EssayRente gut, alles gut

Deutschland 2020. Berlin, Kreuzberg
Deutschland 2020. Berlin, Kreuzberg

„Möchten Sie noch etwas trinken?“ „Mein Glas ist doch noch halb voll.“ Oh Gott, dachte Heimfeld, schon wieder diese Metapher. Das Glas halb voll auf dem Tisch vor ihm, das Glas halb voll im ganzen Land. „Also nichts mehr?“ Die Kellnerin stand vor ihm und klackerte mit zwei leeren Biergläsern in der Hand. Er überlegte. Nein, es reichte.

Seit zwei Stunden saß Lars Heimfeld im Würgeengel, seiner Stammkneipe in Kreuzberg, und dachte über Deutschland nach. Er hatte drei Weizen getrunken und vier Sätze geschrieben, sie kauerten sich auf dem Display seines iFold zusammen wie eine dezimierte Schafherde, und einer von den Sätzen musste jetzt wieder verschwinden. „Das Glas ist manchmal auch halb voll.“ Was für ein beschissener Satz, er war schon immer beschissen gewesen.

Vor einigen Jahren noch hätte Lars Heimfeld dieses Land in wunderbar langen und kurzen Sätzen beschreiben können, ach was, er hatte es vermessen, umrundet, seziert, zerschnitten, ja, er hatte die besten Reden für den Kanzler geschrieben. Nun sollte er wieder eine schreiben, die wichtigste, die große Warum-Deutschland-sich-ändern-muss-Rede. Und sein Kopf war leer.

Heimfeld steckte sich eine Gauloises Green an, er mochte diesen Biotabak, so süß und voll, vor allem aber genoss er es, dass man hier wieder rauchen durfte. Kreuzberg hatte zum Jahresanfang das Rauchverbot aufgehoben, als erster Bezirk Berlins, um Touristen und andere Trinker anzulocken, in seine immer leerer werdenden Kneipen.

Verdamtes 2020

Ein Marketinggag, damit man vergaß, dass der halbe Liter inzwischen 7,60 Euro kostete. Ob das mit dem Mindestlohn zu tun hatte, wusste Heimfeld nicht, es war ihm auch egal, er wusste, wie man die 12,50 Euro verteidigte, wie man sie „den Menschen da draußen im Lande“ erklärte.

Er rollte den iFold zusammen, legte zwei Zwanziger auf den Tisch. Zweimal zwanzig. 2020. Er lächelte. Eigentlich ein gutes Datum für Redenschreiber. So rund, so einfach. Zwanzigzwanzig. Daraus konnte man gut 2030 machen. Der große Plan für die Zukunft. Aber niemand mochte 2020, weil in diesem verdammten Jahr andere Zahlen durch das Land schwirrten. 4,3 Millionen, die keine Arbeit hatten. 120 Milliarden, die der Bund jedes Jahr in die Rentenkasse zahlte. Und dann noch die beiden Minus­zahlen. Minus vier und minus zwei: Defizit und Wachstum.

Heimfeld war 41 Jahre alt, und früher hatte er Freunden beim Weißwein erzählt, dass er einen Traumjob hatte. Redenschreiber für den Kanzler, für Sigmar Gabriel. Inzwischen aber quälte er sich, weil er spürte, wie sprachlos er geworden war.

Obwohl er genau wusste, wie alles begonnen hatte. Damals, 2014, als sie die Rente mit 63 eingeführt hatten, jene Reform, die man bald als „Jahrhundertfehler“ bezeichnet hatte. Zunächst war nichts passiert (außer dass Deutschland bei der WM in Brasilien in der Vorrunde ausschied).

Alles wurde noch schlimmer

Aber dann gab es die ersten Anzeichen. Wie ein Virus, das sich ausbreitet. Die Zahl der Frühverrentun­gen nahm zu, dann explodierte sie. Schon bald musste die Regierung den Rentenbeitrag anheben, dann wurde der Rentenzuschuss erhöht.

Als das Kabinett Merkel, nach dem donnernden Rücktritt von Wolfgang Schäuble, 2016 die Erbschaftsteuer erhöhte und den Spitzensteuersatz auf 49 Prozent anhob, kam das Wachstum zum Erliegen.

Vor allem aber hatte die Regierung 2014 etwas getan, was sie nie in einer Rentenformel berechnen konnte: Sie hatte den Deutschen etwas in den Kopf gesetzt, es ging jetzt nur noch darum, dass irgendwo irgendjemand mehr wollte, ein größerer Zuschuss hier, etwas mehr Geld und Anspruch dort.

Gabriel, der seit 2017 mit der Linken und den Grünen regierte, hatte den Absturz beschleunigt. Die Steuern angehoben, auf 53 Prozent. Die Vermögensteuer eingeführt. Mindestlohn hoch. Alles wurde noch schlimmer, eine Spirale nach unten.