PorträtPawel Durow - Russlands untergetauchter Staatsfeind

Pawel Durow, 2015 auf einer Konferenz in San FranciscoTechCrunch [CC BY 2.0]

An einem Dezemberabend 2011 bekommt Pawel Durow ungebetenen Besuch. Vor seinem Apartmenthaus in Sankt Petersburg bauen sich Polizisten einer Spezialeinheit auf, vermummt und schwer bewaffnet, sie poltern gegen die Tür. Durow, damals 27 Jahre alt und Chef von VKontakte, dem größten sozialen Netzwerk Russlands, kann die Männer über die Überwachungskamera sehen. Er macht nicht auf.

Im Winter 2011 gehen in Russland Hunderttausende Menschen auf die Straßen, um gegen Unregelmäßigkeiten bei der Parlamentswahl zu demonstrieren, und der Besuch der Polizei, glaubt Durow, hängt mit einem Schreiben zusammen, das er wenige Tage zuvor erhalten hat. Absender ist der russische Inlandsgeheimdienst FSB. Der fordert ihn als CEO von VKontakte auf, sieben öffentliche Seiten im Netzwerk zu schließen, über die sich kremlkritische Gruppen organisieren.

Durow hat den Brief ignoriert, genau wie nun die Polizei vor seiner Wohnungstür. Mehr noch: Nachdem sie schließlich abgezogen ist, veröffentlicht er am nächsten Tag auf Twitter das Schreiben im Original, daneben ein Bild eines Hundes im Kapuzenpulli, der die Zunge herausstreckt. In Oppositionskreisen wird Durow damit umgehend zum Helden, auch wenn er die Zusammenarbeit mit dem FSB gar nicht aus politischen Gründen verweigert hat – sondern aus geschäftlichen. Durow fühlt sich benachteiligt, weil ausländische Konkurrenten wie Facebook nicht unter Zensurversuchen leiden. „Wenn ausländische Seiten frei betrieben werden dürfen, die russischen hingegen zensiert werden, dann wird das russische Internet langsam sterben“, erklärt er später.

Die Geschichte aus dem Jahr 2011 würde die Welt wohl nicht mehr weiter interessieren, wäre sie nicht die Initialzündung einer App gewesen, die heute rund um den Globus mehr als 200 Millionen Menschen nutzen – und die nicht nur dem russischen Sicherheitsapparat ein Dorn im Auge ist. Telegram heißt die Messenger-App mit Verschlüsselungsfunktion, die Durow 2013 gestartet hat und die einfache Versprechen macht: simpel, kostenfrei und vor allem – sicher. Durow nämlich weigert sich, staatlichen Stellen Zugriff auf die verschlüsselten Nachrichten der Telegram-Nutzer zu geben. Die russische Telekommunikationsaufsicht versucht daher seit dem Frühjahr, Telegram zu blockieren. Im Iran ist der Dienst, den dort zeitweise 40 Millionen Menschen nutzten, mittlerweile verboten. China hat die App schon 2015 gesperrt.

Amnesty International und Human Rights Watch dagegen sind öffentlich für Telegram in die Bresche gesprungen. In Deutschland, wo man sich traditionell um seine Daten sorgt, dürfte es über eine Million Nutzer geben, Tendenz stark steigend. Während das Vertrauen in den Marktführer Whatsapp und dessen Konzernmutter Facebook schwindet, wächst es in Telegram. Fans gibt es in höchsten Kreisen: Der Führungszirkel um Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron kommuniziert fast ausschließlich über die App.

Die Welt vertraut Pawel Durow. Dabei weiß man erstaunlich wenig über ihn. Was treibt ihn an, was will er erreichen? Und: Verdient er das Vertrauen überhaupt?

Gründungsmythos

Der Telegram-Chef selbst gibt seit einiger Zeit keine Interviews mehr. Man muss sich ihm über Umwege nähern, über Weggefährten, ehemalige Mitarbeiter, Gegner. Und mit Geschichten wie der aus dem Winter 2011. Durow hat oft von dem Hausbesuch erzählt – für ihn ist es so etwas wie der Gründungsmythos von Telegram. Während draußen die Sicherheitskräfte warteten, habe er realisiert, dass ihm kein sicherer Kommunikationskanal zu seiner Familie zur Verfügung stand. Also habe er einen bauen müssen.

Zugleich zeigt die Episode, was Durow für ein Typ ist: unbeugsam, rebellisch, liebt die Inszenierung. Hat politische Überzeugungen, aber entscheidet nach Geschäftsinteresse. „Durow ist kein Freiheitskämpfer“, sagt ein langjähriger Mitarbeiter. „Er ist ein sehr guter Businessmann. Und sehr gut in PR.“