KolumneRobuste Unternehmen berappeln sich schneller

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Wenn Panik und Hysterie herrschen, gilt ökonomische Vernunft erst einmal gar nichts mehr. Die Kurse an den Börsen stürzen deshalb seit Tagen mehr oder weniger im Gleichklang ab und quer durch alle Anlageklassen. Die Portfolio-Theorie – teile Dein Geld hübsch auf und Dein Depot verhält sich stabil – erweist sich in der Praxis als ziemlich schwach. Das absurdeste Beispiel: Selbst der Goldpreis, der als klassischer Krisenanker gilt, fällt streckenweise mit den Aktienkursen steil nach unten.

Es könnte länger dauern, bevor man an den Finanzmärkten wieder unterscheidet. Trotzdem sollte man sich als Anleger immer wieder klar machen: Alle Aktien sind eben NICHT gleich, auch wenn es auf den ersten Blick in diesen Tagen so aussieht. Einige Konzerne gehen bärenstark in den Abschwung, den wir in den nächsten Wochen erleben werden und andere eben nicht. Robuste Unternehmen werden sich schneller berappeln als andere. Eng aber wird es für die Konzerne, die schon vor dem Ausbruch der Coronavirus-Krise schwer kämpfen mussten.

Um ein paar Beispiele aus verschiedenen Branchen zu nennen: Adidas, Münchner Rück oder auch BMW haben unmittelbar vor den schwarzen Börsentagen der letzten Woche starke Zahlen vorgelegt. Trotzdem gehörten auch sie zu den großen Verlierern im Dax – sogar zu den allergrößten im Fall von Adidas. Die Börse bewertet nun einmal, so betonen die großen Schlaumeier, nur die Zukunft und nicht die Vergangenheit. Und die Zukunft sieht natürlich auch für die stärksten Konzerne erst einmal nicht rosig aus.

Das stimmt. Aber es stimmt auch nicht. Denn die Performance der Vergangenheit liefert einen guten Indikator für die vermutliche Performance in der Zukunft. Es macht nun einmal einen großen Unterschied, ob die Konzerne über intakte Geschäftsmodelle verfügen oder eben nicht. Die Münchner Rück gehört im Finanzsektor zum Beispiel zu den wenigen extrem soliden Werten. Die Aktie des Unternehmens sank in den letzten Tagen aber trotzdem ungefähr genauso schnell wie die Aktie der Commerzbank, die nun schon seit zehn Jahren nach einem funktionierenden Geschäftsmodell sucht.

Natürlich darf man auch die Bewertungen nicht vergessen, die bei einigen robusten und zukunftsträchtigen Konzernen vor dem Beginn der großen Krise sehr hoch lagen. Viele Anleger verkaufen nun in großer Panik, weil sie ihre schönen Kursgewinne der Vergangenheit in diesen Tagen dahinschmelzen sehen wie Butter in der warmen Frühlingssonne. Rational aber ist dieses Verhalten für langfristig orientierte Investoren natürlich überhaupt nicht. Aktien die gestern überzeugten, werden auch in einiger Zeit wieder überzeugen, wenn die sich die Zustände normalisieren. Wie lange das dauert, kann natürlich niemand ernsthaft sagen. Erst einmal müssen die Staaten die akute Coronavirus-Krise in den Griff bekommen – erst dann besteht überhaupt Aussicht auf eine Beruhigung an den Finanzmärkten.

Eng aber dürfte es für Konzerne werden, die schon vor dem jetzigen Abschwung auf wackligen Füßen standen. Das beste Beispiel: Thyssen-Krupp. Obwohl den Konzern gewaltige 17 Milliarden Euro aus dem Verkauf der Aufzugssparte erwarten, behandeln ihn die Finanzmärkte in diesen Tagen wie einen Pleitekandidaten. Noch nie war die Akte weniger wert als heute. Hinter dieser Bewertung stecken vor allem zwei Überlegen: Erstens kann bis zum endgültigen Closing des Deals noch sehr viel passieren. Und zweitens dürfte der Stahlbereich, der künftige Kern des neuen Konzerns, unter den Bedingungen einer Rezession kaum wieder auf die Beine kommen. Eigentlich wollte der Vorstand von Thyssen-Krupp in wenigen Wochen seine neue Strategie vorlegen – aber die Wirklichkeit hat sie wohl schon wieder überholt.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.