MarkenmomentWie sich Kettler nach der Insolvenz neu erfinden will

Kettler: Die Rettung für das insolvente Unternehmen kam in letzter Minutedpa

Wann die Stunde null schlug, kann Olaf Bierhoff genau sagen: am 18. Dezember 2018 um 1 Uhr 23. In diesem Moment standen alle Unterschriften unter den Verträgen, die Kettler und seinem Chef Bierhoff einen Neuanfang nach der Pleite ermöglichten. Noch kurz zuvor, während des Insolvenzverfahrens, waren Investoren abgesprungen, weil sich die Stiftung des verstorbenen Gründers beim Verkauf querstellte. Kettler drohte das Aus. Die Rettung brachte der Finanzinvestor Lafayette Mittelstand Capital. „Es war definitiv kurz vor knapp“, sagt Bierhoff.

In den Wirren der Insolvenz litt natürlich auch die Marke. Händler und Kunden wussten nicht, wie lange es Kettler noch geben würde. „Wir müssen der Marke neues Leben einhauchen“, sagt Bierhoff nun. Bereits im Januar präsentierte sich Kettler daher auf der Sportfachmesse ISPO mit einem knalligen Motto: „The Greatest Comeback Ever“.

Um nach dem Umsatzrückgang der Krisenjahre den Turnaround zu schaffen, setzt der Kettler-Chef nicht auf punktuelle Markeninnovationen, sondern auf einen komplexen Um- und Ausbau des Sortiments. Aktuell macht das Unternehmen rund 45 Prozent seines Umsatzes mit Fitnessgeräten wie Rudermaschinen und Ergometern sowie 30 Prozent mit Gartenmöbeln. Bei Inneneinrichtungen will Kettler nun mit einem noch jungen Geschäft wachsen: Komplettausstattungen für Hotels und Restaurants, die bald zehn Prozent des Möbelumsatzes stellen könnten.

Das kleinste Segment namens Spiel und Kind, zu dem auch das berühmte Kettcar gehört, sei in den letzten Jahren „etwas untergegangen“, sagt Bierhoff. Wachstum schaffen sollen hier vor allem Schülerschreibtische, von denen Kettler derzeit rund 30 000 Stück produziert und hierzulande über Möbelhäuser verkauft – oder nach China exportiert, wo die Nachfrage kräftig steigt. Für 2020 ist auch ein neues Kettcar-Modell geplant. Um das Sportgeschäft wieder flott zu machen, will Bierhoff auch günstigere Trainingsgeräte anbieten. Zudem kann er sich vorstellen, für andere Unternehmen Geräte ohne Kettler-Kennzeichnung zu fertigen.

Um die eigenen vier Werke in Deutschland besser auszulasten, will der Kettler-Chef mit Beteiligungsunternehmen des Neueigentümers Lafayette kooperieren. So soll ein Kettler-Werk, in dem heute Stahlrohre für Kettcars und Autorück-sitze geschweißt werden, künftig auch für Lafayettes Autozulieferer produzieren. Auch für ein Kunststoffwerk sind solche Synergien denkbar.

Zusammen mit der Molkerei Münsterland, einer weiteren Lafayette-Firma, hat Bierhoff ein neues Produkt bereits auf der Sportmesse vorgestellt: einen Proteindrink mit Kettler-Logo, der über den Sportfachhandel verkauft wird. Eine Kraftquelle wird auch die Firma selbst benötigen, um ihr groß angekündigtes Comeback zu schaffen. „Wir müssen jetzt den Beweis antreten, dass wir zu Recht noch da sind“, sagt Bierhoff.

Unternehmen

Kettler entstand 1949 in Parsit im Sauerland. Nachdem 2005 der Gründer Heinz Kettler und 2017 auch seine Tochter Karin starben, kontrollierte die Heinz-Kettler-Stiftung das Unternehmen mit zuletzt 120 Mio. Euro Umsatz. Zwei Insolvenzverfahren später stieg Ende 2018 der Finanzinvestor Lafayette ein. Aktuell hat Kettler noch rund 500 Mitarbeiter.