Siemens„Unternehmen sind kein Wohlfühl-Zirkus für Gutmenschen“

Vor der Halle der Siemens-Hauptversammlung demonstrieren Hunderte Umweltaktivisten und fordern einen Ausstieg aus dem Geschäft mit Kohle-, Öl- und Gaskraftwerken.
Vor der Halle der Siemens-Hauptversammlung demonstrieren Hunderte Umweltaktivisten und fordern einen Ausstieg aus dem Geschäft mit Kohle-, Öl- und Gaskraftwerken.dpa

Manuel Theisen
Manuel Theisen (Foto: M. Dlouhy)

Bei der Siemens-Hauptversammlung in München greift Fridays for Future erneut die Konzernführung an. In der Kritik steht ein Geschäft mit einer australischen Kohlemine. Wie verhält sich ein Unternehmen, das Klimaaktivisten zur Zielscheibe machen? Darüber haben wir mit Professor Manuel Theisen gesprochen, einem der bekanntesten Corporate Governance-Experten in Deutschland. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören auch Grundlagen und Systeme der Überwachung von Unternehmensführung.

Herr Theisen, die Klimabewegung bringt Siemens-Chef Joe Kaeser ganz schön in die Bredouille. War es schlau von ihm, der führenden Aktivistin Lisa Neubauer einen Platz in einem Aufsichtsgremium anzubieten?

MANUEL THEISEN: Zwischenzeitlich bestreitet Kaeser ja dieses Angebot. Aber gehen wir davon aus, er hatte das so angeboten und – was mir wichtig erscheint – auch in Rücksprache mit seinem Aufsichtsratsvorsitzenden Snabe von der Siemens AG (so seine Worte). Dann war das ein hahnebüchen misslungener PR-Gag mit (sehr) absehbarem katastrophalen Ende. Entweder hat die PR-Abteilung von Siemens vollkommen versagt, was ich nicht unterstellen möchte, oder der Vorstandsvorsitzende Kaeser hat besseren Rat in den Wind geschlagen. Deshalb trifft ihn auch persönlich – und nicht das Unternehmen – die Kritik.

Glaubt man Kaesers Worten in einem Interview, dann war zumindest das Gespräch mit dem Gesicht der Bewegung nicht als PR-Gag gemeint. Was kann man als CEO von einem solchen Treffen gewinnen – außer medialer Wahrnehmung? Oder kann man nur verlieren?

Man kann nur verlieren. Unternehmensführer sind keine Politiker und dürfen auch nicht der Versuchung unterliegen, solche quasi „in Teilzeit“ werden zu wollen. Mediale Aufmerksamkeit sollte deshalb auch im und mit dem Unternehmen und nicht auf dem gesellschaftspolitischen Glatteisparkett gesucht werden. Es war doch kristallklar, dass die Medien und Aktivisten dieses durchschaubare „Angebot“ sofort zu ihren Zwecken aufgreifen und ausschlachten. Aus ihrer Sicht sind sie auf Krawall und Aufmerksamkeit aus, aber doch nicht auf kompromissgetriebene Diskussionsrunden eingestellt.

Die Bewegung hat angekündigt, 2020 gegen weitere Unternehmen „Rabatz“ machen zu wollen. Wie sollte sich ein Unternehmen verhalten, wenn es in den Fokus von Umweltaktivisten gerät?

Das wird die Herausforderung für alle Publikumsgesellschaften in der Öffentlichkeit werden: Eine gewisse „Shitstorm“-Resistenz sowie intelligente Lösungen sind gefragt. Der Dialog ist dort zu führen, wo er demokratischerweise zu führen ist: in der Politik und ihren Diskursen. Unternehmen haben die Konsequenzen der Politik zu berücksichtigen, aber nicht Alternativen dafür zu generieren. Dafür ist ihre Interessenlage (und die aller Stakeholder) zu klar definiert, sie sind kein „Wohlfühlzirkus für Gutmenschen“. Selbstverständlich nehmen Unternehmen an der Gesellschaft und in ihr teil, aber sie sind eben nicht die richtigen Adressaten für gesellschaftspolitische Anliegen. Ältere Leser fühlen sich sicher – angesichts der bevorstehenden Aktionärstermine – an die Anti-Atom-Diskussionen auf den Hauptversammlungen der 1970er- und 80er-Jahre erinnert: nur Zirkus, der an falscher Stelle ein Ventil sucht, weil es größere Öffentlichkeit vermittelt.

Kaeser hat sich laut einem „Zeit“-Gespräch für den persönlichen Dialog entschieden, weil er die „Gesellschaft“ als neuen „vierten Stakeholder“ begreift… Ist das ratsam? Und was halten Sie von der These?

Wenn er das wirklich gesagt haben sollte, dann hat er sich um Kopf und Kragen geredet. Und zugleich das Aktienrecht verletzt: Der Vorstand und Aufsichtsrat sind allein dem Unternehmen verpflichtet. Wenn Kaeser jemanden Dritten einladen möchte, im Unternehmen und seiner Politik berücksichtigt zu werden, dann müsste dazu mindestens ein Satzungsänderungsbeschluss her. Die Kapitalgeber werden kaum begeistert sein über eine solche Gefolgschaft. Aber das kann nicht wirklich sein Ernst sein, ich glaube er versucht alles, um seinen Kopf und das avisierte Mandat des Aufsichtsratsvorsitzenden bei Siemens in zwei Jahren (noch) zu retten.

Anders herum könnte ein Unternehmen sich auch wegducken, also einen Protest und den Lärm der sozialen Medien einfach ignorieren. Würde das einen Reputationsschaden abwehren, oder im Gegenteil noch befeuern?

Wie schon gesagt, sind in der aktuellen Situation ohne Zweifel kluge Abwehr- und (aktive) Reaktionsstrategien notwendig. Aber die Unternehmen müssen aus ihrer Sicht eine klare Position beziehen, die Social Media-Attacken sind ja überwiegend anonym, ihnen gebricht es regelmäßig an fassbaren Diskussionsbeiträgen und ansprechbaren Partnern. Diese sind aber Grundvoraussetzungen für einen demokratischen Dialog. All dies – und die Tatsache, in welchem Umfang die Medien für Missbrauch, Schmähungen, unsachliche Kritik etc. genutzt werden – müsste deutlich gemacht werden. Dann kann man auch hoffen, dass eine differenzierte Wahrnehmung dieser vermeintlichen „Meinungsmacher“ folgt.

Kein Konzern kann es Umweltaktivisten wohl unmittelbar recht machen, außer er hält sein Geschäftsmodell von fossilen Brennstoffen fern. Haben es Unternehmen mit Industriekunden da leichter als Unternehmen mit Privatkunden?

Kein Stromhersteller kann es der breiten, uninformierten Masse Recht machen, kein Technologieunternehmen wird schlank aus gesellschaftspolitischen Attacken herauskommen und auch kein Nahrungsmittelkonzern – wie schon gehabt – wird periodisch auftauchende Breitseiten in Medien vermeiden können. Das ist eine Managementaufgabe, und die müssen gute Vorstände und Aufsichtsräte auch lösen können. Ich glaube nicht, dass es am Kundenkreis liegt, es kann meines Erachtens genauso eine hinreichend große Gruppe von Konsumenten treffen.

Würde mehr Transparenz und Offenlegung von Geschäftsprozessen helfen, um Reputationsrisiken abzuwenden?

Unternehmen haben nicht die vorrangige Aufgabe, ihr Handeln gesellschaftspolitisch jedem und allen zu erklären: Soweit sie im politisch zulässigen Rahmen handeln, ihre unternehmensspezifische Verantwortung eben allen Stakeholdern gegenüber wahrnehmen, und sich zumindest bemühen, ihre Aufgabe und Funktion in einer Wettbewerbsgesellschaft darzustellen, dann machen sie einen guten Job. Komplexe Unternehmensentscheidungen, oder deren Strategie und Umsetzung, gehören nicht in eine wie immer geartete „öffentliche“ Diskussion. Die stellt sich dank Social Media letztlich als nichts anderes dar, als das alte „Speakers Corner“ („Meckerecke“), nur eben mit millionenfachen Lautsprechern.