GastbeitragStakeholder-Kapitalismus: Wie die Weltwirtschaft sich selbst transformiert

Im Sommer 2020 rief das World Economic Forum die globale Elite, dazu auf, ein nachhaltigeres Wirtschafts- und Sozialsystem zu schaffen – kurz: den Stakeholder Kapitalismus
Im Sommer 2020 rief das World Economic Forum die globale Elite, dazu auf, ein nachhaltigeres Wirtschafts- und Sozialsystem zu schaffen IMAGO / Xinhua

Weshalb ist Bosch das erste klimaneutrale Industrieunternehmen der Welt? Warum betreibt Siemens „die beste Fabrik der Welt“? Wieso investieren die Ikea- und die Rockefeller Stiftung 1 Mrd. US-Dollar in nachhaltige Energie? Ist es Zufall, dass die Bochumer GLS Bank das „nachhaltigste Finanzinstitut in Europa“ ist? Oder sich der umsatzstärkste Wirtschaftsprüfer der Welt, Deloitte, verpflichtet, Nachhaltigkeit messbar zu machen?

Was machen diese Unternehmen besser „im Zeitalter radikaler Unsicherheit“, wie die Vereinten Nationen die „Große Transformation“ in der Welt bezeichnen? Eine Antwort: Sie erschaffen einen nachhaltigen Wert, für sich und für die Gesellschaft. Aber das ist nur eine Antwort. Es gibt viel mehr Gemeinsamkeiten.

Als das World Economic Forum im Sommer 2020 seine eigenen Stakeholder, die globale Elite, aufrief, aus der Pandemie heraus unseren Planeten in ein besseres, ein nachhaltigeres Wirtschafts- und Sozialsystem zu führen – in den Stakeholder Kapitalismus – atmeten weltweit alle Pioniere auf. Wenige Unternehmen und Organisationen hatten bis dato den Schritt in die Transformation gewagt, in ein Geschäftsmodell, das grüner, digitaler, fairer ist.

„Ein Unternehmen ist ein soziales Organ. Es hat eine soziale Verantwortung“, so Klaus Schwab, Gründer und Chairman des Forums. „Wir brauchen langfristiges Denken in den Unternehmen, das alle Stakeholder der Gesellschaft miteinbezieht. Die Mitarbeiter, die Zulieferer, den Gesetzgeber, die Gesellschaft, die Aktionäre… Es geht nur gemeinsam.“

„Es geht nur gemeinsam. Jeder Stakeholder in der Gesellschaft hat eine Stimme.“ Verstehen wir, was das bedeutet?

Stark vereinfacht gesagt, geht es um die Einheit von Mensch und Planet; beide müssen im Vordergrund unseres Tuns stehen. Komplexer wird es bei genauerer Betrachtung: Welcher Stakeholder steht wofür und wie soll er sich verhalten? Was ist die Aufgabe von Staaten, der internationalen Gemeinschaft? Ihre, meine? Wenn ausuferndes Wirtschaftswachstum die Erde an den Rand des Abgrunds bringt, welche neuen Erfolgsfaktoren gelten für eine Volkswirtschaft oder ein Unternehmen im 21. Jahrhundert?

Handeln im Einklang mit den UN-Nachhaltigkeitszielen

Auf dem UN-Nachhaltigkeitsgipfel 2015 wurde die „Agenda 2030 für Nachhaltige Entwicklung“ geschaffen: Ein universaler Katalog mit 17 Nachhaltigkeitszielen, der alle Nachhaltigkeitsdimensionen beinhaltet. Ein gemeinsamer Fahrplan für die Welt.

Donya Amer, CEO Bosch Climate Solutions, erklärt es mit dem „Sinn für Verantwortung“ – nicht nur für das eigene Unternehmen, sondern auch für den Planeten. „Heute ist Nachhaltigkeit ein positiver Differenzierungsfaktor, morgen das neue Normal. Wer sich hinter einem größeren Klimaziel neu sortiert, die Unternehmensstruktur neu ausrichtet, der hat einen Wettbewerbsvorteil in der Welt von morgen.“ Bosch ist seit Dezember 2020 das erste klimaneutrale Industrieunternehmen der Welt.

Flexibilität, Digitalisierung und gemeinsames Handeln im Öko-System

Zudem begründet sich der Erfolg eines Unternehmens im 21. Jahrhundert auf „Flexibilität, Digitalisierung und gemeinsames Handeln im Öko-System. Größe spielt keine Rolle mehr”, sagt Cedrik Neike, Siemens-Vorstand und CEO Digital Industries.

Es geht vorrangig um Kooperationen, Partnerschaften. „Weg vom Ego-System, hin zum Öko-System“, nennt er es. Vor Kurzem wurde das Siemens-Elektronikwerk in Amberg zum „globalen Leuchtturm“ gekürt. Hier wurde konsequent automatisiert und digitalisiert: Vom Internet der Dinge, Digitale Zwillinge, Smart Robotics, bis Cloud und Edge Computing.

Unternehmen werden an ihre wichtigste Aufgabe erinnert: Verantwortung.

Langfristig denken, agieren, investieren

Konsequente Digitalisierung ist ein Schlüsselelement unserer Zeit. Wem der Zugang zum Netz verweigert wird, dem wird auch der Zugang verweigert, sich eine Lebensgrundlage zu schaffen. Wir leben im Zeitalter der Vierten Industriellen Revolution – alles ist mit allem verbunden.

„Was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert werden“, sagt Microsoft-Deutschland-CEO Marianne Janik. „Wir müssen sicherstellen, dass nach Covid-19 niemand zurückbleibt.“ Wir spüren gerade, wie es sich anfühlt, wenn ganze Berufszweige rasant vom Aussterben bedroht sind und neue sich erst entwickeln. Der Tech-Riese hat die Gefahr erkannt und eine digitale Qualifizierungsoffensive gestartet, um 25 Millionen Menschen weltweit kostenlos auf die Jobs von Morgen vorzubereiten. „Das genügt aber nicht. Wir brauchen als Gesellschaft auch ethische Prinzipien. Unternehmen allein werden das nicht schaffen. Alle Stakeholder müssen an einem Strang ziehen.“

Nicht konkurrieren, etwas erschaffen – eine neue Realität

Erfolgreiches Top-Management spricht heute die Sprache der Bescheidenheit, eine Sprache, die die Komplexität und die Fragilität unserer Zeit erfasst und in der Lage ist, diese klug umzusetzen. Begriffe wie Ethik, gesellschaftliche Verantwortung, Handeln in Öko-Systemen, Produktivität und Klimaneutralität, das Wohl von Planet und Mensch, Multi-Stakeholder-Denken oder Inklusivität, sind Teil der Führungs-Persönlichkeit.

Warum? Wie Klaus Schwab sagt, „ein Unternehmen ist ein soziales Organ“. Wenn es bedroht wird, sucht es nach Überlebensstrategien. Spätestens seit 2015 lautet die offizielle Marschrichtung: Gemeinsam, fairer, grüner, besser. Covid-19 hat die Geschwindigkeit des Umdenkens erhöht. Unternehmen verinnerlichen zunehmend, dass ein sterbender Planet sie mit in den Abgrund reißt. Gestrige Erfolgskriterien verlaufen sich in Irrelevanz.

Die strengen Helfer der Wirtschaft sind gleichzeitig ihre größten Herausforderer: Die UN schaffen Druck mit ihren Nachhaltigkeitszielen, die in neun Jahren erreicht sein wollen. Die Internationale Energieagentur (IEA) hat gerade einen 400 Meilenstein-Fahrplan zum Erreichen der Klimaneutralität bis 2050 herausgegeben. Mit Vorschlägen, wie: „Jede Suche und Erschließung nach neuen Öl- oder Gasfeldern muss weltweit sofort eingestellt werden.“

Der Internationale Währungsfonds signalisiert, dass 2030 der durchschnittliche globale CO2-Preis pro Tonne bei 75 Dollar liegen wird – heute ist er bei 3 Dollar. Es gibt sehr, sehr viele Beispiele, nicht zuletzt den Green Deal der EU oder das neue Lieferkettengesetz.

Multi-Stakeholder und Menschen für kreative Lösungen zusammenbringen

Gebraucht wird eine „Welle an Investitionen“ (IEA), von allen, überall, um diesen globalen Umbruch zu meistern. Sehr früh verstanden hat das die Rockefeller Foundation. Vor 108 Jahren wurde sie mit John D. Rockefellers Öl-Millionen gegründet, heute kämpft sie (ohne Öl-Millionen) für einer saubere und gesunde Welt. Ihr Präsident Rajiv Shah sagt: „Wir wollen eine Milliarde Menschen noch in dieser Dekade aus der Armut befreien.“

Weil er weiß, dass das nicht allein geht, hat er mit der Ikea-Foundation seine Kräfte gebündelt und eine globale Plattform im Wert von 1 Mrd. US-Dollar eingerichtet, um Klimawandel und Energiearmut zu bekämpfen. Eine Plattform, die darauf abzielt, eine Milliarde Tonnen Treibhausgasemissionen zu reduzieren und eine Milliarde Menschen mit erneuerbarer Energie vor Ort zu unterstützen.

Wer kontrolliert die Transformation in eine grüne, faire Welt?

Das World Economic Forum hat mit den vier größten Wirtschaftsprüfungsunternehmen der Welt im Herbst 2020 einen Maßnahmenkatalog zur Nachhaltigkeitsberichterstattung für Unternehmen erarbeitet: Universelle „Stakeholder-Kapitalismus-Kennzahlen“, die Umwelt-, Sozial- und Governance-Indikatoren (ESG) einschließen.

Volker Krug, CEO Deloitte Deutschland: „Wir machen Nachhaltigkeit messbar. Die Metriken helfen Unternehmen, langfristige Wertschöpfung und ihren Beitrag zu den UN-Nachhaltigkeitszielen zu demonstrieren.“ Sie markieren auch einen Meilenstein bei der Umsetzung des Stakeholder-Kapitalismus.

 


Sibylle Barden ist Publizistin, Board-Member und Keynote-Speaker für Sozioökonomie und Politik. Ihr Podcast „Der Große Neustart“, angelehnt an den „Great Reset“ des World Economic Forum, ist eine Plattform für Pioniere, die neue globale Standards setzen und die Welt auf ein besseres Sozial- und Wirtschaftssystem vorbereiten.