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Bernd Ziesemer Putins Mobilmachung setzt deutsche Konzerne unter Druck

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
© Martin Kress
Ausländische Unternehmen müssen bei der Mobilmachung gegen die Ukraine helfen. Sie gefährden dadurch ihren guten Ruf in aller Welt

Wer zu spät geht, den bestraft das Leben. So könnte man Michail Gorbatschows berühmten Spruch abwandeln, um die Lage deutscher Konzerne in Russland zu beschreiben. Der Ukas Wladimir Putins zur Mobilmachung gegen die Ukraine und die begleitenden Gesetze verpflichten alle Unternehmen in Russland, die Aushebung der Soldaten zu unterstützen – auch die ausländischen Firmen. Sie müssen zum Beispiel, falls die zuständigen Behörden sie dazu auffordern, Listen aller Mitarbeiter und ihrer Adressen zur Verfügung stellen. Auch kann die russische Regierung von nun an alle Fabriken im Land zwingen, bevorzugt die Armee zu beliefern. Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba betonte letzte Woche zu Recht, die immer noch in Russland aktiven ausländischen Konzerne könnten zu direkten „Komplizen in Putins barbarischem Krieg“ werden.

Eine Reihe deutscher Unternehmen wie etwa Liebherr oder Knauf schert sich nicht um die internationale Kritik an ihrer Rolle in Russland. Sie betreiben ihre Geschäfte wie früher, als ob es keinen Krieg gäbe. Die überwältigende Mehrheit der Firmen aber, die sich noch nicht endgültig aus Russland zurückgezogen haben und ihre Aktivitäten entweder reduziert oder erst einmal eingefroren haben, kommt durch den Verlauf des Kriegs zunehmend unter Druck. Das betrifft so unterschiedliche Marken wie den Schokoladenhersteller Ritter Sport oder den Autoriesen VW. Sie erklärten wiederholt, sie würden die Lage „ständig beobachten“ und sich alle Schritte „vorbehalten“.

Was muss noch passieren, damit die Unternehmen handeln?

Man fragt sich: Wann ist die Sollbruchstelle für das Russland-Engagement dieser Unternehmen erreicht? Die Kindermorde und Vergewaltigungen, die fortlaufenden Verbrechen an der Zivilbevölkerung waren für sie ganz offensichtlich kein Grund umzudenken. Auch die zunehmenden Drohungen mit Atomwaffen, selbst gegen Deutschland, ausgesprochen von Putin selbst und den Spitzen seines Regimes, kümmern die Konzernmanager offenbar nicht. Was sonst soll eigentlich noch in der Ukraine passieren, damit die Unternehmen handeln?

Für viele Konzerne war die Phrase vom „ständigen Beobachten der Lage“ offenbar nichts anderes als ein leerer Spruch, um der öffentlichen Kritik auszuweichen. Im Stillen hoffte man auf einen russischen Sieg oder ein Einfrieren der Eroberungen im Osten und Süden der Ukraine, um nach einiger Zeit die Geschäfte in Russland wieder anzuwerfen. Doch es kam in den letzten Wochen ganz anders. Auf dem Schlachtfeld ist ein Sieg der russischen Armee inzwischen unmöglich geworden – auch mit der Mobilisierung von weiteren 300.000 oder noch mehr Soldaten. Nach den Kriegsverbrechen und Drohungen mit Atomwaffen ist es wenig wahrscheinlich, dass die westlichen Staaten ihre harten Sanktionen auf mittlere Sicht aufheben. Selbst ein Ende des Kriegs bringt den Teufel nicht wieder in die Flasche.

Die deutschen Konzerne, die ihre Fabriken und Büros in Russland noch nicht völlig abgeschrieben haben, werden es in den nächsten Monaten tun müssen. Weiterhin abzuwarten, wird mit jedem Tag nur noch teurer – und moralisch unhaltbarer.

Bernd Ziesemer

ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.

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