ReportageSelbstfahrende Autos – der neue Goldrausch

Prototypen fahrerloser Autos von Uber
Prototypen fahrerloser Autos von Uber. Der Taxidienst will bei der Revolution der Mobilität ganz vorn dabei sein – Foto: Getty Images

Über das Gelände von Willows in Kalifornien weht an diesem Frühlingstag eine leichte Brise. Eine bunte Mischung von Fahrzeugen steht bereit, es mit dem kurvenreichen Parcours der Thunderhill Rennstrecke aufzunehmen. Anders als bei den meisten Rennen werden heute aber nicht die Geschicke der Piloten auf die Probe gestellt: Diese Autos fahren autonom.

Als Wettbewerber treten Startups der Navigationstechnologie an, Zulieferer von Autoteilen, aufstrebende Softwarefirmen und Teams von Studenten. Streng genommen wird das Rennen am Ende scheitern: Nach zwei Tagen Probefahrten schaffen die meisten Teams es nicht, die Strecke vollautonom zu bewältigen.

Dennoch: Die Stimmung ist aufgeladen. Zwischen tiefen Zügen aus Energy Drinks tüfteln Techies an ihren Programmen, Kapitalgeber schlendern über den Parkplatz, um zu hören, wie ihre Schützlinge sich schlagen. Autonomes Fahren ist heiß im Silicon Valley, und bei diesem Rennen können die kleinsten und kühnsten Start-ups ihr Können beweisen.

„Wir erleben eine Kambrische Explosion ungeahnter Vielfalt, in der jede Firma einen leicht unterschiedlichen Pfad zur Lösung von Problemen nimmt“, vergleicht der Veranstalter und Investor Joshua Schachter die Vielzahl spezialisierter Startups mit dem „Urknall“ tierischen Lebens zu Beginn des Kambriums vor etwa 500 Millionen Jahren.

Nach nur drei Wettstreitern 2016 treten in diesem Jahr bereits zehn an. Und das ist nur ein Symptom des rasanten jugendlichen Wachstums im Sektor des autonomen Fahrens. Unternehmer und Investoren liefern sich ihr eigenes Rennen um Beteiligungen. Alle wollen teilhaben an dem Trend, der schon Vermögen erzeugt hat. Jeden Tag scheint ein neues Start-up aufzutauchen. Mit 750 Mio. Dollar erreichten die Investitionen im ersten Quartal dieses Jahres einen neuen Rekord, errechneten Analysten von CBInsights.

Zweifel an überzogenem Hype

Doch selbst Überzeugte beginnen zu fragen, ob da nicht eine Blase entsteht. Einer davon ist Carl Bass, ein Silicon Valley-Veteran und Teilnehmer am letzten Rennen. „Da passiert gerade etwas Verrücktes in diesem Markt um autonome Autos“, sagt er und hüpft in sein selbstfahrendes Go-kart. „So als ob du gleich Milliardär wirst, nur wenn du selbstfahrend buchstabieren kannst.“

Das Geld fließt üppig und stammt nicht allein aus dem Valley. Führende Autobauer wie Ford und General Motors (GM) ziehen mit der Google-Mutter Alphabet, dem Fahrdienst Uber und anderen Technologiekonzernen mit und investieren in Forschung. Autonome Fahrzeuge bedrohen ihre Existenz. Statt ein Auto zu besitzen, könnten Verbraucher im fahrerlosen Zeitalter bloß einen Transportdienstleister nutzen. Risikokapitalgeber berichten von Topmanagern, die sich klar auf der Verliererseite sehen. Die Frage sei nur noch, wann es so weit sei.

Aus der Verzweiflung heraus entstand eine Reihe von Übernahmen, die wiederum die Erwartungen der Glücksritter im Valley weiter anheizte. Vergangenes Jahr zahlte GM 1 Mrd. Dollar für das Start-up Cruise, Uber kaufte für 680 Mio. Dollar das kaum ein Jahr alte Unternehmen Otto für selbstfahrende LKW. Im März gab Intel 15 Mrd. Dollar für die israelische Sensor- und Softwarefirma Mobileye aus.

Dabei ist wie in vergangenen Tech-Blasen weder das Geschäftsmodell für autonome Fahrzeuge klar, noch ist absehbar, in welchem Zeithorizont sich der Markt entwickeln könnte. Vorerst beherrschen vollautomatisierte Gefährte einigermaßen die Autobahn, im komplexen Stadtverkehr stoßen sie noch an ihre Grenzen. Zudem stellen hoch- und vollautomatisierte Fahrfunktionen Gesetzgeber vor viele offene Regulierungsfragen.