Unternehmensstudie Ambitionierte Klima-Ziele, mangelhafte Umsetzung

Der Umbau der Wirtschaft zur Klimaneutralität wird ein historischer Kraftakt
Der Umbau der Wirtschaft zur Klimaneutralität wird ein historischer Kraftakt
© ddp
Viele Unternehmen sind vom Klimaschutz überzeugt – doch bei der konkreten Umsetzung ihrer CO2-Reduktionspläne gibt es noch viel Luft nach oben. Das zeigt eine neue Studie der Stiftung Klimawirtschaft

Das Ziel ist klar – aber den genauen Weg dorthin gilt es noch zu finden. So lässt sich zusammenfassen, was die Stiftung Klimawirtschaft gemeinsam mit der Unternehmensberatung Better Earth in einer neuen Studie aufzeigt, für die mehr als 50 Unternehmen zu ihren Dekarbonisierungsplänen befragt wurden und die Capital vorab vorlag.

Fast die Hälfte der befragten Unternehmen hat sich demnach selbst ein wissenschaftsbasiertes Klimaziel gesetzt oder ist dabei, eines zu entwickeln. Die Dekarbonisierung sei „in den allermeisten Unternehmen als zentrale und transformative unternehmerische Herausforderung anerkannt“, schreiben die Studienautoren.

Das deckt sich in der Tendenz mit Zahlen, die zu Wochenbeginn die Datenbank Net Zero Tracker lieferte: Demnach verfügt mehr als ein Drittel der größten börsennotierten Unternehmen der Welt inzwischen über selbstgesetzte Null-Emissions-Ziele – vor zwei Jahren lag der Anteil noch bei lediglich einem Fünftel. Die Datenbank wird unter anderem von der britischen Energy and Climate Intelligence Unit sowie der Universität Oxford betrieben. Auch die jährlich von Capital und Statista durchgeführte Studie zu Deutschlands klimabewussten Unternehmen ergab im Januar: Mehr und mehr Unternehmen setzen sich immer ehrgeizigere Ziele für eine bessere Klimabilanz.

Man sehe auf einer normativen Ebene, „dass Dekarbonisierung inzwischen ganz klar Priorität hat“, so Philipp Buddemeier von Better Earth. „Was die strategische und operative Umsetzung angeht, gibt es aber eine kontinuierliche Abnahme des Reifegrades.“ Die Studie schlüsselt für 19 Managementfelder und etwa 100 konkrete Einzelmaßnahmen auf, inwieweit die Firmen den möglichen unternehmerischen Handlungsraum bereits ausschöpfen. Befragt wurden überwiegend größere Unternehmen aus zehn unterschiedlichen Branchen, von Handel bis Chemie.

Lieferkette als Klima-Knackpunkt

Bei strategischen Fragestellungen sowie der Umsetzung im täglichen Business bleibt laut der Studie offenbar noch viel Luft nach oben. Eine große Herausforderung ist etwa die Lieferkettenstrategie – hier bemerken die Autoren, dass der Handlungsraum nur etwas mehr als zur Hälfte genutzt sei. Das liegt unter anderem an unvollständigen und unklaren Informationen zu Beschaffungsgütern, außerdem berichten Unternehmen, dass ihr „Einfluss in der tieferen Lieferkette aufgrund geringer Marktanteile begrenzt“ sei. Immerhin ein Drittel der befragten Firmen hat ihren Lieferanten ein Reduktionsziel ausgegeben.

Auch im Bereich Finanzwesen und Controlling gibt es noch wenig Fortschritt. Ein Drittel der befragten Unternehmen gibt an, hier bisher überhaupt keine besonderen Maßnahmen zu ergreifen. Weniger als die Hälfte haben CO2-Reduktion in ihr Zielkontrollsystem integriert. „Da gibt es noch viel aufzuholen“, sagt Buddemeier. Es sei schließlich ein „unheimlich wichtiger Steuerungshebel, wenn Dekarbonisierung in die Finanzkennzahlen aufgenommen“ werde. Das Thema sei „entscheidend bei der systematischen Übersetzung der gesetzten Ziele in die Entscheidungen im Tagesgeschäft“, heißt es in der Studie. Hier werde „die Kluft zwischen strategischer Zielsetzung und operativer Umsetzung besonders deutlich“.

Im Bezug auf Marketing und Vertrieb zeigen sich ebenfalls deutliche Defizite: Weniger als die Hälfte der Unternehmen macht demnach gesondert Werbung für klimafreundliche Produkte. Immerhin: In den meisten Unternehmen habe man das Führungspersonal für das Ziel der Klimaneutralität sensibilisiert – der entsprechende Handlungsraum ist laut Studie bereits fast vollständig ausgeschöpft. Tatsächlich haben Konzerne wie BMW oder HeidelbergCement bereits die Gehälter ihrer Topmanager an die Erfüllung von Klimazielen gekoppelt.

Viele Unternehmen hinterfragen ihr Geschäftsmodell

Die Lücke zwischen auferlegten Zielen und tatsächlicher Umsetzung sei zum einen einfach auf die Komplexität der Aufgabe zurückzuführen, sagt Daniel Vallentin von der Stiftung Klimawirtschaft: „Viele Unternehmen haben noch großen Beratungsbedarf.“ Zum anderen hätten sich viele CEOs auch ganz bewusst mit ambitionierten Zielsetzungen nach vorne gewagt, sagt Buddemeier. „Ziele zu setzen ist häufig der erste Schritt, auch um Druck nach innen und außen aufzubauen – man muss dann aber auch liefern“, so der Berater. „Das höre ich immer wieder: Öffentlich ausgegebene Ziele helfen in internen Diskussionen.“

Denn viele Unternehmenslenker sind offenbar überzeugt davon, dass der Weg in die Klimaneutralität die Art und Weise ändern wird, wie sie ihr Geld verdienen. Laut der Studie stellen knapp 60 Prozent der Befragten ihr Geschäftsmodell grundlegend in Frage. Ein knappes weiteres Drittel experimentiert im Kleinen bereits mit neuen Modellen, will sein Kerngeschäft aber fürs erste unberührt lassen.

Nur etwa zehn Prozent der befragten Unternehmen schätzen sich normativ, strategisch und operativ als sehr fortgeschritten ein. Aber selbst diese Vorreiter „berichten von Herausforderungen bei der Umsetzung aller Entscheidungen“, resümieren die Autoren.


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