KommentarSpäte Einsicht bei Volkswagen

Matthias Müller, Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG, spricht am 16.06.2016 bei einer Pressekonferenz in der Autostadt am VW Werk in Wolfsburg
VW-Chef Müller stellt in Wolfsburger die „Together-Strategie 2025“ des Autobauers vor
© dpa

Wenn Volkswagen-Chef Matthias Müller über die Zukunft seines Konzerns spricht, dann klingt das immer ein bisschen so, als würde man einen Science-Fiction-Film aus den 80er-Jahren sehen: All diese Visionen hat man irgendwo schon mal gehört, bei anderen sind sie schon längst Wirklichkeit geworden, und ein anderer Teil der Ideen klingt immer noch unrealistisch.

Man könnte es sich daher leicht machen, und die „Together-Strategie 2025“, die Müller am Donnerstag vorstellte, einfach als Panikreaktion eines Nachzüglers deuten. Dutzende neue Elektromodelle? Machen doch die Münchner schon. Neue Mobilitätslösungen? Haben wir gestern erst im Car2Go vom Flughafen in die Innenstadt drüber gesprochen. Eigene Batteriefertigung? Ach so, wie Tesla.

Doch es ist, auch wenn das in der Start-up-Kultur gerne so dargestellt wird, beileibe nicht so, dass nur der etwas erreicht, der als erster mit etwas loslegt. Auch das iPhone war weder das erste Smartphone noch hatte es als erstes Gerät einen Touchscreen.

keine Erfolgsgarantie

Wenn Volkswagen nur die Hälfte von dem ernst meint, was es selbst verkündet – oder was in der Branche erzählt wird – dann wird dieses deutsche Ur-Unternehmen in einigen Jahren nicht mehr dasselbe sein. Der Konzern will bis 2025 mehr als 30 neue E-Modelle auf die Strecke schicken und pro Jahr bis zu drei Millionen Stück absetzen. Das entspräche fast einem Drittel aller vom Unternehmen produzierten Fahrzeuge – in weniger als zehn Jahren. Ein eigenes Geschäftsfeld Mobilitätslösungen soll in Berlin aufgebaut werden. Und wenn das nicht nur Zulauf für die Cafés im Prenzlauer Berg bedeutet, dann wird auch dies eine Menge umwälzen. Selbst die noch nicht bestätigten Pläne für eine eigene Batteriezellenfertigung sind so gewaltig, dass sie die deutsche Autoindustrie bis Ende des Jahres einigermaßen durchschütteln könnten.

Das ist keine Erfolgsgarantie, es könnte sich sogar als einer der größten Fehlschläge der deutschen Industriegeschichte erweisen. Aber das liegt auch daran, dass eben noch niemand weiß, ob wir in 15 Jahren alle elektrisch, autonom und mit kurzfristig angemieteten Autos fahren werden. Auch die schlauen Jungs im Silicon Valley wissen das nicht.

Natürlich gilt auch, dass die Veränderungen bei Volkswagen kaum ins Rollen gekommen wären, wenn es nicht das gäbe, was im Unternehmen stets mit dem Nebel-Wort „Diesel-Thematik“ verschleiert wird – also einem Industrieskandal ungeahnten Ausmaßes. Von Müller-Vorgänger Martin Winterkorn wird erzählt, er habe sich bei dem Wort „Digitalisierung“ stets verhaspelt, und Carsharing-Autos gern als „dreckig“ beschrieben.

VW beweist endlich Mut

Erst als Volkswagen schmerzlich vor Augen geführt bekam, dass der geliebte Diesel-Antrieb nur noch mit Mogelei die staatlichen Auflagen erfüllen kann, kam ein Strategiewechsel ins Gespräch. Nun sagt Müller, er erwarte, dass Verbrennungsmotoren immer teurer und E-Antriebe immer günstiger werden und „sich irgendwann beide Kurven treffen“ werden. Es ist eine Einsicht, zu der man als vorausschauender Manager schon vor einigen Jahren hätte kommen können.

All das stimmt. Und doch zeigt sich in dem neuen Programm etwas, was bei Volkswagen in den vergangenen Jahren immer gefehlt hat: Mut.

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