KolumneSchlechte Karten für Siemens Gamesa

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Außerhalb der Windenergiebrache kennt so gut wie niemand die Namen Ming Yang, Goldwind oder Envision. Dabei könnten die chinesischen Turbinenhersteller über kurz oder lang die Vorzeigebranche der ökologischen Wende weltweit aufmischen. Bisher beschränken sich die Konzerne auf ihr Heimatland, das in naher Zukunft zum größten Absatzmarkt für Offshore-Anlagen werden dürfte. Doch ihre Ambitionen sollte man nicht überschätzen: Ming Yang will schon 2024 das größte Windkraftrad mit einem Durchmesser von 242 Metern und einer Leistung von 16 Megawatt auf den Markt bringen – und damit die etablierten europäischen Hersteller wie Vestas oder Siemens Gamesa unter Druck setzen. „China schockt mit Mega-Windturbine“ überschrieb das „Handelsblatt“ letzte Woche einen Bericht über Ming Yang.

Den chinesischen Markt gibt der deutsch-spanische Hersteller Siemens Gamesa bereits verloren. Das Unternehmen zieht sich völlig aus dem Land zurück und will sein Werk im chinesischen Tianjin nur noch für die Exporte in andere Länder Asiens beschäftigen. Doch langfristig dürfte selbst diese Rechnung nicht aufgehen und der Standort wahrscheinlich nicht überleben.

Siemens Gamesa steckt in der Defensive – seit langem im Geschäft auf Land und bald wohl auch im wichtigeren Offshore-Geschäft. Lange Zeit ließen sich viele Konzernstrategen von den enormen globalen Wachstumsraten in ihrer Branche täuschen. Man dachte, der Markt sei groß genug für alle, um gut über die Runden zu kommen. Inzwischen zeigt sich aber immer mehr, wie stark der Wettbewerb auf die Preise drückt und wie hoch die Risiken vieler Großprojekte sind.

Damit gerät auch der Mutterkonzern von Gamesa, Siemens Energy, mehr und mehr in die Bredouille. Der scheinbar so geniale Plan des früheren Siemens-Chef Joe Kaeser könnte scheitern, wenn es weiter schlecht läuft. Die ursprüngliche Idee – das sinkende Geschäft mit konventionellen Energien durch das wachsende Geschäft mit erneuerbaren Energien auszutarieren – steht vor einer harten Bewährungsprobe. Die Probleme von Gamesa, die zu zwei Gewinnwarnungen hintereinander geführt haben, entnerven den neuen Siemens-Energy-Chef Christian Bruch zunehmend. Ein immer härterer Sparkurs ist die Folge, der die langfristige Strategie in wichtigen Wachstumsmärkten gefährdet.

Den wichtigsten Konstruktionsfehler seines Konzerns kann Bruch kurzfristig nicht korrigieren: Siemens Energy gehören zwar zwei Drittel von Gamesa, aber richtig durchregieren kann die deutsche Mutter trotzdem nicht. Eigentlich wäre es die beste Lösung, die restlichen Aktionäre des Windturbinenherstellers abzufinden und Gamesa von der Börse zu nehmen. Doch dafür fehlt Siemens Energy schlicht das notwendige Kapital. Bruch bleibt deshalb keine andere Möglichkeit, als die Peitsche in Richtung Gamesa zu schwingen und unbotmäßige Chefs auszutauschen. Bald könnte es wieder so sein. Aber viel ändern dürfte es nicht.


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.