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Strompreise „Jetzt helfen nur noch Energieeffizienz und Sparmaßnahmen"

Strommast vor blauem Himmel
Die Strompreise steigen und das wird vorerst auch so bleiben, sagt Tobias Federico
© IMAGO / Christian Ohde
Die Folgen der Energiekrise machen sich nicht nur bei den Kosten fürs Heizen, sondern auch beim Strom bemerkbar. Womit Verbraucher rechnen müssen und wie sie auf den Preisanstieg am besten reagieren, erklärt Tobias Federico, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Energy Brainpool, im Interview

Auf welche Preissteigerungen müssen sich Verbraucher beim Strom einstellen? 

TOBIAS FEDERICO: Da die Versorger unterschiedlich einkaufen, ist schwer abzuschätzen, was auf die Verbraucher zukommt. Aber wir rechnen bis Jahresende mit mindestens 40 Cent pro Kilowattstunde (kWh), also einer Steigerung von mindestens einem Drittel. Das kann allerdings abweichen, je nach Einkaufsstrategie der Energieversorger. 2024 rechnen wir dann mit einer weiteren Steigerung um ein Drittel.

Was bedeutet das dann zum Jahreswechsel konkret in Euro? 

Ein Standard-Haushalt mit zwei Personen verbraucht im Jahr etwa 3600 kWh und zahlt dafür aktuell rund 1100 Euro. Eine Preissteigerung um ein Drittel bedeutet somit etwa 350 Euro mehr, umgerechnet an die 30 Euro im Monat. Eine vierköpfige Familie verbraucht im Schnitt etwa 6000 kWh im Jahr, auf sie kommt zu bisher rund 1800 Euro also ein Plus von rund 600 Euro zu, auf den Monat gerechnet 50 Euro.

Wie viel mehr zahlen Verbraucher jetzt schon? 

Es ist schwer zu sagen, welche Versorger ihre Preise schon angepasst haben. Die meisten tun dies erst zum Jahresende.

Wie kommen die Preise zustande?

Verbraucher haben andere Preisstrukturen als am Großhandelsmarkt, und die meisten vereinbaren einen Tarif ein Jahr im Voraus. Im Moment zahlen die Verbraucher also das Großhandelsniveau von vergangenem Jahr, vor dem Ukraine-Krieg. Deshalb liegt der Preis aktuell bei 28 bis 30 Cent pro kWh für den Endkunden. Der reine Energiepreis-Anteil davon, also nicht für Steuern und andere Abgaben, waren zuletzt rund 5 Cent pro kWh. Dieser hat sich am Großhandelsmarkt mittlerweile verachtfacht auf 40 Cent. Das ist aber noch kein Schock, die Verbraucher müssen das nicht gleich bezahlen. Denn die Energieversorger kaufen scheibchenweise ein, der Endkunde zahlt einen Durchschnittspreis über die vergangenen eineinhalb bis zwei Jahre.

Warum wird Strom so viel teurer?

Die Großhandelspreise hängen vor allem von den Primärenergie-Preisen ab, die wiederum vom Erdgas dominiert werden. Durch den Wegfall von russischem Pipelinegas und die weltweit angespannte Energielage sind die Gaspreise exorbitant gestiegen, sie haben sich versechsfacht. In der Folge werden auch die anderen Energieträger teurer; die Preise für Steinkohle etwa, als Alternative zum Gas, sind ebenfalls stark gestiegen. Das führt im nächsten Schritt außerdem dazu, dass die CO2-Emissionszertifikate teurer werden, die ebenfalls preisbestimmend für Strom sind. Ihre Preise haben sich verdoppelt. Wir haben also eine angespannte Situation bei allen Energieträgern.

Welche Rolle spielt Gas bei der Stromproduktion, warum treibt dessen Verteuerung auch die Strompreise so stark?

Das liegt am Strommarkt-Design. Die letzte Kraftwerkstechnologie, die die Stromnachfrage deckt, bestimmt den Strompreis. In diesem Fall sind das die Gaskraftwerke. In der gesamten Stromerzeugung hat Gas durchaus einen signifikanten Anteil, etwa 20 Prozent; nur beim gesamten Erdgasverbrauch nicht, dort sind es rund 10 Prozent. 

Ließen sich die Preissteigerungen vermeiden und wenn ja, wie?

Durch unsere hohe energetische Abhängigkeit von Russland lässt sich das jetzt nicht mehr vermeiden, das wäre vorher durch eine Diversifikation der Energiebezugsländer möglich gewesen. Jetzt helfen nur noch Energieeffizienz und Sparmaßnahmen: weniger Strom und Erdgas verbrauchen.

Was sagen Sie zur Atomkraft-Debatte - sollten wir AKWs länger laufen lassen oder gar Atomstrom wieder ausbauen?

Das ist für mich ein Nebengefecht, das sehr viel Energie raubt. Denn wir haben kein Stromproblem, wir haben genügend Kraftwerkskapazitäten, um Strom zu erzeugen. Wir haben ein Wärmeproblem: Zwei Drittel des Erdgases werden zur Wärmeerzeugung genutzt, entweder direkt in Thermen - also Brennstoffkesseln, Blockheizkraftwerken und Gasetagenheizungen - oder indirekt in der Stromerzeugung. Bei der Stromerzeugung nutzen wir die Abwärme mit, das ist die Kraft-Wärme-Kopplung: Gaskraftwerke produzieren Strom und Wärme, die im Fernwärmenetz genutzt wird. Das ist bei Kernkraftwerken nicht der Fall, sie erzeugen nur Strom und keine Abwärme, die wir wirklich nutzen. Deshalb bringt uns das nichts, außer dass wir Strom substituieren würden. Wenn wir die AKWs weiterlaufen lassen würden, würden wir nach unseren Berechnungen nur ein Prozent Erdgas einsparen.

Was halten Sie von einem Strompreis-Deckel, wie ihn die Linken fordern?

Ein Deckel dämpft zunächst die Kosten für die Haushalte. Aber die Preise werden ja vom Großhandelsmarkt verursacht, diese Differenz muss irgendwie finanziert werden. Wenn die Haushalte preisgedeckelt sind, bleibt dafür eigentlich nur noch die Industrie, die dann höhere Strompreise zahlen und deshalb ihre Produkte teurer machen würde. Früher oder später kommen die Preissteigerungen also beim Endkonsumenten an.

Wie lange müssen wir uns auf steigende Strompreise einstellen?

2025/26 dürfte sich die Lage deutlich entspannen. Die Strompreise werden zwar weiter steigen, aber nicht exorbitant für die Haushalte. Denn momentan haben wir wegen fehlender Bezugsalternativen einen Gasmangel. Alternativen sind jedoch im Weltmarkt vorhanden, uns fehlen nur noch Anlandekapazitäten. Wenn die LNG-Terminals fertig sind, können wir Flüssiggas auf dem Weltmarkt einkaufen. Das ist zwar immer noch teurer als russisches Pipelinegas, aber nur doppelt, nicht sechsmal so teuer wie zurzeit mit den Panikpreisen. Dann wird sich der Markt entspannen, und bei niedrigeren Gaspreisen rechnen wir auch mit niedrigeren Strompreisen. Bis diese bei den Haushaltskunden ankommen, dauert es halt zwei, drei Jahre, wegen des scheibchenweisen Einkaufs, wie ich anfangs erklärt habe.

Wie stark belasten die Strompreise die Wirtschaft, ist wie beim Gas teils die Produktion in Gefahr? 

In bestimmten Produktionsbereichen lässt sich Gas nicht durch einen anderen Energieträger ersetzen, wodurch bei einem Gasmangel die Produktion gefährdet wird. Beim Strom dagegen handelt es sich um eine reine Kostenfrage. Ich kann mir allerdings schon vorstellen, dass bestimmte Sektoren, wenn sie die höheren Preise nicht in Folgeprodukte weiterreichen können, finanziell zu kämpfen haben. Aber das ist von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich und nicht unbedingt branchenabhängig. Energieintensive Branchen wie Glas- und Keramikherstellung, Aluminium oder Stahl sind natürlich stärker betroffen. Wie den Haushalten bleibt ihnen, die Energieeffizienz zu steigern und zu sparen.

Dass Strom knapp werden könnte, befürchten Sie nicht. Warum hat dann Wirtschaftsminister Robert Habeck einen Stresstest unserer Stromversorgung in Auftrag gegeben? 

Stresstests sind wesentlicher Bestandteil der Energiewende, also zunächst nichts Besonderes. Durch die neue Primärenergieträger-Situation können sich die Rahmenbedingungen ändern. Da wir in Deutschland Kohlekraftwerke aus der Reserve holen, sehe ich aber immer noch kein Kapazitätsproblem. Ich bereite mich nach wie vor nicht auf einen Blackout vor. Neu ist allerdings die angespannte Kernkraftsituation in Frankreich, die sich durch niedrige Pegelstände verstärkt hat, weil die Kraftwerke Flusswasser zur Kühlung brauchen. Unabhängig davon haben sie technische Probleme. Dabei ist Frankreich schon jetzt auf Stromimporte angewiesen, auch aus Deutschland. Im Winter könnte sich die Lage noch verschärfen, weil in Frankreich mit Strom geheizt wird. Auch dies wird in dem Stresstest jetzt mitgedacht. Ich bin trotzdem zuversichtlich, dass unsere Stromversorgung den Stresstest besteht. Im Herbst werden die Pegelstände wieder steigen. Problematisch werden könnte es nur, wenn wir zeitgleich in Deutschland und Frankreich eine Kältewelle bekommen. 

Wie lässt sich ein Engpass Ihrer Meinung nach am besten verhindern?

Da sind wir wieder beim Thema Energieeffizienz. Die gestiegene Nachfrage nach Heizlüftern hat auch einen Effekt auf die Stromversorgung, das ist eine gewisse Unbekannte. Im Moment sehe ich das nicht als kritisch, die Situation könnte allerdings angespannt werden, wenn noch mehr Menschen Heizlüfter kaufen und tatsächlich damit heizen. 

Würde es finanziell Sinn ergeben, beim Heizen auf Strom umzusteigen?

Nein, mit Strom zu heizen ist deutlich teurer, die Kosten sind trotz der gestiegenen Gaspreise doppelt so hoch. Auch energetisch ist es völlig ineffizient. Wenn bereits Gas zur Stromerzeugung verbrannt wurde und wir diesen Strom dann wieder zur Wärmeerzeugung nutzen, ist das energetisch sinnlos. Deshalb ist Gas zum Heizen auch energetisch sinnvoller. Wenn wir einen Gasmangel bekommen, glaube ich auch nicht, dass Haushalte richtig betroffen wären. Wir werden zwar alle ein bisschen frieren diesen Winter, aber keiner wird deshalb erfrieren.

Aber unser Wohlstand wird bröckeln, oder?

Wir haben den Wert der Diversifikation völlig unterschätzt und uns zu stark von Russland abhängig gemacht. Wir haben uns sehr stark vom Diktat der günstigen Energiepreise leiten lassen und dabei jahrzehntelang von günstigem Pipelinegas aus Russland profitiert. Andere Länder wie Japan haben doppelt so teures Flüssiggas importiert - wir hingegen bekommen jetzt die finale Rechnung. Die aktuelle Situation ist außerdem eine vergeigte Wärmewende. Wir reden immer über Verkehrs- und Energiewende, aber um Wärmeeffizienz-Maßnahmen und eine Wärmewende haben wir uns nicht gekümmert. Zuerst sollte die Wende im Stromsektor kommen, dann im Verkehr, erst danach im Wärmesektor. Nun merken wir, dass eine andere Reihenfolge sinnvoller gewesen wäre.

Der Beitrag ist zuerst erschienen auf ntv.de


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