KolumneMein Haus, mein Auto, mein Accelerator!

Uwe Horstmann
Uwe Horstmann

Inkubator nennen Ärzte einen Brutkasten, jene Apparatur, die Frühgeborenen hilft, die ersten Tage außerhalb des Mutterleibs zu überleben. Investoren, die Start-ups helfen, am Leben zu bleiben, haben den Begriff aus der Medizin übernommen. Zwar liegen mir keine konkreten Zahlen vor, wie viele der über 300.000 Vollzeitgründer in Deutschland sich mit Hilfe eines solchen Programms selbstständig gemacht haben. Gefühlt gibt es inzwischen aber mehr Brutkästen als Geschäftsideen, die sie aufnehmen könnten.

Vor zwei Jahren gab es noch 40 solcher Acceleratoren in Deutschland, heute sind es fast 100, jeder dritte davon ist in Berlin eingetragen. Und die allermeisten davon sind ausgelagerte Innovationsabteilungen der etablierten Unternehmen. Ob Allianz, Commerzbank, Deutsche Telekom, Lufthansa, Ergo, Bayer oder Deutsche Bahn – praktisch jedes hiesige Großunternehmen präsentiert stolz seinen eigenen Inkubator oder Accelerator. Längst gilt der hauseigene Brutkasten als Statussymbol. Ausbrüten ist salonfähiger als stiften, Gründer zu pampern sinngebender als die Hilfe für Waisenkinder, in neue Geschäftsmodelle zu investieren hipper als das eigene fit für die Zukunft zu machen. Dabei haben die ersten Konzerne wie Sky oder Immobilienscout schon wieder den Stecker gezogen oder haben ihre Programme wie MediaSaturn umstrukturiert. Es sind sicher nicht die letzten gewesen.

Eigentlich folgen Inkubatoren und Acceleratoren nur einer Logik: die Jagd nach dem einen, seltenen Einhorn. So heißen Start-ups, aus denen sich im Laufe der Jahre Unternehmen entwickeln lassen, die 1 Mrd. Dollar und mehr wert sind. Und statistisch ist es nun einmal so, dass nur jedes hunderte Start-up überhaupt am Leben bleibt. Die Jagd ist also ziemlich aussichtslos.

Deutsche Acceleratoren sind mäßig erfolgreich

Vorbild für die meisten Programme ist der Y Combinator im kalifornischen Mountain View. Der 2005 gegründete Inkubator versorgt Start-ups bis zu drei Jahre lang mit Geld und Wissen – und verschafft den Gründern Zugang zu ihresgleichen, Mentoren und Kapitalgebern. Y Combinator gibt Jungunternehmern in der Regel 120.000 Dollar und erhält dafür einen Unternehmensanteil von sieben Prozent. Mehr als 750 Gründer hat Y Combinator unterstützt und sie teilweise zu weltberühmten Unternehmen gemacht, darunter die Zimmervermittlung Airbnb und der Internet-Speicherdienst Dropbox. Nur arbeitet Y Combinator nach dem Prinzip „Spray & Pray“, fördert und fordert gleichzeitig eine Vielzahl von Gründern. Ein einziges Einhorn wie Airbnb finanziert nicht nur das gesamte Portfolio. Es zieht auch die besten Ideen und Gründer an wie das Licht die Motten.

Die meisten deutschen Unternehmen brüten nicht mal eine Hand voll Start-ups aus. Zu wenig, als dass sie jemals eine realistische Chance auf das Einhorn hätten. Erfolgsgeschichten wie N26, die einst von Springers Plug & Play gepampert wurde, sind bis heute die Ausnahme. Abgesehen davon, dass die besten Start-ups ohnehin ihr Geld am Markt finden, ohne sich in den Schoß der Konzerne legen zu müssen, haftet den meisten Programmen nicht gerade der Ruf des Erfolges an: Anziehend ist anders. Und so verkommen die meisten Programme zum Sammelbecken für Durchschnitt, zur Resterampe für all jene, die anderswo umsonst um Geld gebettelt haben.

Start-ups mit einem Maximum an unternehmerischer Freiheit ausbrüten

Kluge Unternehmen sollten wissen, dass ihr Brutkasten keine Konkurrenzveranstaltung zum Y Combinator sein wird. Sie versuchen, Interessenskonflikte zu vermeiden. Ihr vorrangiges Ziel muss es dabei sein, sich günstig Innovation ins Haus zu holen, ohne gleich das Start-up zu besitzen. Sie halten sich ihren Inkubator nicht als Satellit der konzerneigenen Innovationsabteilung und damit weit weg vom Kerngeschäft. Sie bringen die Gründer mit ihren spießigen Ingenieuren zusammen, damit beide zusammen vom Start weg an realen Aufträgen arbeiten können. Das Konzept „etabliertes Unternehmen trifft auf Start-up zum beiderseitigem Vorteil“ hört sich toll an, scheitert aber oft daran, dass eben das nicht passiert: Die Start-ups bleiben in Innovationsabteilungen hängen, fernab von dem, wo wirklich Geld verdient und Geschäft gemacht wird.

Und wenn es ein Konzern damit ernst meint, muss er dafür auch nicht gleich Anteile haben wollen. Lieber sollte er seine Start-ups mit einem Maximum an unternehmerischer Freiheit ausbrüten. Denn das ist die wichtigste Währung eines jeden Gründers. Den Einfluss sichern sich Konzernlenker also indirekt: über hervorragende Zusammenarbeit und nicht über Knebelverträge.