US-WahlkampfTrumps Farmer zwischen Handelskrieg und Wiederwahl

Die Bevölkerungsgruppe, die Trump am meisten unterstützt: FarmerJenn Ackerman

Es war einmal als Bund fürs Leben gedacht.

„Immerwährende Freundschaft zwischen China und Amerika. Immerwährende Freundschaft zwischen Shaanxi und Minnesota. Wir wünschen Ihnen für Ihre Farm jeden erdenklichen Erfolg und Ihrer Familie Glück.“ So schrieben es die Besucher aus der chinesischen Provinz am 15. September 1982 in krakeligen Schriftzeichen in das gepolsterte Gästebuch.

Ein paar Stunden hatte die „Shaanxi-Minnesota-Freundschaftsdelegation“ auf dem Hof von Randall Thalmann verbracht. Man verstand sich auf Anhieb, auch wenn dazu ein Dolmetscher nötig war. Ob sie auch sein Haus besichtigen dürften, fragte die Gruppenleiterin, die sich als Abgesandte des „Volksministeriums“ vorstellte und dem amerikanischen Landwirt erklärte, ihre Aufgabe sei es, das Leben der Menschen in China zu verbessern. Thalmann lud die Chinesen in sein Wohnzimmer ein, öffnete ihnen die Schlafzimmerschränke, damit sie seine Hemden und Hosen fotografieren konnten, und briet ihnen in der Küche Speck in der neuen Mikrowelle. Die Chinesen waren beeindruckt, das Gerät wurde umgedreht, damit sie den Herstellernamen notieren konnten.

„Das hat Spaß gemacht“, erinnert sich Randall Thalmann. Er ist heute 72, seine Haare sind immer noch voll, aber silbergrau. Sein Sohn Brian, der beim Besuch der Chinesen noch ein Teenager war, führt nun den Betrieb im Bezirk McLeod, 80 Kilometer südwestlich von Minneapolis.

Doch eines hat sich in den vergangenen 37 Jahren auf der Farm der Thalmanns nicht verändert: Ihr Hoftor steht der Welt offen – weil sie wissen, dass sie die Welt brauchen. Ohne die globalen Absatzmärkte, allen voran China, kann Thalmann Seeds auf Dauer so wenig überleben wie die übrigen mehr als zwei Millionen Bauern des Landes. Ob Wein aus Kalifornien oder Kirschen aus Washington, Milchpulver aus Wisconsin, Erdnüsse aus Georgia, Soja, Mais und Schweinefleisch aus Minnesota: Amerika verschifft seine Überschussproduktion über zwei Ozeane. Die Landwirtschaft hat erreicht, was Donald Trump zum zentralen Ziel für die ganze Volkswirtschaft erklärt hat: Handelsüberschüsse.

Doch ausgerechnet Präsident Trump ist zur größten Gefahr für das Geschäftsmodell der Branche geworden. In diesem Jahr wird sich der Exportüberschuss nach Schätzung der Regierung fast halbieren. Denn der Handelsgegner China hat erkannt, welcher Hebel sein Orderbuch ist. Je nachdem wie die Verhandlungen laufen, bestellt Peking Soja und Schwein in den USA – oder boykottiert den Import. Noch schlimmer sei, klagt Thalmann, dass sich Trump gleich mit allen vier wichtigsten Handelspartnern angelegt habe: China, Mexiko, Kanada, Europa.

Belastete Freundschaft

Es ist eine geradezu groteske Versuchsanordnung: Die Bevölkerungsgruppe, in der Trump die größte Zustimmung genießt, wird von seiner Abschottungspolitik am härtesten getroffen. Knapp 65 Prozent der Stimmen hat der Präsident 2016 in McLeod geholt. Das flache Land ist in der Wahlstatistik rot gefärbt, in der Farbe der Republikaner. Nur dank der bevölkerungsreichen Metropolregion um Minneapolis, wo die liberalen Wähler dominieren, hat Hillary Clinton den Bundesstaat knapp für sich gewonnen.

„Ich liebe die Farmer, und die Farmer lieben mich“, prahlt Trump. Doch die Freundschaft ist zum Zerreißen gespannt. Die Zahl der Farmkonkurse im Mittleren Westen steigt – und jeder hier kennt inzwischen jemanden, der von einem Selbstmord in der Familie betroffen ist.

Wenn Trump aber die Stimmen der Bauern verliert, wird er 2020 auch die Wiederwahl verlieren.

Ein Jahr davor haben seine Strategen begriffen, wie gefährlich die Verzweiflung auf dem flachen Land ist. Im August schickte Trump seinen Landwirtschaftsminister zum jährlichen Farmerfest nach Minnesota. Sonny Perdue versuchte, die Menge mit einem Wortspiel über das Gejammer der Landwirte aufzuheitern. „Wie nennt man zwei Bauern im Untergeschoss?“, fragte er. „Einen Wein-Keller!“ Er erntete Buhrufe.

Auch Randall Thalmanns Sohn Brian war dort, er war damals noch Präsident der Maisbauernvereinigung des Bundesstaats. Als der 51-Jährige ans Mikrofon trat, ließ er seinem Frust freien Lauf. Von „Make America great again“ komme bei den Landwirten nichts an, schleuderte er dem Minister entgegen: „Es geht abwärts, und zwar schnell.“ Er habe Trump 2016 gewählt, ergänzte er später, aber inzwischen könne er ihn nicht mehr unterstützen.

Zwei Monate später steht der Farmer im kleinen Büro seines Hofs. Grüne Miniaturtrecker fahren im Regal Parade, Brian Thalmann trägt eine Baseballkappe. Über Trump will er nicht mehr reden – zwischen Anhängern und Gegnern des Präsidenten wird auch hier, wo jeder jeden kennt, erbittert gestritten. Doch die Frage, ob sich der Handelskrieg des Präsidenten gegen China ausgezahlt hat, beantwortet er unmissverständlich: „Nein!“

2 000 Acres, rund 800 Hek­tar, bewirtschaftet die Familie, das Zehnfache der Fläche, die ihre Ur­ahnen erwarben, als sie 1877 aus dem niedersächsischen Wechold nach Minnesota auswanderten. Als kleines Kind stapfte Brian noch zwischen Ferkeln herum. Die Nutztierhaltung haben sie vor Langem eingestellt – zu arbeitsintensiv. Doch während viele Kleinbauern im Lauf der Jahrzehnte ihre Höfe aufgaben und sich Jobs in der Stadt suchten, kauften die Thalmanns zu. Trotzdem ernähre der reine Anbau von Mais und Soja die Familie nicht, sagt Brian: „Die Margen sind zu gering.“ Er hat drei Kinder, der mittlere Sohn brennt darauf, nach dem College im April endlich zurück auf die Scholle zu kommen. Am Tag zuvor ist er eineinhalb Stunden gefahren, um bei der Ernte anzupacken.

Thalmann ist ein moderner Farmer – und das heißt: Unternehmer. Auf dem Feld neben dem Haus stehen die niedrigen Sojabüschel in exakten Reihen. Thalmann pflanzt Züchtungen des weltgrößten nicht börsennotierten Saatgutunternehmens Stine an und beliefert damit die Farmer in der Region. Durchs Bürofenster zeigt er auf eine gigantische stählerne Anlage aus Türmen, Hallen und Schütten. Dort reinigt und verpackt er auch für externe Kunden die Ernte, zum Beispiel Roggen, der in einer Whiskey-Brennerei ein paar Kilometer entfernt zu Maische verarbeitet wird.

Doch das ist eine Nische. Was Minnesotas Landwirte produzieren, landet überwiegend im Tank. Soja wird zu Biodiesel, Mais zu Ethanol. Als einer der Ersten hat Thalmann Mitte der 90er-Jahre mit Gleichgesinnten eine Ethanolfabrik gegründet. Knapp 1 000 Bauern liefern ihre Ernte dort ab. Alle vier Monate macht die Kooperative Kassensturz. Lange Zeit war das ein erfreulicher Moment. Bis vor ungefähr einem Jahr, sagt Thalmann, habe man pro Bushel Ethanol (rund 35 Liter) 30 bis 50 Cent mehr kassieren können als auf dem Rohstoffmarkt. Dieser ­knappe halbe Dollar mache einen gewaltigen Unterschied: Er ­entscheide darüber, ob ein Farmer gutes Geld verdienen und reinvestieren könne oder ob er gerade mal die Gewinnschwelle erreiche.

Auf drei Wegen könnten Nationen zu Wohlstand gelangen, hat Benjamin Franklin einmal gesagt. Sie könnten, wie einst die Römer, Kriege gegen ihre Nachbarn führen. „Das ist Raub.“ Der zweite Weg sei der Kommerz, den Franklin als „Betrug“ abtat. „Der dritte ist die Landwirtschaft, der einzige ehrliche Weg, bei dem der Mensch einen tatsächlichen Mehrwert des Samens erhält, den er in die Erde wirft, in einer Art ständigen Wunders, das Gottes Hand zu seinen Gunsten bewirkt.“