Luftfahrt Branche im Sinkflug? Die Corona-Bilanz der Airlines

Ein A321neo der portugiesischen Fluggesellschaft TAP am Flughafen Lissabon
Ein A321neo der portugiesischen Fluggesellschaft TAP am Flughafen Lissabon
© IMAGO / Aviation-Stock
Zwei Jahre Coronapandemie haben die Luftfahrtindustrie geschlaucht. Selbst große Airlines wie Lufthansa mussten Milliardenkredite in Anspruch nehmen. Jetzt erwarten Easyjet, Ryanair und Co. einen Buchungsboom. Doch der könnte für manche zu spät kommen

Die Hoffnung auf bessere Zeiten währte nur kurz. Im Dezember noch vermeldete Deutschlands größter Flughafen in Frankfurt 2,7 Millionen Passagiere und damit rund dreimal so viele wie im Vorjahr. Doch schon kurz darauf machte Omikron dem Reiseverkehr einen Strich durch die Rechnung: Im Januar sackte die Zahl der Fluggäste auf 2,2 Millionen ab, was verglichen mit 2019 gerade mal die Hälfte ist.

Die Luftfahrtindustrie taumelt durch die Pandemie. Neben Gastronomie und Tourismus ist sie eine der Branchen, die Corona besonders hart getroffen hat. Entsprechend ernüchtert fällt die Bilanz des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) Ende Januar aus: Die Nachfrage beim weltweiten Passagierflugverkehr lag 2021 ganze 58 Prozent unter dem Wert von 2019. Verantwortlich dafür waren vor allem die internationalen Flüge, von denen nur ein Bruchteil stattfand.

Auch die deutschen Airlines leiden unter der schwierigen Buchungslage. Sie transportierten vergangenes Jahr 68 Prozent weniger Passagiere als 2019. „Die Luftfahrt in Deutschland hat sich leider deutlich schleppender erholt als die Prognosen nach dem ersten Pandemiejahr erwarten ließen“, so BDL-Präsident Peter Gerber. In vielen europäischen Nachbarländern sei es besser gelaufen, weil dort häufiger im Inland geflogen werde. Hierzulande wichen viele aufs Auto aus, um von A nach B zu kommen.

„Sack voll Schulden“

„Die Branche kommt mit einem Sack voll Schulden und einem Überangebot aus der Krise“, sagt Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt. Die meisten großen und mittleren Airlines hätten zwar überlebt, auch durch staatliche Hilfen. Deshalb lief es für viele glimpflich. Doch das wird nicht so bleiben, glaubt Großbongardt. „Viele Airlines haben kein Geld verdient.“

Dazu kommt die Zinslast der Staatshilfen. Während die Lufthansa ihre Kredite in Höhe von mehr als 3,5 Mrd. Euro an Deutschland zurückgezahlt hat, steht das bei Air France-KLM noch aus. Sowohl die Niederlande als auch Frankreich hatten den Konzern mit Milliardensummen gerettet. Eigentlich wollte das französisch-niederländische Unternehmen die Staatshilfe 2021 teilweise zurückzahlen, schaffte das aber nicht. DIe Airline flog erneut tiefrote Zahlen ein, landete bei einem Nettoverlust von 3,3 Mrd. Euro und verzichtete für das laufende Jahr gleich ganz auf eine Prognose. „Das ist kein rosiger Ausblick“, sagt Gerald Wissel vom Beratungsunternehmen Airborne Consulting.

Während Condor sich nach der Insolvez des Mutterkonzerns Thomas Cook retten konnte und einen neuen Investor gefunden hat, verschwanden SunExpress Deutschland und die Luftfahrtgesellschaft Walter LGW komplett vom Markt. Je länger die Krise andauert, desto schwerer dürften es gerade die kleineren Geselschaften haben. Experten rechnen deshalb mit einer Marktbereinigung. „Die Konsolidierung wird kommen“, so Großbongardt.

Lufthansa: Keine weiteren Entlassungen

Es gibt aber auch Hoffnungsschimmer für die Branche: Die Lufthansa wird auf ihrer Bilanzveranstaltungen Anfang März wohl gute Nachrichten verkünden. Wie das Handelsblatt berichtet, will Europas größter Flugkonzern seinen Schrumpfkurs beenden. Während der Pandemie hatte Lufthansa angekündigt, sein Personal von weltweit rund 140.000 auf bis zu 100.000 Mitarbeitende zu reduzieren. Damit soll nun Schluss sein. Anders als bisher geplant, will der MDax-Konzern im Frühjahr keine weiteren Pilotinnen und Piloten entlassen. Die weltweite Nachfrage erhole sich und führe langfristig zu deutlich besseren Perspektiven im Cockpit, heißt es von Lufthansa. Laut Handelsblatt arbeiten derzeit noch 107.000 Menschen dort.

„Große Gesellschaften wie Lufthansa haben sich während Corona deutlich verschlankt“, sagt Großbongardt. „Sie sind jetzt wettbewerbsfähiger.“ Den Preis dafür musste jedoch vor allem die Belegschaft zahlen. „Die Arbeitnehmer haben sehr unter dem Sozialabbau gelitten. Der Umbau gerade bei Lufthansa war für Arbeitnehmer schmerzhaft“, sagt Großbongardt. Die Tochter Germanwings etwa wurde komplett abgewickelt. Nach wie vor fehlt vielen Pilotinnen und Piloten eine Perspektive. Und bei den Tochtergesellschaften Eurowings und Eurowings Discover sind zwar neue Stellen ausgeschrieben, allerdings zu schlechteren Konditionen. Immerhin: Die Pilotenausbildung soll ab Sommer weitergehen. Lufthansa hatte sie während der Pandemie eingestellt - zum Ärger vieler Flugschülerinnen und Flugschüler, die dagegen klagten. 

Aufwärts ging es 2021 auch bei Airbus. Zwei Jahre schrieb der Flugzeugbauer Verluste, nun meldet er sich mit einem Rekordgewinn zurück: 4,2 Mrd. Euro Überschuss schlagen das bisherige Rekordjahr 2018. Das gute Ergebnis hat der Dax-Konzern vielen ausgelieferten Fliegern und Einsparungen zu verdanken. Die A320er-Familie laufe so gut, „dass Airbus sogar den Stopp des A380 verkraftet hat. So etwas bringt eine Firma normalerweise um“, sagt Großbongardt.

Umweltfrage ungelöst

Billigflieger wie Easyjet, Ryanair oder Wizz Air gehen optimistisch in das dritte Corona-Jahr. Sie erwarten einen Boom bei Reise- und Flugbuchungen. Nach Einschätzung von Experten sind die Low-Cost-Anbieter bisher verhältnismäßig gut durch die Krise gekommen. Sie dürften nun mit Kampfpreisen in den Markt gehen und versuchen, sich weitere Marktanteile zu sichern. Easyjet-CEO Johan Lundgren lehnt erst kürzlich einen Mindestpreis für Tickets ab, wie er dem Handelsblatt sagte. Dennoch müssen sich Flugreisende perspektivisch auf höhere Kosten einstellen. „Fliegen wird mittelfristig teurer werden, schon wegen höherer Umweltauflagen“, sagt Experte Wissel.

Denn auf die Klimafrage hat die Branche auch während der Krise keine überzeugende Antwort gefunden. Die Mitgliedsländer der UN-Luftfahrtorganisation ICAO haben zwar ein globales CO2-Kompensationssystem für den Luftverkehr vereinbart. Mit diesem Abkommen namens Corsia sollen Emissionen durch CO2-Emissionszertifikate ausgeglichen werden. Doch um die Airlines nicht noch mehr zu belasten, hat die ICAO den Start des Programms verschoben und gleich noch weichere Berechnungsgrundlagen angekündigt.

„Corsia ist der Versucht, weltweit ein Instrumentarium zu schaffen, um die Fluggesellschaften am Umweltschutz zu beteiligen“, so Wissel. Allerdings bestünden sehr viele Ausnahmen und die Unternehmen hätten „einen hohen administrativen Aufwand“. „Zudem handelt es sich um Maßnahmen zur CO2 Kompensation und nicht Vermeidung, so dass die Gefahr eines Greenwashings besteht“, so Wissel.

Mehr umtreiben als der Klimaschutz dürfte die Branche, wie schnell und wie viele Kunden zurückkommen. Besonders optimistisch waren die Airlines zuletzt nicht. Für Januar und Februar haben die Fluglinien ihre Kapazitäten kurzfristig um rund 30 Prozentpunkte gegenüber ihren ursprünglichen Planungen zusammengestrichen.


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