GastbeitragMitarbeiterbeteiligung statt Interessenskonflikte

Symbolbild Mitarbeiterbeteiligung
Symbolbild MitarbeiterbeteiligungGetty Images

Wie erhält man sich den ständigen Antrieb, Neues schaffen zu wollen? Diese Frage stellen sich viele einstigen Tech-Start-ups, die zehn, zwanzig oder mehr Jahre erfolgreich am Markt sind, deren Sorge es jedoch ist, dass ihre Innovationsfreude erlahmen könnte. Wir haben uns diese Frage auch gestellt, nach dem die ersten Gesellschafter bereits fünf Jahre nach der Gründung 1999 ausgestiegen sind. Noch dringlicher wurde das Thema Unternehmensbeteiligung, als fünf der sechs Mitgründer das Unternehmen verlassen hatten und die ZF Friedrichshafen AG als Teilhaber einstieg.

Konrad Krafft, 48, ist Mitgründer und Geschäftsführer von Doubleslash, einem Hersteller von Software für die Digitalisierung von Geschäftsprozessen in Friedrichshafen.
Konrad Krafft, 48, ist Mitgründer und Geschäftsführer von Doubleslash, einem Hersteller von Software für die Digitalisierung von Geschäftsprozessen in Friedrichshafen.

Weil in unserem Betrieb demokratische Prinzipien schon immer großgeschrieben wurden, lehnte unser Führungskreis die Idee eines ausschließlichen Management-Buy-ins ab. Stattdessen suchten wir gemeinsam nach einem Weg, alle Mitarbeiter zu beteiligen. Eine Umfrage in der Belegschaft, wer sich so eine Beteiligung vorstellen könnte, brachte ein Ergebnis von über 60 Prozent. Das veranlasste uns dazu – entgegen aller Skepsis aus dem externen Umfeld – im Januar 2018 eine Mitarbeiterbeteiligungsgesellschaft zu gründen.

Ich möchte für dieses Modell eine Lanze brechen, weil ich der Überzeugung bin, dass es Unternehmen vital hält, nicht ausschließlich auf Bewährtes zu setzen, sondern auch Neues auszuprobieren. Darüber hinaus regelt sich die Frage nach der Nachfolge von selbst, da damit Mitarbeiter immer mehr zu Unternehmern werden.

Hohe Nachfrage nach Aktien

Die Mitarbeiterbeteiligungs-AG fungiert als eine von drei Gesellschaftern und hält 25 Prozent am Unternehmen. Mehr als 50 Prozent der Mitarbeiter haben Aktien gekauft. Zeichnungsberechtigt ist, wer länger als ein Jahr im Unternehmen arbeitet und fest angestellt ist. Die Mitarbeiter können sich viermal im Jahr um Aktien bewerben, die gleich verteilt vergeben werden. Es gibt eine Art Minibörse, wo niemand weiß, von wem er Aktien kauft oder an wen er verkauft, auch wer wie viele Aktien besitzt, wird nicht bekannt gegeben.

Aktuell ist die Nachfrage nach Aktien höher als die Zahl der verfügbaren Aktien. Dennoch wurden bisher bewusst nur 50 Prozent der Anteile verkauft, jedes Jahr kommen weitere zehn Prozent in Umlauf. Der Grund ist, dass in den ersten sechs Jahren auch neue Mitarbeiter eine Chance auf Beteiligung haben sollen, und dass das Unternehmen nicht allein in der Hand von Mitarbeitern sein soll, die schon lange dabei sind. Das hält den frischen Geist am Leben und soll jungen Kollegen signalisieren, dass sie wertgeschätzt werden und Teil des Unternehmens sind.

Alle wichtigen Fragen sind im Gesellschaftsvertrag geregelt. Zum Beispiel die Gewinnausschüttung, die an die Eigenkapitalquote gekoppelt ist. Die Mitarbeiter profitieren so nicht nur von der Wertsteigerung, sondern auch von der zukünftigen Renditeentwicklung.

Ich verstehe unter moderner Führungsarbeit eher Moderation und Coaching als Weisungsbefugnis

Konrad Krafft

Das Modell der Mitarbeiterbeteiligungs-AG hat erste sichtbare Auswirkungen. Seit mehr als zehn Jahren gibt es im Unternehmen Betriebsversammlungen, auf denen Mitarbeiter Fragen stellen und mit dem Management diskutieren können. Dabei war die Menge an Fragen überschaubar. Ganz anders auf der ersten Hauptversammlung in diesem Jahr: Es wurde diskutiert wie nie, die Mitarbeiter wollten vieles über die Entwicklung der Firma wissen. Genau das haben wir bezweckt, denn wir glauben, dass die Intelligenz von Vielen zu besseren Entscheidungen führt.

Das hat zur Folge, dass diese demokratischen Prinzipien auch im Alltag gelebt werden und nicht nur einmal im Jahr auf einer Hauptversammlung. Unser Unternehmen ist sehr dezentral organisiert, Entscheidungsstaus gibt es selten. Ich verstehe unter moderner Führungsarbeit eher Moderation und Coaching als Weisungsbefugnis. Diese Prinzipien wollen wir weiter ausbauen.

Wir erhoffen uns als positiven Nebeneffekt auch Vorteile bei der Gewinnung von Fachkräften und stellen fest, dass dieser Punkt in Bewerbungsgesprächen positiv aufgenommen wird.

Nachfolger wird aus dem Unternehmen kommen

Auch bei der Nachfolge gilt bei uns das Prinzip der Mitarbeiterbeteiligung: Wer das Unternehmen besitzt, soll darin arbeiten, und wer im Unternehmen arbeitet, soll es auch besitzen. Mit der Mitarbeiterbeteiligungsgesellschaft haben wir also die Frage nach der Nachfolgeregelung zu einer nachrangigen Frage gemacht. Sie ist keine Schicksalsfrage mehr, sondern wird zur reinen Personalfrage. Wer auch immer mein Nachfolger werden wird, wird also aus dem Unternehmen kommen.

Unternehmer, die händeringend einen Nachfolger suchen, sei daher empfohlen, statt über Personen über ein anderes Modell der Unternehmensbeteiligung nachzudenken. Vielleicht sitzt ja ein geeigneter Kandidat schon heute nur ein paar Bürotüren weiter?

Der Autor: Konrad Krafft, 48, ist Mitgründer und Geschäftsführer von Doubleslash, einem Hersteller von Software für die Digitalisierung von Geschäftsprozessen in Friedrichshafen. Konrad Krafft hat Informatik studiert und ist Experte für Künstliche Intelligenz.