Ukraine-Krieg Ukrainische Regierung platziert Kriegsanleihe

Mit Kriegsanleihen will die Ukraine Geld für den Krieg gegen Russland beschaffen.
Mit Kriegsanleihen will die Ukraine Geld für den Krieg gegen Russland beschaffen.
© IMAGO / Ukrinform
Mit einer Kriegsanleihe will die ukrainische Regierung den Krieg gegen Russland finanziert. Elf Prozent Rendite werden Investoren versprochen. Das Interesse an der Anleihe war groß

Die ukrainische Regierung hat erfolgreich eine Kriegsanleihe am Kapitalmarkt platziert. Laut der Finanzagentur Bloomberg nahm sie dabei 277 Mio. Dollar ein. Mit dem Geld soll der Kampf gegen die russische Invasion finanziert werden. Die Auktion fand 24 Stunden nach einem Hilferuf der Regierung in den sozialen Medien statt: „In der Zeit der militärischen Aggression der Russischen Föderation bietet das Finanzministerium Bürgern, Unternehmen und ausländischen Investoren an, den Haushalt der Ukraine durch Investitionen in militärische Staatsanleihen zu unterstützen.“

Der ukrainische Regierungskommissar für öffentliches Schuldenmanagement, Yuri Butsa, sprach von einer „militärischen Anleihe“. Die Erlöse würden verwendet, „um den Bedarf der Streitkräfte der Ukraine zu decken und die ununterbrochene Deckung des Finanzbedarfs des Staates während des Krieges sicherzustellen“, präzisierte das Finanzministerium in den sozialen Netzwerken. 

Für die Anleihe mit einem Nennwert von 1000 ukrainischen Griwna – etwa 33 US-Dollar – wird den Investoren bei zweimonatiger Laufzeit zehn Prozent Rendite und bei einjähriger Laufzeit sogar elf Prozent in Aussicht gestellt. Das Interesse war groß, sowohl bei institutionellen als auch bei privaten Anlegern. Nicht jeder kam jedoch zum Zuge.

„Elf Prozent: Eine Ansage in Nullzinszeiten“

„Die Ukraine braucht Geld und borgt sich das für teuer Geld“, sagt ntv-Börsenexperte Frank Meyer. „Elf Prozent Zinsen sind eine Ansage in Nullzinszeiten.“ Dass die Investoren zugegriffen hätten, sei sicherlich damit zu erklären, „dass die Ukraine vom Ausland flüssig gehalten wird, sodass Schulden mit Zinsen zurückgezahlt werden können“. Doch auch wenn über verschiedene Kreditlinien von unterschiedlichen Geldgebern verhandelt werde, bleibe das Risiko für die Investoren hoch, warnt Meyer. 

Der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank kündigten an, in den kommenden Wochen und Monaten zusätzliche Finanzmittel in Milliardenhöhe für die Ukraine bereitzustellen. Das IWF-Exekutivdirektorium könnte den Antrag der Ukraine auf eine Notfinanzierung bereits in der kommenden Woche prüfen, heißt es. Weitere 2,2 Mrd. Dollar stünden bis Ende Juni im Rahmen der Bereitschaftskreditvereinbarung zur Verfügung. Die Weltbank bereite für die kommenden Monate ein Unterstützungspaket in Höhe von 3 Mrd. Dollar vor.

Das Prozedere, die Anleihen zu platzieren, gestaltete sich in der jetzigen Lage allerdings schwierig. Sowohl Platzierung als auch Auktion der Kriegsanleihen musste telefonisch und über sogenannte Finanzintermediäre stattfinden. Weil die Finanzinfrastruktur der Ukraine teilweise eingefroren ist, dienten sogenannte Primärhändler als Schnittstelle zum Sekundärmarkt. Konkret sollen das die Citigroup, die österreichische Raiffeisenbank und die in Budapest ansässige OTP Bank gewesen sein, schreibt das „Wall Street Journal“ (WSJ) unter Berufung auf Regierungsangaben. Im Unterschied zum Primärhandel sei der Sekundärhandel mit den Kriegsanleihen immer noch möglich, heißt es. Investoren könnten Devisen verkaufen und Griwna kaufen, aber nicht umgekehrt.

Anfang der Woche soll Yuri Butsa bei potenziellen Investoren geworben haben, dass die Ukraine gut kapitalisiert sei. Die Zentralbank des Landes hat umgerechnet etwa 630 Mio. Dollar an ihren Staatshaushalt überwiesen. Außerdem leistete die Regierung kurz vor der Auktion eine Zinszahlung von 290 Mio. US-Dollar, um Investoren zu signalisieren, dass es sich nicht um eine Umschuldung handele und der Staat zahlungsfähig sei. 

Kriegs-Bonds: riskant, aber gefragt

Es stelle sich trotzdem die Frage, „ob das auch zukünftig so sein wird“, sagt Börsenexperte Meyer. „Der Zinssatz soll Bürger anlocken, ihrem Staat Geld zu borgen, was in Kriegszeiten mit enormen Risiken verbunden ist, sollte der Staat in die Pleite gehen. Deshalb ist der hohe Zins ein Anreiz für Risikofreudige.“

Um das Kriegsrisiko und die Gefahr zu verlieren, zu kompensieren, hätte die Ukraine laut Jochen Stanzl von CMC Markets sogar noch höhere Zinsen bieten müssen. Die Banken am Finanzmarkt, die direkt angesprochen waren, konnte das jedoch nicht abschrecken. Privatinvestoren kamen zu ihrer Enttäuschung gar nicht zum Zuge. Kriegsanleihen, die in Konfliktzeiten ausgegeben werden, um militärische Anstrengungen zu finanzieren, adressieren auch immer den Patriotismus der Anleger.

Wer sich spontan Chancen für eine gute Rendite oder eine gute Tat ausgerechnet hatte, musste feststellen, dass es nicht ausreichte, sich in sein Brokerkonto einzuloggen. Kleinanleger wurden auf den gängigen Plattformen nicht fündig. Anfragen, wie man an diese Anleihen rankäme, die in verschiedenen Foren wie Reddit auftauchten, liefen ebenfalls ins Leere. 

„Die Anleihen waren primär an ausländische und vor allem institutionelle Investoren gerichtet“, erklärt Stanzl ntv.de. Kleinanleger, die aus Patriotismus und politischer Überzeugung zugreifen wollten, seien außen vor geblieben. Ob Privatanleger, beispielsweise die, die ein Konto bei einer der drei Banken haben, zum Zuge kommen, ist bislang nicht klar.

Was die Geschichte lehrt

Marktbeobachter gehen davon aus, dass die Ukraine weitere Anleiheplatzierungen plant. Es sei nicht verwunderlich, dass sie am Dienstag nur eine relativ kleine Menge an Anleihen verkauft habe, zitiert Bloomberg Althea Spinozzi von der Saxo Bank. Normalerweise wollten internationale Investoren keine Währungen besitzen, die nicht weit gehandelt werden. Die Anlagestrategin erwartet, dass die Ukraine versuchen werde, Anleihen in einer attraktiveren Währung auszugeben.

Stanzl hält Anleiheplatzierungen in der Kriegssituation für immer unkalkulierbarer. Dass „die westliche Unterstützung finanziell da ist“, sei zum jetzigen Zeitpunkt hilfreich gewesen. Die Rückzahlfähigkeit sei sowohl durch die ukrainische Zentralbank als auch die Weltbank und den IWF gesichert, sagt Stanzl. Aber: „Der Währungshandel in der Ukraine ist seit dem 24. Februar geschlossen. Es gibt vereinzelt Banken, die noch funktionieren. Da das Land jetzt teilweise besetzt ist, wird das immer schwieriger.“

Börsenexperte Mexer warnt mit Blick auf die Geschichte von Kriegsanleihen: Der Krieg hat die bisher ausgegebenen und umlaufenden Anleihen sehr stark im Kurs gedrückt, da das Risiko der Zahlungsunfähigkeit nicht von der Hand zu weisen sei. „Die Geschichte der Kriegsanleihen zeigt, dass viele wertlos verfallen sind. Es sind äußerst riskante Papiere.“ Wer dieses Risiko scheut, aber trotzdem helfen will, könnte das auch auf andere Weise, wie Kevin van Langen, der in Griechenland lebt, empfiehlt. Laut Bloomberg spendete er 278 Dollar über die Nationalbank der Ukraine, die Geld zur Unterstützung ihres Militärs sammelt.

Der Beitrag ist zuerst erschienen auf ntv.de


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