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Lieferketten Reiche Reeder: Rekordgewinne in der Containerschifffahrt

Containerschiff der Reederei Evergreen im Hafen von Rotterdam
2022 könnten die Reedereien ihre Gewinne im Vergleich zu 2021 um 73 Prozent steigern
© IMAGO / Jochen Tack
Seit der Corona-Pandemie sind viele Lieferketten zum Reißen gespannt. Die jüngsten Entwicklungen haben den Druck weiter verstärkt. Vor allem die großen Reedereien profitieren davon enorm. 2022 könnten ihre Gewinne die vom Vorjahr noch einmal um Längen übersteigen

Die größten Container-Reedereien der Welt haben vergangenes Jahr Rekordgewinne gemacht. Dieses Jahr dürfte die Branche in Summe laut einer neuen Schätzung nochmal fast drei Viertel mehr verdienen. Grund dafür sind logistische und personelle Engpässe, die angesichts der anhaltenden US-Importnachfrage die Kapazitäten verknappen.

Der Nettogewinn wird in diesem Jahr voraussichtlich auf 256 Mrd. Dollar (250 Mrd. Euro) steigen, wenn man die elf von Branchenveteran John McCown, dem Gründer von Blue Alpha Capital, beobachteten Unternehmen zugrunde legt. Das ist ein Anstieg um 36 Mrd. Dollar gegenüber seiner letzten Schätzung vom April und entspricht in etwa dem Bruttoinlandsprodukt von Portugal. McCown zufolge erreichte der Wert im vergangenen Jahr ein Allzeithoch von 148 Mrd. Dollar.

„Diese Gewinnsteigerungen sind auf die anhaltenden Frachtratenerhöhungen in Verträgen zurückzuführen, die die große Mehrheit der tatsächlich auf Schiffen beförderten Ladungen abdecken”, so McCown. Obwohl die Spotraten das ganze Jahr über gesunken seien, machten diese nur einen kleinen Teil des gesamten Marktes aus.

Zwei Jahre voller Störungen der Lieferketten haben eine Branche, die etwa 80 Prozent der weltweit verschickten Waren bewegt, von einem ewigen Geldverlierer zu einem der Glückskinder der Pandemie gemacht. Einige investieren in neue Schiffe mit saubereren Maschinen und mehr digitalen Verbindungen zu landgestützten Computernetzen.

Kritik aus der Politik

Kritiker stehen schon parat: Die erschreckend hohe Inflation lässt Politiker nach Sündenböcken suchen. Einige Regierungen kritisieren die Gewinne der Schifffahrtsunternehmen, insbesondere, weil sich der Lebensstandard der Beschäftigten in der Branche nicht in gleichem Maße verbessert hat.

In Großbritannien sind die Hafenarbeiter des größten Containerhafens des Landes unzufrieden mit ihren Lohnzuwächsen und drohen mit Streik noch im August. An der Westküste der USA eröffneten die Gewerkschaftsführer der Hafenarbeiter die laufenden Vertragsgespräche im Mai mit dem Vorwurf, dass “ausländische, milliardenschwere Schifffahrtsunternehmen die amerikanischen Unternehmen ausnehmen, indem sie ihnen das Zehnfache der üblichen Frachtraten in Rechnung stellen, und so zum Anstieg der Inflation beigetragen haben.”

Lieferketten: Reiche Reeder: Rekordgewinne in der Containerschifffahrt

Da sich die weltweite Konjunktur abschwächt, sollte man meinen, dass auch die Reeder weniger verdienen.  Doch die Wirklichkeit sieht anders aus: viele der Ergebnisse für das zweite Quartal waren besser als erwartet – zuletzt die von Evergreen Marine aus Taiwan am Freitag.

Die in Kopenhagen ansässige AP Moller-Maersk, die Nummer 2 der Branche, sagte Anfang des Monats, dass sie 2022 einen Rekordgewinn von 31 Mrd. Dollar erwartet. Die deutsche Hapag-Lloyd AG, weltweit an fünfter Stelle, kündigte so hohe Gewinne an, wie man sie nur von den größten Autobauern im Land kennt.

Kunden gehen lieber auf Nummer sicher

Obschon die von Drewry erfassten Spotraten seit Anfang des Jahres um fast 30 Prozent gesunken sind, steigen die Gewinne weiter. Das liegt daran, dass nur etwa zehn Prozent der Seefracht zu Spotmarkt-Konditionen befördert werden – der Rest auf Grundlage von Verträgen, in denen die Raten und Mengen für ein Jahr oder länger festgeschrieben sind, so McCown.

Lieferketten: Reiche Reeder: Rekordgewinne in der Containerschifffahrt

Nach McCowns Analyse lagen die Preise für Container im zweiten Quartal beim 2,8-fachen des Wertes vor zwei Jahren. Die durchschnittliche Spotrate war um das 4,7-fache höher, die Vertragsrate um das 2,1-fache. Maersk teilte am 3. August mit, dass die durchschnittliche Vertragsrate für einen 40-Fuß-Container in diesem Jahr voraussichtlich 1900 Dollar betragen wird, 500 Dollar mehr als am Ende des ersten Quartals vorhergesagt worden war.

„Die von den Reedereien veröffentlichten Finanzergebnisse zeigen, dass die Kunden ihre Lieferketten durch das Aushandeln langfristiger Verträge schützen”, heißt es in einem Bericht der britischen Container Trade Statistics vom Montag. „Die Angst vor Engpässen in der Lieferkette hat dazu geführt, dass die Unternehmen lieber auf Nummer sicher gehen, als einen Spotmarkt zu riskieren.”

In der Branche haben sich mittlerweile neun der größten Unternehmen in drei Allianzen zusammengeschlossen, die sich die Schiffskapazitäten teilen. Die Politik ist zudem auch deshalb verärgert, weil den rasant steigende Raten derzeit nur eine Pünktlichkeit von gerade einmal 40 Prozent gegenübersteht.

Im Juli lehnte die französische Nationalversammlung eine auf Energie- und Transportunternehmen abzielende Steuer auf Krisengewinne nur knapp ab. Vor der Abstimmung erhöhte die in Marseille ansässige CMA CGM SA - die drittgrößte Containerlinie der Welt - einen Rabatt für Ladung von Asien nach Frankreich.

In den USA hat Präsident Joe Biden die Unternehmen aus der Containerschifffahrt, von denen die größten in Asien und Europa sitzen, scharf kritisiert. Im Juni unterzeichnete er den Ocean Shipping Reform Act, der die Federal Maritime Commission anweist, Reedereien zu hindern, freien Frachtraum nicht für US-Exporte freizugeben, und bestimmte Gebühren unter die Lupe zu nehmen.

Die International Federation of Freight Forwarders Associations, eine in Genf ansässige Organisation, die 40.000 Logistikunternehmen vertritt, erklärte, dass es nicht nur um Container gehe, sondern auch darum, ob der Markt frei von Verzerrungen funktioniere.

„Die Preisschocks für Speditionen, Verbraucher und Zwischenhändler in der Lieferkette behindern die Erholung von der Pandemie und anderen wirtschaftlichen Schocks”, so die Gruppe. Alle betroffenen Länder weltweit sollten über ihre Wettbewerbsbehörden genau darauf achten, dass der Markt nicht verzerrt wird gegebenenfalls schnell eingreifen.

Mitarbeit von Augusta Saraiva, Christian Wienberg, Tara Patel und Richard Weiss.

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©2022 Bloomberg L.P.


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