ElektroautoPorsche Taycan - der Tesla-Jäger

Ein Prototyp des Porsche Taycan in einem Maisfeld bei Weissach. In der Nähe liegt das Entwicklungszentrum des Unternehmens
Ein Prototyp des Porsche Taycan in einem Maisfeld bei Weissach. In der Nähe liegt das Entwicklungszentrum des UnternehmensRamon Haindl

Das erste Elektroauto von Porsche ist ein ulkiges Gefährt aus Holz. Mit großen Speichenrädern, einem Trittbrettchen, über das man sich in die hoch liegenden Sitze schwingen kann – und einer Höchstgeschwindigkeit von 25 Stundenkilometern. Ferdinand Porsche, Ahnherr der Marke und begnadeter Ingenieur, hatte die Kutsche 1898 mit einem Oktagon-Elektromotor für einen Wiener Fuhrunternehmer ausgestattet – heute steht sie im Porsche-Museum in Stuttgart-Zuffenhausen, als Kuriosität. Nach dem intern „P1“ genannten Elektroauto hatte sich Porsche dann für Jahrzehnte in die Welt des Verbrennungsmotors verabschiedet.

121 Jahre später, Ende Juli 2019, steht Albrecht Reimold, Produktionsvorstand bei der Porsche AG, in einem nagelneuen Zweckbau nicht weit vom Museum entfernt – und lächelt zufrieden. Er kann an diesem Tag verkünden, dass es 30.000 „Interessensbekundungen“, also de facto Vorbestellungen für ein Auto namens Taycan gibt. Wieder ist es ein Elektroauto, und wieder ist es in gewisser Hinsicht das Erste seiner Art bei Porsche. Hinter Reimold liegt das neue Qualifizierungszentrum, in dem die Auszubildenden gerade Mittagspause machen.

Hunderte Mitarbeiter sollen hier für den Umgang mit der Hochvolt-Technik geschult werden, die die Autos antreiben wird. 30.000 Vorbestellungen – das ist nicht nur für einen Sportwagen ziemlich viel bei Porsche. Zumal jeder 2500 Euro anzahlen muss, der einen Taycan reservieren will, und die geplante erste Jahresproduktion bei nur 20.000 Autos liegt. „Wir hätten immer die Möglichkeit, eine dritte Schicht einzuziehen“, sagt Reimold. Es klingt vor allem: erleichtert.

Der Taycan, der auf der diesjährigen Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt dem Publikum vorgestellt wird, ist mehr als nur ein neues Auto. Er ist die Speerspitze eines Großversuchs, den die deutsche Autoindustrie in diesen Monaten startet. Die Kernfrage: Kann Deutschland erfolgreiche Elektroautos bauen? Können die Hersteller, die jahrzehntelang mit Diesel und Benzinern die Welt überrollten, auch in einem Markt gewinnen, der durch EU-Vorgaben und politischen Druck gerade zum Markt der Zukunft gepusht wird? Für Porsche, Daimler, BMW oder Audi ist das fast überlebenswichtig. Bewahrheiten sich die Studien, die für Batteriefahrzeuge dramatisch steigende Absatzzahlen vorhersagen, dann müssen sie hier vorne mit dabei sein. Lange konnten die Ingenieure auf ihren technischen Vorsprung vertrauen, auf ihre Fähigkeit, aus jedem Diesel und Benziner immer noch mehr herauszukitzeln. Das aber ist vorbei.

Ist Platz für Porsche?

Es ist ein Großversuch mit Risiko. Denn Porsche setzt nicht nur eine Menge Geld aufs Spiel: 6 Mrd. Euro Investitionen in die Elektromobilität bis 2022, 1500 neue Mitarbeiter allein für den Taycan und folgende Varianten. Am historischen Standort in Zuffenhausen wird für 700 Mio. Euro eigens eine komplett neue Fertigung hochgezogen. Und das alles bei den niedrigeren Margen, die Elektroautos einfahren, weil um den gewaltigen Kostenfaktor der Batterie niemand herumkommt.

Porsche muss zudem auf seinen Ruf achten. Die Marke ist bekannt für satt brummende Motoren, für Serienautos, die an der Schwelle zum Rennsport stehen. Sollte ein dezent surrender Taycan zum Flop werden, könnte rasch die Frage aufkommen, ob es überhaupt einen Platz gibt für das Unternehmen im künftigen Strom-Verkehr. „Die ganze Welt schaut auf uns, das ist schon klar“, sagt Reimold. „Aber bei Porsche sehen wir das sportlich.“

Wie aber bereitet sich ein Traditionsunternehmen auf so ein Wagnis vor? Wie sichert es sich ab? Capital hat über viele, viele Monate mit Ingenieuren, Vorständen und Projektleitern gesprochen – und dabei ein Unternehmen erlebt, das gerade einen Drahtseilakt vollführt.