KommentarThyssenkrupp-Spaltung lässt viele Fragen offen

Thyssenkrupp-Stahlwerk in Duisburg
Thyssenkrupp-Stahlwerk in Duisburgdpa

Dass bei Thyssenkrupp nicht alles beim Alten bleiben konnte, war spätestens seit Juli klar, als zuerst CEO Heinrich Hiesinger und bald darauf Aufsichtsratschef Ulrich Lehner das Handtuch warfen. Beide fühlten sich drangsaliert von den aktivistischen Investoren Cevian und Elliott, die mehr Rendite sehen wollten und die Strategie kritisierten, für die Hiesinger und Lehner standen. Ihr Abgang, so die naheliegende Vermutung, würde einen Wandel einleiten. Dieser kommt nun – doch er sieht ganz anders aus als erwartet. Die Überraschung ist perfekt.

Hiesinger hatte Thyssenkrupp als Matrix organisiert: Über den Geschäftsbereichen wie Werkstoffhandel, Aufzüge oder Anlagenbau sitzt der Konzern. Dort sind Kompetenzen wie das Personalwesen oder die Rechtsabteilung angesiedelt. Diese Struktur galt den Aktivisten als „Wasserkopf“: als schwerfällig, teuer, überflüssig. Cevian etwa hatte sich wiederholt dahingehend geäußert, man solle die Geschäftsbereiche zu eigenständigen Unternehmen umbauen und den Konzern zu einer reinen Finanzholding.

Doch so kommt es nun nicht. Am Donnerstagnachmittag verkündete der Essener Konzern seine Aufspaltung in zwei eigenständige Unternehmen: Thyssenkrupp Industrials, in dem die Aufzug-, die Autozulieferer- und die Anlagenbau-Sparten zusammengefasst werden. Und Thyssenkrupp Materials, die neben dem Werkstoffhandel und dem Stahlgeschäft auch den U-Boot-Bau beinhalten soll.

Die Aktionäre goutierten das zunächst: Von unter 20 Euro stieg der Kurs innerhalb kurzer Zeit auf 23,50 Euro, um dann gegen Ende des Börsentags wieder etwas nachzugeben. Sicher: Nach der monatelangen Hängepartie bei Thyssenkrupp haucht allein die Tatsache, dass überhaupt mal wieder eine strategische Richtung sichtbar wird, dem Titel neue Fantasie ein. Doch um von einem Befreiungsschlag zu sprechen, dafür sind noch zu viele Fragen ungeklärt.

Der Konzern spricht davon, dass mit der separaten Börsennotierung die Komplexität der Aktie reduziert werde: Investoren, die auf Industriegüter setzen, hätten Interesse an stabilen Cashflows. Die Werkstoffgeschäfte seien dagegen für Investoren interessant, die eher auf zyklische Geschäfte setzen. Das soll den Zugang zu Kapital vereinfachen.

Warum aber hat man dann etwa die U-Boote der Materials-Seite zugeschlagen, anstatt sie bei den anderen Industriegütern zu belassen? Wie sollen die zuvor so stark kritisierten Kosten des Konzern-„Wasserkopfs“ sinken, wenn man nun statt einem gleich zwei Konzerne schafft? Als hätte Thyssenkrupp in letzter Zeit nicht genug Personalquerelen durchlitten, müssen nun gleich zwei neue Führungsmannschaften aufgestellt werden. Und was wird bei einer Aufspaltung aus der Notierung im Dax?

Man darf davon ausgehen, dass die Verantwortlichen sich diesen Schritt gut überlegt haben. Zu hören war von einer zunehmend konstruktiven und vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen dem verbliebenen Rumpf-Vorstand, den größten Eignern Cevian und Krupp-Stiftung sowie auch den Arbeitnehmern. Doch die industrielle Logik dieses Zugs drängt sich nicht auf. Thyssenkrupp muss noch viel Überzeugungsarbeit leisten.