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Geldanlage Biogas-Aktien: gefragt, aber problematisch

Eine Biogas-Anlage in Schwedt
Eine Biogas-Anlage in Schwedt. Titel des Energieträgers stehen bei Anlegern derzeit hoch im Kurs
© IMAGO / Steinach
Die Bundesregierung möchte die Biogaserzeugung drastisch ausweiten. Das beflügelt die Kurse der großen Branchentitel. Für Anleger stellt sich allerdings die Frage nach der ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit

Energiegewinnung aus Rohstoffen, die immer wieder nachwachsen? Klingt nach einer guten Idee. Gerade in einer Situation, in der die Rohstoffpreise explodieren und Deutschland sich von russischen Energieimporten lossagen möchte. Um Erdgas zu verdrängen, will die Bundesregierung noch mehr erneuerbarer Energien zur Stromerzeugung nutzen. Unter anderem Biogas: „So soll insbesondere die Biogaserzeugung ausgeweitet werden, indem unter anderem die vorgegebenen jährliche Maximalproduktion der Anlagen ausgesetzt wird“, heißt es in einem Schreiben des Wirtschaftsministeriums von Ende Juli. Praktische Konsequenz: Die 70 Prozent-Kappungsregel für Bestandsanlagen, also die Vorschrift, dass diese höchstens 70 Prozent der Energie ins Netz einspeisen dürfen, soll gestrichen werden. Für Neuanlagen ab dem 1. Januar 2023 ist das ohnehin schon beschlossen.

Aufbereitetes Biogas in Form von Biomethan hat momentan einen Anteil von nicht einmal einem Prozent am deutschen Gasmarkt. Laut einer aktuellen Studie des Deutschen Biomasseforschungszentrums (DBFZ) ließen sich „bei Beibehaltung der derzeitigen Strommenge bis zu 46 Prozent, also fast die Hälfte, der momentan durch Gaskraftwerke erzeugten Stromproduktion aus Biogas decken“.

Envitec ist Favorit unter Anlegern

Das beflügelt die Kursfantasien unter Börsianern: Einer der begehrtesten Branchentitel ist der Biogas-Allrounder Envitec. Das im niedersächsischen Lohne (Oldenburg) ansässige Unternehmen bietet Dienstleistungen bei der Planung, beim Bau, der Installation, Reparatur und Wartung von Biogasanlagen an. Die Gesamtbilanz kann sich mit mehr als 700 gebaute Biogas- und Gasaufbereitungsanlagen in insgesamt 17 Ländern sehen lassen.

Die gestiegenen Strom- und Gaspreise haben Envitec dazu veranlasst, seine Ergebnisprognose für das Geschäftsjahr 2022 kräftig zu erhöhen. Demnach geht der Vorstand nun von einem Konzernergebnis vor Steuern (EBT) in der Bandbreite von 45 bis 50 Mio. Euro aus, verglichen mit 23 Mio. ein Jahr zuvor wäre das ein deutlicher Sprung. Bislang war das Management von 35 bis 40 Mio. Euro ausgegangen. Zudem stellt sich Envitec breiter auf, betreibt beispielsweise Deutschlands erste integrierte Bio-LNG-Verflüssigungsanlage. Die Envitec-Aktie hat im vergangenen Monat fast 30 Prozent zugelegt und erreichte Anfang August ein Allzeithoch bei rund 60 Euro pro Anteilsschein.

Nochmal deutlich bekannter ist der deutsche Biokraftstoffhersteller Verbio. Das Unternehmen aus Zörbig in Sachsen-Anhalt produziert Biomethan, Bioethanol und Biodiesel. Auch Verbio ist breit aufgestellt, liefert auch Sterole und pharmazeutisches Glyzerin für die Kosmetikindustrie sowie Tierfutter und Düngemittel. Laut Prognosen soll das EBT für das Gesamtjahr 2022 bei 466 Mio. Euro liegen, nach 135 Mio. Euro im Vorjahr.

Verbio ist sowohl im SDax als auch im TecDax gelistet. Das Papier erlitt Ende Mai nach ablehnenden Kommentaren des Bundesumweltministeriums zur Produktion von Biosprit aus Getreide und Pflanzenöl einen kräftigen Rücksetzer. Seit Anfang Juli ging es nun bereits um nahezu 50 Prozent steil bergauf.

Klassifizierung als nachhaltiger Energieträger

Was Anleger wissen sollten: Biogas ist zwar als nachhaltiger Energieträger klassifiziert. Doch Kritik an dieser Art der Energiegewinnung kommt nicht von ungefähr. Denn die Flächen, die für den Anbau von Energiepflanzen zur Gewinnung von Biogas oder Biosprit genutzt werden, stehen nicht mehr zur Nahrungs- und Futtermittelproduktion zur Verfügung. Da die landwirtschaftlichen Nutzflächen weltweit abnehmen, kommt es hier zu einem offensichtlichen Konflikt: Tank oder Teller.

Geldanlage: Biogas-Aktien: gefragt, aber problematisch

Werden für den Anbau der Energiepflanzen noch dazu Wald- oder gar Regenwaldflächen gerodet, kippt neben er sozialen auch noch die Klimabilanz. Die Thematik ist also vorsichtig gesagt vielschichtig. Ob Biogas-Aktien als nachhaltige Anlage für Anlegerinnen und Anleger infrage kommen, daran scheiden sich die Geister.


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