FinanzevolutionLending Evolution stockt

Dirk Elsner© Sebastian Berger, Stuttgart

Dirk Elsner ist bei der DZ Bank Senior Manager Innovation und Digitalisierung. In dieser Kolumne äußert er seine private Meinung. 2008 hat er das private Wirtschaftsblog BlickLog gegründet, das mehrfach ausgezeichnet wurde.


„Große Sprünge“ sind in der biologischen Evolution selten beziehungsweise benötigen einen langen Vorlauf. Das gilt auch für die Evolution der Finanzmärkte. Zwar warten weiterhin einige auf den revolutionären Umbruch im Finanzsektor, der wird aber wohl ausbleiben. Dafür sehen wir derzeit faszinierend viele neue Produkte Änderungen und Newcomer (heute meist Fintechs genannt) in verschiedensten Geschäftsbereichen des Finanzwesens. Meist ist in dieser Kolumne von Verbesserungen die Rede. Aber Evolutionen verlaufen selten linear und aufwärts. Zu ihr gehören ebenso schmerzhafte Anpassungen und Rückschläge.

Im Januar hatte ich hier in der Kolumne „Evolution im Marketplace Lending“ über neue Dienstleistungen einiger Start-ups geschrieben, die die Kredite an Unternehmen nicht über Banken, sondern über den Markt also über private und professionelle Anleger finanzieren. Ich beendete die Kolumne mit der Feststellung, dass es derzeit nicht leicht für die Plattformen sei, sich eine Marktlücke zu erobern.

Das zeigt aktuell und sehr prominent das Beispiel Lending Club, ein mittlerweile etabliertes Unternehmen und eines der wenigen börsennotierten Fintechs. Das US-Unternehmen gehört zu den Pionieren der sogenannten Peer-to-Peer-Finanzierung (P2P) und war oft Thema in meinem Blog. Besonders unangenehm war der vergangene Monat für die Aktionäre dieser P2P-Kreditplattform (häufig auch Marketplace Lending genannt). Lending Club, so schrieb die NZZ, galt zur Zeit des Börsenganges 2014 als Paradebeispiel für Innovation und Technologie im Bereich der Finanzdienstleistungen. Die Aktie hat seit ihrem fulminanten Start aber praktisch nur noch an Wert verloren.

Investoren stützen sich auf Risikobewertung der Plattformen

Im Mai hat das frühere Vorzeigeunternehmen Schlagzeilen geliefert, die man bisher eher aus der klassischen Finanzbranche gewohnt war. Die FAZ schrieb: “Das Fintech Unternehmen Lending Club gerät wegen Unregelmäßigkeiten beim Verkauf von Krediten in eine tiefe Krise.” Das Unternehmen, das bis dahin unter institutionellen Investoren einen ausgezeichneten Ruf genoss, soll Kreditpakete falsch „etikettiert“ haben.

Dazu muss man wissen, dass P2P-Kredite sich als eigene Anlageklasse etabliert haben und schon lange nicht mehr nur so vergeben werden, dass ausschließlich Privatpersonen anderen Privatpersonen oder Unternehmen finanzieren. Institutionelle Investoren kaufen mittlerweile ganze Körbe von Krediten von den Plattformen. Für sie ist das eine attraktive Anlageklasse, weil sie deutlich mehr Zinsen verspricht als andere Anlageformen. Dabei machen sich die Profianleger nicht mehr die Mühe einer Einzelanalyse der Kredite, sondern verlassen sich auf die Risikobewertung der Plattformen.

Nach einem Bericht des Economist kamen schon 2014 zwei Drittel aller via Lending Club bereit gestellter Finanzmittel von institutionellen Investoren. Die Financial Times berichtete von Hedgefonds, die eigene Fonds auflegen, um sich in P2P-Krediten zu engagieren. Banken sollen außerdem Verbriefungen aufgelegt haben auf Basis von Darlehen von Lending Club und Prosper (Details: FT.com Santander and BlackRock work on first rated P2P securitisations). Forbes befürchtete 2014 bereits angesichts des Interesses der Investmentprofis ein Ende der ursprünglichen von-privat-an-privat-Philosophie.

Der Boom der P2P-Kredite als Anlageklasse hatte zur Folge, dass die Plattformen keine Probleme hatten, für geeignete Kreditnehmer Finanzmittel zu finden. Vielmehr wurde es zum Problem, geeignete Kreditnehmer für die jeweiligen Risikoklassen zu finden. Lending Club hat bereits 2014 seine Plattform für die Unternehmensfinanzierung geöffnet.