FinanzevolutionÜbersteht die Peer-2-Peer-Finanzierung die Corona-Krise?

Das Logo von Lending Club ist an der Zentrale in der Innenstadt von San Francisco zu sehen. Die Plattform vermittelt Kredite
Das Logo von Lending Club ist an der Zentrale in der Innenstadt von San Francisco zu sehen. Die Plattform vermittelt Kreditedpa

Elfeinhalb Jahre nach Beginn der heißen Phase der Finanzkrise im Herbst 2008 herrscht erneut Alarmstimmung in der Weltwirtschaft. Der weltweite Lockdown führte zur Einstellung ganzer Geschäftszweige, wie etwa der Reiseverkehrs- und Messewirtschaft und des Gastronomie- und Veranstaltungsgewerbes. Die Krise stört Lieferketten und lässt Arbeitslosenzahlen und Firmenpleiten explodieren, führt zu Staatshaushalten mit bisher nicht gekannten Defiziten und sorgt erneut für Unruhe im Finanzsystem.

Gesamtwirtschaftlich hat der Corona Virus Sars-CoV-2 und die von ihm ausgelöste Krankheit Covid-19 gleichzeitig einen negativen Nachfrageschock und einen negativen Angebotsschock  ausgelöst, einen Zustand für den Ökonomielehrbücher keine Blaupause vorsehen. Staaten und Zentralbanken wissen um die Gefahr für die Wirtschaft und versuchen gegenzusteuern. Ob das wirklich gelingt, wird man erst in einigen Monaten, wenn nicht Jahren sehen.

Aus Finanzsicht verursacht diese Krise zwei Hauptprobleme für Unternehmen und Privatkunden:

  • Liquiditäts- und Zahlungsprobleme, wenn Einzahlungen zum Teil oder komplett wegbrechen und die Auszahlungen nicht im gleichen Umfang reduziert werden können.
  • deutlich höhere Risiken bzw. hohe Ungewissheit über künftige Veränderungen der Ein- und Auszahlungen.

Die Finanzverantwortlichen in Unternehmen arbeiten an verschiedensten Lösungen. Banken und Finanzdienstleister versuchen diese Probleme dadurch zu adressieren, in dem sie

  • entweder Liquidität in Form von Darlehen, Forderungsankauf oder anderen Finanzierungsformen bereitstellen und/oder
  • zumindest Teile der Risiken/Ungewissheit übernehmen oder diese an andere Institutionen oder Personen vermitteln.

Eine Lösung, die beide Probleme zumindest teilweise adressiert, sind etwa durch Förderbanken gesicherten Kredite für Unternehmen. Staatliche Förderinstitute wie die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) springen aber nur unter bestimmten Bedingungen ein. Aus meiner früheren Tätigkeit als kaufmännischer Geschäftsführer einer mittelständischen Unternehmensgruppe und als Unternehmensberater weiß ich aber, dass längst nicht alle Unternehmen die staatlichen Fördertöpfe in Anspruch nehmen wollen oder können. Da ist man ebenso auf der Suche nach anderen Möglichkeiten, um die Liquiditätslage zu verbessern. Dazu gehört auch der Verkauf von Forderungen, die Verlängerung von Zahlungszielen, der Verkauf von Vermögen, natürlich Einsparungen und im schlimmsten Fall die Insolvenz.

P2P-Finanzierung: Erste Blüte nach der Finanzkrise

Ein Nachteil bei Finanzierungen über die Hausbank in schwierigen Zeiten ist, dass für zusätzliche Kredite Sicherheiten oder noch besser zusätzliches Eigenkapital erforderlich ist. Wer über keine Family-and-Friends-Mittel verfügt oder für Finanzinvestoren zu klein ist, der hat seit Ende der 2000er-Jahre eine Alternative mit der P2P-Finanzierung, wenn Banken nicht mehr weiterhelfen können. Die Abkürzung P2P steht für Peer-to-Peer. Das englische Wort Peer wird übersetzt mit „Gleichgestellter“, „Ebenbürtiger. Im Finanzwesen versteht man unter P2P-Finanzierung über Internetplattformen vermittelte Darlehen oder Eigenkapitalmittel, bei der private und institutionelle Geldgeber die Finanzmittel den Suchenden zur Verfügung stellen. Manche verwenden hier den Begriff Crowdfunding. Funding steht für Finanzmittel und Crowd erklärt die Herkunft von einer größeren Gruppe von Menschen, die diese Mittel gemeinsam für einen bestimmten Zweck bereitstellen.

Mit der Finanzkrise erlebte das Crowdfunding vor allem in den USA und in Großbritannien seine erste Hochphase, weil Banken aufgrund der Risiken insbesondere die Kreditvergabe an kleine und mittlere Unternehmen stark reduzierten. Laut einem von Allied Market Research veröffentlichten Bericht soll allein der globale (P2P)-Kreditmarkt im Jahr 2019 ein Volumen von 67,9 Mrd. US-Dollar erreicht haben. Das Volumen der 25 größten Plattformen weltweit zur Finanzierung von Krediten und Eigenkapital addiert sich aus der Statistik von P2PMarket-Data auf über 100 Mrd. Euro. Einen umfassenden Einblick mit weltweiten Statistiken zu verschiedenen Formen der P2P-Finanzierung liefert der „Global Alternative Finance Market Benchmarking“ der University of Cambridge.

Schließt die Peer-2-Peer-Finanzierung erneut Lücken?

Die spannende Frage ist nun, ob die P2P-Finanzierung auch diesmal wieder Lücken schließen kann, die andere Finanzierungsformen reißen. Schaut man aber auf die Veränderungsdaten von P2P Market-Data, dann weisen von den Top 25 Fremd- und Eigenkapitalplattformen nur vier Plattformen in den vergangenen 90 Tagen ein Wachstum gegenüber den drei Monaten davor auf (Stichtag 30.4.). Und nur der US-Ableger von Funding Circle, Nummer 7 des weltweiten Rankings, ist um mehr als 25 Prozent gewachsen. Bei 13 Plattformen ist das Drei-Monatsvolumen um 25 Prozent und mehr geschrumpft.

Die digitalen Plattformen leben davon, dass private Anleger und institutionelle Investoren genügend Mittel bereitstellen. Hier räumte Daniel Bartsch, Mitgründer der deutschen Kreditplattform Creditshelf gegenüber dem Handelsblatt ein, dass sich manche Investoren wegen der Corona-Krise aktuell nicht an neue Anlagemöglichkeiten heranwagen. Auch profitieren die meisten alternativen Finanzierungsanbieter nicht von der Vermittlung staatlicher Förderprogramme, weil diese meist über traditionelle Geschäfts- und Filialbanken ausgezahlt werden. In Großbritannien konnte allerdings bislang nur Funding Circle am staatlichen „Coronavirus Business Interruption Loan Scheme“ (CBILS) teilnehmen.

Stunde der Wahrheit für die alternative Finanzierung

Die Corona-Krise wird damit nun zum großen Lackmustest für die alternativen Finanzierungsplattformen. Zwar haben auch in der Vergangenheit die Plattformen sehr viel Wert auf die Qualität der Finanzierungen der Finanzierungen gelegt. Das wird insbesondere daran deutlich, dass ein Großteil der gewünschten Finanzierungen von den Plattformen erst gar nicht erst zugelassen wird.

Die Qualität zeigt sich aber insbesondere daran, ob und in welchem Umfang professionelle Anleger aus den veröffentlichen Daten die Risiken zuverlässig bepreisen können. Gute Plattformen zeichnen sich nämlich nicht dadurch aus, dass keine Finanzierungen ausfallen. Viel wichtiger ist, dass die Qualität der zur Verfügung gestellten Daten über eine große Zahl von Investments eine möglichst genaue Einschätzung der Ausfallrisiken ermöglicht. Insbesondere professionelle Anleger erwarten, dass bei einer ausreichend großen Zahl von diversifizierten Finanzierungen, die nebst der Risikoprämien gezahlten Zinsen die Summe der ausgefallenen Gelder übersteigen.

Die Ermittlung risikoadjustierter Prämien für Finanzierungen, egal ob Eigenkapital oder Fremdkapital, ist zwar keine Raketenwissenschaft, aber eben auch nicht trivial. Es geht darum, anhand bereitgestellter Informationen die Wahrscheinlichkeit eines (Teil-)Ausfalls einer geleisteten Zahlung zu schätzen. Wie schwer das ist, hat die Finanzkrise ab 2007 gezeigt. Damals lagen viele Ratinggesellschaften falsch. Ihr einziger Job war es, auf der Basis möglichst vieler Informationen die Ausfallwahrscheinlichkeiten von Krediten und Anleihen zu ermitteln. Die fehlerhaften Einschätzungen führten dazu, dass die Finanzierungen nicht angemessen bepreist waren und viele Investoren, darunter auch viele Banken, aufgrund zu niedriger Risikoprämien hohe Verluste erlitten.

Dass die P2P-Finanzierung auch für Profianleger nicht trivial ist, zeigte insbesondere 2016 das Beispiel Lending Club. Das börsennotierte US-Unternehmen gehörte zu den Pionieren der P2P-Finanzierung von Krediten. Das Fintech-Unternehmen geriet in eine tiefe Krise, weil es Kreditpakete mit zu niedrigen Risikostufen „etikettiert“ hatten. Die Profianleger hatten auf eine Einzelanalyse der Kredite verzichtet und sich auf die Risikobewertung der Plattform verlassen.

Das Dilemma der aktuellen Krise ist, dass wir es hier nicht mit berechenbaren Risiken, sondern mit Ungewissheit zu tun haben, wie der Risikoforscher Gerd Gigerenzer dem Handelsblatt sagte. Risiken sind berechenbar, Ungewissheit ist es nicht. In Zeiten mit hoher Ungewissheit reagieren Investoren oft mit Zurückhaltung und fordern höhere Risikoprämien. Das gilt auch für die P2P-Finanzierung. Einige Plattformen haben daher auch ihre Aktivitäten reduziert, wie die britische Lending Works. Andere wie Zopa, habe die Finanzierung höherer Risikoklassen eingestellt.

Die P2P-Finanzierungsplattformen erleben also ihren ersten wirklichen Härtetest. Einerseits müssen sie zeigen, ob sie auch im ökonomischen Hurrikan weiter Finanzmittel vermitteln können. Andererseits stehen sie unter dem Druck, dass nicht zu viele ihrer früheren Finanzierungen notleidend werden. Denn das dürfte die Bereitschaft von Investoren über diesen Weg Privatpersonen und Unternehmen Mittel bereitzustellen, weiter senken bzw. die Risikoprämien deutlich erhöhen. Wir befinden uns derzeit mitten im Auge des Hurrikans. Wie es wirklich da draußen aussieht, werden wir erst wissen, wenn sich der Sturm aufgelöst hat. Und das kann noch dauern.

 


Dirk ElsnerDirk Elsner ist bei der DZ Bank Senior Manager Innovation und Digitalisierung. In dieser Kolumne äußert er seine private Meinung. 2008 hat er das private Wirtschaftsblog BlickLog gegründet, das mehrfach ausgezeichnet wurde. Hier finden Sie weitere Kolumnen aus der Reihe Finanzevolution