Interview Millionenerbin Marlene Engelhorn: „Ich will besteuert werden“

Marlene Engelhorst in der Talkshow Stöckl am 01. Juli 2021
Marlene Engelhorst in der Talkshow Stöckl am 01. Juli 2021
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Die Österreicherin Marlene Engelhorn wird einmal einen zweistelligen Millionenbetrag erben. 90 Prozent davon will sie wieder abgeben. Zusammen mit anderen Millionären fordert sie höhere Steuern für Reiche. Über ihre Beweggründe spricht sie im Interview

Es gibt nur sehr wenige Reiche, die über ihr Vermögen reden. Warum tun Sie es?

MARLENE ENGELHORN: Für die meisten Vermögenden scheint es wichtig zu sein, dass die Macht, die hinter ihrem vielen Geld steckt, verschleiert bleibt. Das ist intransparent und gefährlich, weil dann auch nicht sichtbar wird, wie viel Einfluss Einzelne nur dank ihres Reichtums bündeln. Ich kann mich nicht für eine faire Besteuerung von Vermögen einsetzen, aber selbst intransparent sein. Mein Erbe kann als Beispiel dazu dienen, dass öffentlich anhand eines konkreten Falls diskutiert wird.

Wenn Ihre Großmutter stirbt, werden Sie einen zweistelligen Millionenbetrag erben. Davon wollen Sie mindestens 90 Prozent abgeben. Was ist Ihr Motiv?

Vermögen in dieser Größenordnung bedeuten Macht, viel Macht. Und zwar in privater Hand. Macht ist in einer Demokratie aber keine Privatsache. Mit ihr kann allerlei angestellt werden, was mehr Menschen betrifft als die vermögende Person selbst. Es ist unfair und undemokratisch, wenn einige wenige Menschen Unsummen erben und die meisten anderen nicht. Wir sollten auch anerkennen, wer dieses Vermögen erarbeitet hat – ich nämlich nicht. Das waren die Menschen in den Unternehmen. Angefangen bei Böhringer Mannheim, der Firma, an welcher mein verstorbener Großvater Anteile hatte, bis hin zu den Firmen, in denen das Geld zurzeit angelegt ist. All diese Menschen haben nichts davon, nur ich.

Empfinden Sie die Erbschaft als Last oder als persönlichen Gewinn, weil Sie damit Gutes tun können?

Wer sagt denn, dass ich Gutes tun kann oder werde? Mit welchem Recht darf ich entscheiden, was gut und was schlecht ist? Gerade in Krisen, die alle betreffen, sollten nicht irgendwelche Einzelpersonen, die in der Geburtenlotterie Glück hatten, die Entscheidungen fällen. Wir haben dafür schon ein System: die gewählten Parlamente. Es ist eine Frechheit der Gesellschaft gegenüber, dass ich diese Macht haben darf. Auf das Wohlwollen der Vermögenden kann man sich nicht verlassen.

Woran machen Sie das fest?

In den vergangenen vierzig Jahren sind einige Wenige über die Maßen reich geworden. Die Welt haben sie aber nicht gerettet, obwohl sie es sich leisten könnten. Nur weil jemand Geld hat, heißt das nicht, dass er damit umgehen kann. Was gut ist und was nicht, müssen wir uns letztendlich als Gesellschaft gemeinsam erarbeiten.

Sie betonen, dass Sie durch das Erbe „Macht“ erhielten, obwohl Sie nichts dafür getan hätten. Heißt das, Sie haben generell nichts gegen Reichtum, wenn man etwas geleistet hat?

Was ist denn reich? Diese Frage sollten wir uns einmal ernsthaft stellen, denn es gibt keine Einigkeit. Bei Armut ist das anders. Jedes Land hat eine Armutsschwelle, es gibt auch eine internationale Grenze – wenn man darunter fällt, ist man arm. Für Reichtum haben wir das nicht. Eine Definition für „Überreichtum“ würde helfen zu zeigen, ab wann eine Einzelperson durch ihr Vermögen auch eine „Übermacht“ besitzt. Und was ist mit all der Leistung der Menschen, die nicht zu Reichtum führt, aber unsere Gesellschaft am Laufen hält? Arbeiten, die der Gesellschaft wirklich etwas bringen, werden am schlechtesten bezahlt - und umgekehrt.

Stimmt das Sprichwort „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied“ aus Ihrer Sicht nur begrenzt oder gar nicht?

Dieser Satz ist Unfug. Kein Mensch erarbeitet sich Reichtum allein. Das ist unmöglich. Teil daran haben immer die Gesellschaft und der Staat, der die Infrastruktur stellt, etwa die Grundlagenforschung, das Bildungs- und Gesundheitssystem, die Polizei, den öffentlichen Verkehr und nicht zuletzt das Rechtssystem, das Eigentum und Unternehmertum erst möglich macht. Es ist eine Frechheit, wenn Gewinne aus Arbeit wie selbstverständlich in der Führungsetage ausgeschüttet werden, während alle anderen um jeden Cent streiten müssen. Überreichtum und Armut sind strukturell miteinander verknüpft. Wer das eine will, kriegt das andere dazu.

Was immer mit Ihren geerbten Millionen passiert, sie kehren zurück in den Wirtschaftskreislauf. Das heißt, ihr Geld könnte alsbald bei Superreichen landen. Was bedeutet das für Sie?

Genau das ist der Punkt. Geld sollte im Fluss sein. Es sollte als Mittel und nicht als Zweck verstanden werden. Wenn wir ein Umverteilungssystem, das demokratisch gestaltet ist, dafür nutzen, dass Geld immer in einem ausgewogenen Fluss von öffentlicher und privater Hand ist, dann können wir finanzielle Sicherheit und Freiheit ganz anders gestalten. Die werden nämlich beide mehr, wenn man sie teilt. Wenn aber Überreiche ihre Gelder wie stehende Gewässer behandeln, entziehen sie der Gesellschaft wichtige Ressourcen, nur um neurotisch zu horten, was sie ohne Gesellschaft nie hätten.

Wo also muss man aus Ihrer Sicht ansetzen, um den von „taxmenow“ gewünschten Effekt zu erzielen, nachhaltig für mehr Gerechtigkeit auf der Welt zu sorgen?

Wir müssen öffentlich über die Auswirkungen von Überreichtum und Armut reden und darüber nachdenken, was für eine Gesellschaft wir wollen. Eine, in der die Demokratie den Märkten unter- oder übergeordnet ist, in der alle Stimmen gleichwert sind und Lobbyismus nur bei absoluter Transparenz gestattet ist – oder eben nicht? Warum lassen wir es zu, dass es Menschen gibt, deren Privatvermögen den Haushalt von so manchem Staat übertrifft? Diese Fragen gehen uns alle an. Also müssen wir gemeinsam antworten finden.

Sie wollen Ihre Millionen nicht spenden. Warum nicht?

Die Philanthropie zementiert Ungleichheit meistens nur. Außerdem sind Stiftungen oft einfach Parkgaragen für Kapital. Das Geld liegt in Anlagen am Finanzmarkt und mit der Rendite wird ein wenig gefördert. Vieles, wofür es sich lohnt, Geld zu geben, sollte nicht an das Wohlwollen jener geknüpft sein, die Geld haben. Es geht doch um strukturelle Probleme.

Denken Sie darüber nach, Ihr Geld in ökologisch und gesellschaftlich sinnvolle Unternehmen zu investieren?

Wenn es da ist, wird es hoffentlich in einem demokratischen Prozess umverteilt. Ich will besteuert werden, dafür setze ich mich ein. Alles andere werden wir dann sehen.

Sie sagen: „Ich wurde in die richtige Familie geboren.“ Kann man demnach auch in eine falsche geboren sein?

Es gibt keine „richtigen“ oder „falschen“ Familien. Das Zitat haben Sie vermutlich aus einem Gespräch, in dem ich darauf hinweise, dass in einer Welt, in der finanzielle Sicherheit Freiheit mitbringt, vermögende Familien es einfacher haben, weshalb man sagen könnte, dass sie am Ziel und somit „richtig“ seien. Es gibt gesellschaftliche Strukturen, die es manchen leichter machen als anderen. Diese Strukturen lassen sich aber auch so formen, sodass es für den Lebensweg in der Gesellschaft egal ist, in welche Familie ein Mensch geboren wird. Wir sollten überlegen, ob das Ziel gesellschaftlichen Handelns, also von Politik, nicht vielleicht doch die Beziehungsarbeit ist, die uns genau das ermöglicht. Und das fängt in meinen Augen mit dem Teilen an.

Der Beitrag ist zuerst erschienen auf ntv.de


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