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Nord Stream Russland fackelt sein Gas ab – für 13 Mio. Euro täglich

Eine Gasflamme ragt in den Himmel über Portovaya
Russland verbrennt in Portovaya Gas, aufgenommen von einem Luftüberwachungsturm in Pyterlahti im Osten Finnlands
© IMAGO / Lehtikuva
Russland verbrennt offenbar große Mengen Erdgas, anstatt sie über Pipelines nach Deutschland zu leiten. Wissenschaftler warnen vor einer Umweltkatastrophe

Während in Deutschland die Strom- und Gaspreise in die Höhe schießen, brennt Russland offenbar große Mengen an Erdgas ab. Das zeigen Daten des Analysehauses Rystad Energy aus Norwegen, über die unter anderem Spiegel Online und die BBC berichten. In der russischen Stadt Portovaya nahe der Grenze zu Finnland verheizt Gazprom demnach täglich Gas im Wert von 13 Mio. Euro. Experten sprechen von einer Umweltkatastrophe.

Die Stadt Portovaya liegt nicht weit entfernt vom Startpunkt der russischen Gaspipeline Nord Stream 1, durch die noch vor Beginn des Russland-Ukraine-Krieges täglich bis zu 167 Millionen Kubikmeter Gas durch die Leitung strömten. Inzwischen hat Russland diese Gasmenge auf 20 Prozent gedrosselt, will die Lieferung vom 31. August bis 2. September für „routinemäßige Wartungsarbeiten“, wie es heißt, sogar ganz unterbrechen.

Das Gas, das jetzt von Gazprom abgefackelt wird, wäre normalerweise wohl durch Nord Stream 1 nach Deutschland und Mitteleuropa geflossen, sagt Energieexperte Sindre Knutsson von Rystad Spiegel Online. Russland könne „das Gas nicht anderswo verkaufen“, erklärt Miguel Berger, deutscher Botschafter in Großbritannien, gegenüber BBC News. „Sie haben keine anderen Orte, wo sie ihr Gas verkaufen können, also müssen sie es verbrennen.“

Riesige Flamme gesichtet

Die Analyse von Rystad Energy zeigt, dass täglich etwa 4,34 Millionen Kubikmeter Gas in der Fackel verbrannt werden. Das Gas stammt aus einer neuen Anlage für flüssiges Erdgas (LNG) in Portovaya, nordwestlich von Sankt Petersburg. Hinweise darauf, dass etwas nicht stimmt, kamen vor einigen Wochen von finnischen Bürgerinnen und Bürgern, die an der nahe gelegenen Grenze eine große Flamme am Horizont entdeckt hatten.

Daraufhin sichtete das Team von Rystad Satellitenbilder und -daten. Sie schauten sich vor allem die Strahlungswärme an, die von dem LNG-Werk in Portovaya ausgeht, denn beim Verbrennen von Gas entstehen sehr hohe Temperaturen. „Wir haben bei Rystad mit dieser Methode Erfahrung: So berechnen wir schon seit Jahren die Emissionen von 85.000 Öl- und Gasfeldern“, so Knutsson im Spiegel.

Ihm zufolge wurde Gas erstmals am 11. Juli abgebrannt und damit an dem Tag, als Gazprom mit der ersten Wartung von Nord Stream 1 begann und deshalb kein Gas mehr durch die Pipeline strömte. „Da schoss die Strahlungswärme schlagartig hoch, so hohe Werte wurden nie zuvor in der Region gemessen“, sagt Knutsson. Zurzeit werden weiterhin große Mengen Gas abgefackelt. „Ich habe noch nie gesehen, dass eine LNG-Anlage so viel abfackelt“, zitiert die BBC Jessica McCarty, Expertin für Satellitendaten von der Miami University in Ohio.

Janis Kluge von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) glaubt, dass Gazprom auch an weiteren Standorten in Russland große Mengen Gas verbrennt. Die Stelle in Portovaya könne nur ein Prozent der nach Europa ausfallenden Lieferungen verbrennen, es gebe aber weitere Orte in Russland, in denen auffällige Wärmeentwicklungen zu beobachten seien, etwa in Novy Urengoy im westlichen Sibirien.

Besonders besorgt sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch über die großen Mengen an Kohlendioxid und Ruß, die bei der Verbrennung von Gas entstehen. Sie könnten das arktische Eis noch schneller zum Schmelzen bringen. „Es ist ein ökologisches und ökonomisches Desaster“, so Knutsson gegenüber Spiegel Online. Man könne nur hoffen, dass sie bald erlösche.

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