KolumneSolider Aufschwung – aber für Altmaiers „V“ reicht es nicht

Wirtschaftsminister Altmaier sieht die Talsohle für die deutsche Wirtschaft durchschrittenimago images / Jürgen Heinrich

Rein in die Krise, raus aus der Krise. Mit dem Optimismus, den unser Wirtschaftsminister am 1. September verbreitet hat, liegt er nicht ganz falsch. Aber das große „V“, das Peter Altmaier gerade präsentiert hat, wird es wohl doch nicht geben. Die Finanzmärkte, die weit in die Zukunft blicken, haben sich tatsächlich schnell vom Corona-Schock erholt. Sie wetten auf bessere Zeiten, in denen die Wirtschaft wieder brummt, die Zinsen vorerst sehr niedrig bleiben und wir das Virus dauerhaft in den Griff bekommen haben.

Aber für die Wirtschaft selbst zeichnet sich kein echtes „V“ ab, also ein Wiederanstieg, der annähernd so rasant wäre wie der Einbruch vorher. Wir rechnen stattdessen damit, dass die deutsche Wirtschaftsleistung Anfang 2022 wieder das Niveau vom Jahresbeginn 2020 erreichen würde. Anders gesagt: Wir werden etwa zwei Jahre brauchen, um den Absturz der beiden Lockdown-Monate März und April auszugleichen.

BIP Deutschland, vierteljährlich (Veränderung in %)


source: tradingeconomics.com

In einem Wirtschaftssektor können wir uns tatsächlich über ein „V“ freuen. Der deutsche Einzelhandel hat bereits im Mai die Verluste der beiden Vormonate ausgeglichen und hält sich seitdem auf solidem Niveau. Seit die Geschäfte wieder geöffnet haben, geben die Verbraucher wieder Geld aus. Vor allem aber hat der Boom des Online-Handels den Einbruch der Umsätze abgefedert.

Allerdings erholen sich die Ausgaben der Verbraucher für Dienstleistungen, die oftmals durch engen Kontakt zwischen Menschen geprägt sind, nur langsam. Angesichts der jüngsten Sorgen über die wieder etwas höheren Neuinfektionen könnte manchen Dienstleistungen sogar ein Rückschlag drohen. Bis wir wieder Massenveranstaltungen besuchen dürfen, wird es wohl noch bis ins kommende Jahr dauern. Zum Glück weisen die aktuellen Daten darauf hin, dass der teils urlaubs- und partybedingte Anstieg der Fallzahlen in Deutschland ebenso wie in den Niederlanden, Belgien und Österreich wieder etwas nachlässt.

„Häkchen“ statt „V“

Rechnen wir die Ausgaben der Verbraucher für Güter und Dienstleistungen zusammen, so dürfte es wohl bis Anfang 2022 dauern, bis der private Konsum wieder das Ausgangsniveau erreicht hat. Auch angesichts einer weiter angespannten Lage am Arbeitsmarkt werden manche Verbraucher sich trotz des großzügigen Kurzarbeitergeldes sich insgesamt mit ihren Ausgaben vorläufig zurückhalten.

Bisher entspricht der deutsche Konjunkturverlauf in etwa dem Bild eines „Häkchens“, das wir Ende März präsentiert hatten. Dem steilen Absturz folgt ein Anstieg, der zunächst kräftig aber nicht V-förmig ausfällt und sich dann im Zeitablauf abflacht. Mit dem schrittweisen Ende der Lockdowns und der Kontaktbeschränkungen wurden Teile der Wirtschaft wie der Einzelhandel nach dem dramatischen Einbruch rasch wieder angeschaltet. Entsprechend konnte die Wirtschaft schnell die Talsohle durchschreiten und einen ansehnlichen Anstiegswinkel erreichen, der allerdings deutlich hinter einem V zurückblieb.

Nach dem Auslaufen des ersten Aufholeffektes zeichnet sich jetzt ein flacherer Anstiegswinkel ab. Zudem ändern sich die Triebkräfte des Aufschwungs. Während der private Verbrauch nur noch moderat zulegen dürfte, erholen sich jetzt das Verarbeitende Gewerbe und der Außenhandel. Die bessere Konjunktur in China, das sich relativ schnell von der Pandemie erholt hat und zudem seine Binnenwirtschaft wie üblich erheblich stützt, trägt dazu bei. Allerdings dürfte die Rückkehr zu normaleren Verhältnissen in der Industrie bis zu zwei Jahre in Anspruch nehmen, wobei die Aussichten  für die Konsumgüterindustrie angesichts der wieder normalen Nachfrage der Verbraucher zunächst einmal wesentlich besser sind als die für den Maschinenbau.

Sonderkonjunktur für den Maschinenbau

In unsicheren Zeiten halten Unternehmen sich mit Investitionen zurück. Im zweiten Quartal sind die deutschen Ausrüstungsinvestitionen um 28 Prozent eingebrochen nach einem Rückgang von 10,4 Prozent im ersten Quartal, das ja im März bereits durch die Pandemie spürbar beeinträchtigt worden war. Bei uns und unseren Handelspartnern dürften sich die Ausrüstungsinvestitionen vom Schock der Pandemie etwas zeitverzögert und nur schrittweise erholen. Während die Investitionen im Herbst dieses Jahres vermutlich noch vergleichsweise schwach bleiben, dürften sie im Laufe des kommenden Jahres wieder spürbar zulegen. Dies wäre dann eine dritte Phase des Wiederaufschwungs.

Wenn sich die Unternehmen im In- und Ausland nach dem Abflauen der Pandemie wieder trauen, ihre Investitionen hochzufahren, könnte dies dem deutschen Maschinenbau für einige Jahre sogar eine kleine Sonderkonjunktur verschaffen. Denn nach den Erfahrungen dieses Jahres werden viele Unternehmen ihre Lieferketten neu strukturieren wollen. Teilweise wird die Produktion wichtiger Vorprodukte näher an die Heimat heranrücken, teilweise werden Unternehmen dazu übergehen, sich neben dem Hauptlieferanten auch noch auf den einen oder anderen Reserve-Lieferanten zu stützen. Im Falle des Falles könnten diese dann einspringen, sollte eine Lieferkette mal unterbrochen werden. Dazu kommt der allgemeine Druck, nicht zu sehr von China abhängig zu sein.  All dies kann dazu führen, dass Produktionsstätten auf- oder ausgebaut und entsprechend mit Maschinen bestückt werden müssen.

Viel hängt davon ab, dass es uns gelingt, die Pandemie in den Griff zu bekommen und dass die USA nicht in vollem Umfang zu den Handelskriegen des Jahres 2019 zurückkehren. Unter diesen Voraussetzungen zeichnet sich ab, dass Deutschland einen kräftigen Wiederaufschwung erleben kann, der sich im Zeitablauf abflacht. Nach einem Rückgang der deutschen Wirtschaftsleistung von etwa 6 Prozent in diesem Jahr erwarten wir 2021 ein Wachstum von 4,6 Prozent und 2,4 Prozent im Jahr 2022. Für ein großes „V“ wird es nicht ganz reichen. Wenn man sich die Zahlen des Wirtschaftsministeriums anschaut, die nicht weit von unseren Prognosen abweichen, drängt sich der Eindruck auf, dass selbst Altmaier das „V“ nicht ganz wörtlich gemeint hatte.

 


Holger Schmieding ist Chefvolkswirt der Berenberg Bank. Er schreibt hier regelmäßig über makroökonomische Themen. Weitere Kolumnen von Holger Schmieding finden Sie hier