfragen zu entnehmen, denn die Ergebnisse des Early Votings werden vor der Wahl nicht veröffentlicht. Trump und die Republikaner gehen jedoch davon aus, dass es am Wahltag eine sogenannte „Red Wave“ geben wird. Viele republikanische Wählerinnen und Wähler werden am Wahltag persönlich in die Wahllokale gehen und abstimmen. So könnten sie den Vorsprung durch Briefwahl und persönliche Frühwähler aufholen. In welchem Umfang das geschehen wird, ist eine der großen Fragen dieser Wahl.

Infografik: Zahl der Frühwähler_innen in den USA verdoppelt sich | Statista

Mehr Infografiken finden Sie bei Statista

Gute Chancen für Biden

Welche Staaten werden womöglich die Wahl entscheiden?

Wenn man davon ausgeht, dass Joe Biden alle Staaten gewinnt, die auch Hillary Clinton gewonnen hat, und darüber hinaus die drei Staaten im mittleren Westen – Michigan, Pennsylvania, Wisconsin – dann hat er die Wahl gewonnen. In allen drei Staaten liegt er momentan vorne. Jetzt beginnt das Rechnen. Wenn er einen dieser Staaten nicht gewinnt, muss er einen anderen gewinnen. Die Möglichkeiten dafür gibt es durchaus. Auch im Südwesten der USA sieht es in den Umfragen für Biden gut aus, zum Beispiel Arizona, wo Trump vor vier Jahren gewonnen hat. Biden ist in Georgia sehr stark, wo er vor allem die Stimmen von schwarzen Wählerinnen und Wählern bekommen dürfte. Er hat auch eine gute Chance Florida zu gewinnen – in diesem Fall wäre die Wahl bereits entschieden, da Florida verhältnismäßig viele Wahlmänner hat. Sogar Texas könnte Biden für sich entscheiden. Das wäre allerdings eine politische Sensation, da Texas seit 1976 immer republikanisch gewählt hat. Aber auch da gibt es ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den beiden Präsidentschaftskandidaten. Insgesamt sind die Möglichkeiten von Biden, die Wahl zu gewinnen, deutlich breiter als Trumps. Trump hat einen sehr engen Pfad, aber er hat einen.

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