KolumneQuadratur des Führungskreises

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Der „CEO Outlook 2015“ von KPMG gehört zu den interessantesten Studien der letzten Zeit. Die Wirtschaftsprüfer und Berater befragten 1276 Firmenchefs in Europa, Asien und den USA über ihre Geschäftserwartungen. Ein roter Faden zieht sich durch praktisch alle Antworten: Das Konkurrenzumfeld fast aller Konzerne verändert sich mit hoher Geschwindigkeit durch die Digitalisierung. 74 Prozent der CEOs erwarten eine Störung ihres jetzigen Geschäftsmodells durch völlig neue Wettbewerber. Fast die Hälfte aller Chefs sieht die dringende Notwendigkeit, ihre Organisation stärker auf die Verarbeitung und Analyse großer Datenmengen auszurichten. Die vielleicht wichtigste Frage der Digitalisierung stellen sich viele Unternehmen jedoch noch nicht: Haben wir überhaupt die richtigen Manager an Board, um den Wandel zum digitalen Geschäftsmodell zu steuern?

Bisher erwarten nur rund 30 Prozent der Befragten auf diesem Gebiet eine Personallücke in den nächsten drei Jahren. Einiges spricht jedoch dafür, dass sich die digitale Kluft in den Konzernen  viel schneller verbreitern wird, als viele Chefs heute noch meinen. Bisher behelfen sich viele Unternehmen mit externen Beratern, mit neueingestellten Nachwuchsmanagern, manchmal sogar mit einer Heerschar von Praktikanten und Werkstudenten, um digitale Projekte durchzuziehen. Sobald aber der völlige Umbau der Organisation ansteht, die Umstellung auf digitale Geschäftsmodelle, kommt man mit dieser Hand-in-den-Mund-Haltung nicht mehr weiter. Gerade in deutschen Konzernen fehlen im Mittelmanagement fast überall Leute mit tiefergehenden Kenntnissen über die neue Welt von Big Data.

Austausch der Mittelmanager

Es reicht nicht mehr, auf die Einstellung junger „digital natives“ zu setzen, die sich allmählich auf der Karriereleiter nach oben schieben und so die vorhandenen Defizite in den Unternehmen beseitigen. Notwendig ist, was amerikanische Experten ein „re-talenting“ nennen: den Austausch von alteingesessenen Mittelmanagern gegen eine neue Generation von Digitalspezialisten. Oder mit anderen Worten: Es geht um die Quadratur des ganzen Führungskreises in vielen Unternehmen. Erst sobald diese Dimension in den Unternehmensspitzen deutlich wird, zeigt sich das ganze Ausmaß der Personallücken.

Branchen, die bereits einige Jahre des verschärften Umbruchs hinter sich haben, kennen dieses Gefühl. Beispielsweise Medienunternehmen: Sie kommen auch deshalb gegenwärtig nur so langsam voran zu neuen profitableren Geschäften, weil ihnen die richtigen Manager mit tiefgehenden Digitalkenntnissen fehlen. Oder der Handel: Die meisten alten Hasen der Aldi- oder Kaufhof-Welt kommen mit den rasanten Veränderungen des Amazon-Zeitalters schon lange nicht mehr klar. Und neue Spitzenmanager mit wirklichen Digitalerfahrungen finden Krisenfirmen nur schwer. Die Suche nach digitalen Talenten für das mittlere und obere Management ist längst zu entscheidenden Faktor für das Überleben dieser Unternehmen geworden. Viele von ihnen wissen es nur noch nicht.

Weitere Kolumnen von Bernd Ziesemer: Die neue BASF und Die Wegseher der Deutschen Bank