MittelstandGabriele Siedle - plötzlich Chefin

Gabriele Siedle, 66, leitet seit 2005 das Familienunternehmen Siedle in Furtwangen – als erste Frau in 268 Jahren Firmengeschichte
Gabriele Siedle, 66, leitet seit 2005 das Familienunternehmen Siedle in Furtwangen – als erste Frau in 268 Jahren FirmengeschichteSiedle

Der Tag, an dem Gabriele Siedle die Chance ihres Lebens bekommt, könnte trauriger nicht sein. Im Frühjahr 2005 verbringt sie mit ihrem Mann einen Urlaub in Österreich, als Horst Siedle, Mitte 60, starker Raucher mit gelegentlichen Lungenproblemen, plötzlich kollabiert. Der Unternehmer führt in siebter Generation den 550-Mitarbeiter-Betrieb Siedle in Furtwangen, weltweit bekannt für seine Türsprechanlagen.

Nebenbei sitzt Horst Siedle im Gemeinderat von Furtwangen, vertritt die Stadt im Kreisrat, ist der größte Arbeitgeber, Steuerzahler und Sponsor der 9000-Einwohner-Gemeinde. Ein Patriarch, wie er im Buche steht. Doch von seinem Zusammenbruch im Urlaub erholt sich Siedle nie wieder. Er bleibt ein schwer kranker Mann, der kein Unternehmen mehr leiten kann.

Kampf um ein Lebenswerk

13 Jahre ist es her, dass das Schicksal Gabriele Siedle über Nacht zur Nachfolgerin bestimmte. Seither leitet die gelernte Bankkauffrau die S. Siedle & Söhne Telefon- und Telegrafenwerke OHG. Als erste Frau in nunmehr 268 Jahren Firmengeschichte. Als erste Fremde, die nicht aus der Siedle-Dynastie stammt. Es wird keine einfache Nachfolge. Viele begegnen ihr mit Misstrauen, gar mit Häme, während sie um das Lebenswerk ihres Mannes kämpft – und um ein Unternehmen im Umbruch.

Beim Besuch in Furtwangen will Gabriele Siedle zuerst ihr persönliches Schmuckkästchen zeigen: eine Manufaktur innerhalb der Firma. Hier werden handgefertigte Klingelkästen aus Edelstahl gebaut, goldbeschlagene Innensprechanlagen mit Kamera, edle Prestigeobjekte. Es ist „ihr“ Ort, ihr erster kleiner Sieg im Unternehmen. Damals, vor 18 Jahren, habe sie ihren Mann, der bis dahin ausschließlich auf Kunststoff gesetzt hatte, „so lange genervt“, bis er sie schließlich machen ließ, erzählt sie sichtlich stolz.

Bei der Bank in Baden-Baden, wo sie zuletzt als Abteilungsleiterin vermögende Kunden beriet, hatte Gabriele Siedle kurz zuvor gekündigt. Nun war sie die Frau des Patriarchen in dem kleinen Schwarzwaldstädtchen, wo Unternehmergattinnen ihre Zeit in der Regel mit Golfspielen oder Einkäufen verbringen. Sie dagegen suchte nach ihrem Platz im Unternehmen.

Ihr Mann habe ihr vertraut, sagt sie, er sei stolz auf sie gewesen. Gleichzeitig aber sei Horst Siedle, Jahrgang 1938, nicht frei gewesen vom typischen Machogehabe seiner Generation. Als sie ihn fragte, wo denn in der Firma ihr Sitzplatz sein werde, bekam sie zu hören: „Auf meinem Schoß.“ Erst als sie halb im Spaß erwiderte, dass sie auch zu ihrer Bank zurückkehren könne, besann sich ihr Mann. Er überließ ihr die Bereiche Kommunikation, Personal und Finanzen, zusätzlich durfte sie die Manufaktur ausbauen.

Die Firma setzt nun verstärkt auf Türsprechanlagen aus Edelstahl. „Siedle Steel“ wird Gabriele Siedles erster Erfolg, die Serie etabliert sich schnell und gehört bis heute zu den Umsatztreibern im Unternehmen. Aus der „Einflüsterin“, wie sie sich selbst im Rückblick nennt, wird die Co-Geschäftsführerin Siedle.

Mit einer anderen Idee allerdings scheitert sie. Sie will einen Betriebskindergarten aufbauen, doch eine Umfrage unter den Siedleanern ergibt: kein Bedarf. Die wenigen Frauen, die überhaupt arbeiten, sind nur in Teilzeit tätig oder haben Kinderbetreuung zu Hause. Die Zeit ist in Furtwangen selbst im Jahr 2000 noch nicht reif für Siedles Idee.