KommentarSehnsucht nach Perspektive

Ein Helfer aus Kalifornien zeigt stolz einen Sticker auf dem steht, dass er gegen Covid-19 geimpft wurdeIMAGO / Sven Simon

Brite müsste man sein in diesem Sommer. (Ja, ich hätte auch nicht gedacht, dass man so etwas mal schreibt.) Die Briten hat das Reisefieber gepackt. Auslöser war eine Rede von Premierminister Boris Johnson, in der er einen Vier-Stufen-Plan vorgestellt hat. Seine Botschaft: Stück für Stück fallen Corona-Beschränkungen bis Ende Juni weg – wenn die Infektionslage es zulässt. Großbritannien hat zwar leidvolle Zick-Zack-Kurs-Erfahrungen gemacht und ist noch stark von der Pandemie betroffen, mit seiner Impfkampagne aber ist es Europa längst enteilt. Rund 20 Millionen oder 30 Prozent der Briten haben schon eine Dosis erhalten.

Und damit ist etwas passiert, was wir alle so ersehnen: Die Menschen schmieden wieder Pläne. Sie haben eine Perspektive, etwas zu unternehmen, sie leben auf etwas hin – und sei es der Ballermann. Es gab einen regelrechten Run auf die Buchungsportale. Die Billigairline Easyjet erklärte, Flugbuchungen hätten sich gegenüber der Vorwoche verdreifacht, Urlaubsbuchungen seien um 630 Prozent gestiegen. Malaga, Alicante, Palma, Faro, Kreta, all diese Ziele waren gefragt. Auch Tui sendete Lebenszeichen: Der staatlich beatmete Reisekonzern zählte über Nacht einen Anstieg der Buchungen um 500 Prozent. Wer immer noch rätselt, was und wieviel von dem Leben vor der Pandemie zurückkehrt: Die Menschen werden in jedem Fall wieder reisen. Und die Briten werden diesen Sommer mit ihren Handtüchern wohl die ersten am Pool sein.

Vielleicht sind Nachrichten wie diese ein Weckruf, dass auch Regierungen wieder mehr Pläne schmieden sollten – und nicht nur neue Regeln für immer neue Lockdownverlängerungen ausbrüten. Immerhin: Die EU doktert nun an einem Reise-Impfpass herum, den es hoffentlich bis zum Sommer geben soll: „Wir rufen dazu auf, die Arbeit an einem gemeinsamen Konzept für Impfbescheinigungen fortzusetzen, und werden uns erneut mit diesem Thema befassen“, hieß es in der Erklärung der Staats- und Regierungschefs nach ihren Beratungen am Donnerstag. Eine Aussage, die Hoffnung und zugleich ein wenig Sorgen bereitet: erneut befassen? Warum vertagen?

Die Geimpften erhalten ihre Grundrechte zurück

Viele Länder arbeiten inzwischen an nationalen Lösungen, darunter Schweden und Dänemark, Estland entwickelt bereits seit Oktober eine „smart yellow card“. Israel hat es mit seinem „Grünen Pass“ vorgemacht: Wer geimpft ist, soll nicht nur wieder reisen können – sondern das gute alte Leben zurückerhalten.

Er oder sie bekommt damit auch keine „Privilegien“, sondern nur die ausgesetzten und eingeschränkten Grundrechte zurück. Ich weiß, dass ich mit dieser Ansicht zu einer Minderheit gehöre, aber ich finde das völlig in Ordnung. 32 Prozent befürworten nach einer Umfrage der „Zeit“, dass Geimpfte Privilegien erhalten sollen, 68 Prozent sind dagegen.

Ich halte es für keinen besonders intelligenten Akt der Solidarität, wenn sich Millionen Geimpfte weiter mit dem ungeschützten Rest verbarrikadieren und verkriechen – und in ihrem erschöpften Corona-Biedermeier überlegen, welche Regeln sie wie umgehen können. Dabei geht es mir nicht darum, ob die Geretteten auch in S-Bahnen Atemschutzmasken tragen. Wäre es nicht vielmehr sinnvoll und zielführend, wenn schon einige Hunderttausend und bald Millionen wieder in Restaurants, Konzerte und Kinos gehen können und dort Geld ausgeben, bevor den Unternehmen zwischen Überbrückungsgeld II und irgendwann V oder VI endgültig die Luft ausgeht?

Keine Denkverbote – auch nicht beim Datenschutz

Und hiermit sind wir wieder bei den Plänen und den Briten und ihrem Sommer: Unsere Gesellschaft hungert nach Perspektiven. Ich weiß, das klingt ein wenig wohlfeil, und dass uns derzeit neue Mutationen, die dritte Welle und der Lockdown bis Ostern beschäftigen.

Aber wir müssen parallel die Ideen und richtigen Produkte für unsere Pläne ab Sommer entwickeln. Hier sollte es einen Kraftakt und keine Denkverbote geben. Und Datenschützer sollten in sich gehen, warum wir zwar die Reise-, Versammlungs- und Berufsfreiheit einschränken, aber hinter vielen Ideen zur Abhilfe dieser Einschränkungen sofort ein Datenschützer mit Bedenken steht. Die Corona-Warn-App warnt vor allem mit ihrer begrenzten Wirksamkeit und Effektivität.

Wenn wir also bald wieder innerhalb Europas reisen und arbeiten wollen, also das „europäische“ Leben leben, muss es einen europaweiten Austausch von Daten und Datenbanken geben, die es bisher nur in Pilotprojekten und zwischen einzelnen Ländern gibt. Nationale Lösungen sind ebenso wichtig, denn für das Konzert in Hamburg oder den Museumsbesuch in Dessau muss man nicht auf ein europäisches Zertifikat warten. Es geht darum, wie Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil sagte, „Tests, Impfungen und Hygienekonzepte miteinander zu verknüpfen“. (In der Zeit vor Corona hätte man noch hinzugefügt: gesteuert von künstlicher Intelligenz.)

„Es geht darum, schon jetzt die Lösungen für die Probleme und Herausforderungen zu schmieden, zu durchdenken und zu entwickeln, die wir ab Sommer, dem Herbst und im kommenden Jahr haben werden“

Horst von Buttlar

Für ein „Leben mit der Pandemie“, wie es so oft heißt, brauchen wir digitale Konzepte und Vernetzungen, für die kommenden Monate und Jahre. Diese müssen so mutig, intelligent und ambitioniert sein wie das Rennen im All und die Mondlandung. Nur, dass sie im schnöden Alltag beginnen: Wenn ich in ein Restaurant oder in einem Hotel einchecke, bin ich also entweder geimpft oder lasse mich vorher testen. Beides kann man über eine App nachweisen – und warum nicht bei Open Table neben dem Tisch gleich einen Testtermin 30 Minuten vorher reservieren? Oder beim Kinobesuch? (Der Ticketanbieter CTS Eventim organsiert in Schleswig-Holstein bereits die Impfterminvergabe.)

Wer Angst um seine Daten hat, ist ja nicht gezwungen, ein Restaurant zu besuchen. Zumal es ja nicht um unzählige und umfassende Daten geht, sondern nur um konkrete: ob wir infiziert sind oder nicht, geimpft sind oder nicht und ob wir das nachweisen können. All das ist immer noch besser als gar kein Kinobesuch oder Abend im Restaurant, zumal wir auf der Hinfahrt, der Suche im Netz und der Buchung inklusive hektischem Cookie-Hinweis-Wegklicken diversen Tech-Konzernen bereits ein Vielfaches an Daten preisgegeben haben. Vielleicht könnte man die Corona Warn-App retten und zu einer Art Corona-Wallet ausbauen.

Im Kern geht es darum, schon jetzt die Lösungen für die Probleme und Herausforderungen zu schmieden, zu durchdenken und zu entwickeln, die wir ab Sommer, dem Herbst und im kommenden Jahr haben werden. Sonst stolpern wir beim Impfen immer wieder in große und komplexe Fragen hinein, und wundern uns, warum wir diese Fragen nicht mal drei oder sechs Monate vorher im Lockdown geklärt haben.

 


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