AnalyseStaatsanwälte ermitteln gegen weiteren Ex-Wirecard-Aufseher

Frühere Zentrale von Wirecard: Nach dem Zusammenbruch des Skandalkonzerns ziehen die Ermittlungen der Münchner Staatsanwaltschaft ziehen immer weitere KreiseIMAGO / Sven Simon

Auf die Frage, wie viele Aktien von Wirecard er und seine Familie noch halten, antwortete Klaus Rehnig im Dezember 2018 in einem „Handelsblatt“-Interview nur mit einem Wort: „ausreichend“. Rehnig, ursprünglich aktiv in der Verlagsbranche, gehörte zu den Gründungsgesellschaftern der Vorläuferfirma von Wirecard. Nach dem Börsengang 2005 hielt der Start-up-Investor nach eigenen Angaben 20 Prozent der Anteile – und blieb auch Aktionär, als er im Jahr 2008 den Posten als Aufsichtsratschef aufgab.

Für die Geschäfte von Rehnig und seiner Familie mit Wirecard-Aktien interessiert sich auch die Staatsanwaltschaft München I. Die Ermittlungsbehörde bestätigte auf Anfrage, dass sie ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Marktmanipulation gegen einen bis 2008 amtierenden Aufsichtsratsvorsitzenden des Aschheimer Zahlungsdienstleisters eingeleitet hat. Einen konkreten Namen nennt die Staatsanwaltschaft aus Datenschutzgründen nicht, allerdings treffen diese Angaben nur auf Rehnig zu. Hintergrund des Verfahrens sei der „Verkauf der Aktien eines Angehörigen“ am 23. Juni 2020, also zwei Tage, bevor Wirecard Insolvenz anmeldete, teilte die Behörde mit.

Nach Recherchen von Capital gehen die Ermittlungen gegen Rehnig zurück auf eine Geldwäsche-Verdachtsmeldung der Deutschen Bank von Ende Juli 2020. Dem Institut waren bei Untersuchungen nach der Wirecard-Pleite mehrere Transaktionen auf zwei Konten im Frühjahr 2020 aufgefallen, die sie der für Geldwäsche zuständigen Financial Intelligence Unit (FIU) anzeigte. Im August gab die dem Bundesfinanzministerium unterstellte FIU die Meldung an das bayerische Landeskriminalamt ab. Ende Oktober 2020 eröffneten die Münchner Strafverfolger ein Verfahren gegen Rehnig. Am Donnerstag berichtete auch das „Handelsblatt“ über die Ermittlungen.

Die FIU selbst macht regelmäßig Schlagzeilen, weil bei ihr viele Verdachtsmeldungen von Banken versacken. Seit einiger Zeit ermittelt die Staatsanwaltschaft Osnabrück in diesem Zusammenhang wegen des Verdachts der Strafvereitelung im Amt gegen unbekannte Mitarbeiter der FIU. Im Zusammenhang mit diesem Verfahren schlug zuletzt eine Razzia der Osnabrücker Staatsanwälte im Bundesfinanzministerium von SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz (SPD) und im Justizministerium hohe Wellen.

Aktienverkäufe für 5,6 Mio. Euro

Im Fall von Rehnig geht es laut der Verdachtsmeldung bei den auffälligen Transaktionen um Verkäufe von Wirecard-Aktien, die über ein Depotkonto seiner Ehefrau abgewickelt wurden. Demnach wurden am 23. Juni 2020 mehr als 300.000 Aktien in einem Gesamtwert von 5,6 Mio. Euro verkauft. In Auftrag gegeben wurde der Verkauf laut der Anzeige von Wirecard-Investor Rehnig, der über eine Vollmacht für das Konto verfügt.

Es sei nicht ausgeschlossen, dass der Zeitpunkt des Verkaufs „in Kenntnis der besonderen Umstände bewusst gewählt“ worden sei, heißt es im Analysebericht der FIU zu der Verdachtsmeldung der Deutschen Bank, die Capital einsehen konnte. In ihrem Bericht verweist die FIU auf frühere öffentliche Aussagen Rehnigs, wonach er mit seinen ehemaligen Wegbegleitern bei Wirecard noch „befreundet“ sei – und demnach über den bevorstehenden Insolvenzantrag informiert worden sein könnte. Ausweislich österreichischer Grundbuchauszüge verfügten Rehnig und mehrere seiner Familienangehörigen auch über Pfandrechte in Millionenhöhe bei zwei Immobilien von Ex-Konzernchef Markus Braun in Wien und Kitzbühel. Für die Immobilien wurden nach der Pleite von Wirecard Arrestbefehle beantragt. Rehnig macht Braun heute für einen „Vermögensschaden“ verantwortlich und wirft ihm vor, aus Gier an der Börsenmanipulation durch Wirecard beteiligt gewesen zu sein – was Braun bestreitet.

Rehnig wies auf Anfrage die Vorwürfe der FIU-Experten scharf zurück – nachdem er von Capital vor einiger Zeit erstmals von dem laufenden Verfahren gegen ihn erfuhr. Er habe am 22. Juni 2020 den Hinweis von der Deutschen Bank erhalten, „dass Wirecard-Aktien intern am Wochenende abgewertet wurden“, erklärte er. Sein damaliger Kundenberater habe ihn daher zum Verkauf der Aktien aufgerufen. Für ihn habe es „keinerlei Insiderinformationen“ von Wirecard gegeben, versicherte Rehnig. „Wo die Bank ihre Info her hatte, weiß ich nicht.“ Zudem sei mit Blick auf den Aktienkurs das entscheidende Datum der 18. Juni 2020 gewesen, als öffentlich bekannt wurde, dass der Wirtschaftsprüfer EY das Testat verweigert. „Die Eröffnung des Insolvenzverfahrens ist als Termin danach irrelevant“, betonte Rehnig. Die Vorwürfe seien „dummes Zeug“. Tatsächlich stand die Pleite seit dem Debakel mit dem verwehrten Testat zumindest als reale Option im Raum.

Zudem kritisierte der Ex-Aufsichtsrat in einer Stellungnahme für Capital das Vorgehen der Behörden sowie seiner Bank: „Die sehr allgemeine sowie unsubstantiierte Verdachtsanzeige der Bank hätte bei interner Rücksprache mit dem Kundenbetreuer oder beim Faktencheck sofort ausgeräumt werden können.“ Rehnig setzt darauf, dass ihn sein früherer Kundenberater entlasten kann. Er gehe davon aus, dass die Staatsanwaltschaft dann „sehr schnell die bislang ergebnislose Ermittlung einstellt“, erklärte er.

In ihrer Analyse der Verdachtsmeldung der Deutschen Bank listet die FIU jedoch eine Reihe weiterer Transaktionen auf, die sie als auffällig wertet. So flossen von einem Privatkonto von Rehnigs Ehefrau zwischen Juli 2019 und April 2020 fast 2,6 Mio. Euro an Firmen und ein privates Konto eines weiteren Familienangehörigen. Ausgeglichen wurde das Privatkonto von Rehnigs Ehefrau mit einem Kredit von knapp 3 Mio. Euro, der mit ihrem Depot besichert war. Der Ausgleich erfolgte am 17. April 2020 – also wenige Tage, bevor der verheerende Bericht einer KPMG-Sonderuntersuchung veröffentlicht wurde und den Kurs von Wirecard drückte. Damals versicherte der Konzern noch öffentlich, die KPMG-Prüfer hätten keinerlei schweren Verfehlungen entdeckt. Auch in diesem Fall hält die FIU den Zeitpunkt der Transaktion für auffällig. In ihrem Bericht zu der Verdachtsmeldung schreiben die Analysten: „Im Ergebnis“ gehe man davon aus, dass „Vermögensgegenstände im Zusammenhang mit einer Straftat stehen könnten“.

Ermittlungen gegen Ex-Wirecard-Mitarbeiter

Neben Rehnig ermittelt die Münchner Staatsanwaltschaft auch gegen eine frühere Wirecard-Mitarbeiterin wegen Aktienverkäufen kurz vor der Insolvenz des Konzerns. Das teilte die bayerische Staatsregierung vor einigen Wochen den FDP-Landtagsabgeordneten Helmut Kaltenhauser und Helmut Markwort mit. Laut der Regierungsantwort gehen die Ermittler zudem weiteren Hinweisen auf Verstöße gegen das Wertpapierhandelsgesetz nach, darunter auch durch Personen außerhalb des Wirecard-Konzerns.

In dem zentralen Ermittlungsverfahren zum Wirecard-Komplex liefen nach Angaben des bayerischen Justizministeriums zuletzt Ermittlungen gegen insgesamt 14 frühere Mitarbeiter von Wirecard oder Tochtergesellschaften – darunter fünf ehemalige Vorstandsmitglieder. Tatvorwürfe seien dabei insbesondere gewerbsmäßiger Bandenbetrug, Untreue, unrichtige Darstellung, Marktmanipulation beziehungsweise jeweils Beihilfe sowie Geldwäsche und Strafvereitelung. Darüber hinaus werde gegen drei weitere Ex-Mitarbeiter des Aschheimer Zahlungsdienstleisters wegen Geldwäsche ermittelt.

Im Juni war bereits bekannt geworden, dass auch Rehnigs Nachfolger als Wirecard-Aufsichtsratschef, Wulf Matthias, im Visier der Staatsanwaltschaft steht. Bei Matthias, der bis Anfang 2020 als Chefkontrolleur amtierte, rückten die Ermittler zu Hausdurchsuchungen an. Dabei geht es um den Verdacht auf Beihilfe zur Untreue. Hintergrund sind von Matthias abgesegnete Millionenkredite an mit Wirecard verbundene Unternehmen in Asien, über die Geld aus dem Konzern herausgeschleust worden sein könnte. Matthias weist über einen Anwalt sämtliche Vorwürfe zurück. Zu der Frage, ob sich bei weiteren früheren Aufsichtsräten zwischenzeitlich ein Anfangsverdacht ergeben habe, wollte sich die Staatsanwaltschaft auf Anfrage zuletzt nicht äußern. Dazu würden „aus ermittlungstaktischen Gründen keine Angaben gemacht“.

 


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