Kolumne Lieferkettengesetz: ungemütliche Zeiten für deutsche Konzerne in China

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
© Martin Kress
Die deutsche Industrie kann das neue Lieferkettengesetz nicht mehr verhindern. Die Geschäfte in China werden noch schwieriger als bisher schon

In der deutschen Debatte über das neue Lieferkettengesetz bewegen sich alle so, als ob sie den 200-Kilogramm-Gorilla im Raum nicht sehen würden. Weder die Befürworter des Gesetzes in der Politik, noch die Gegner in der Wirtschaft reden offen über das eigentliche Problem: China. Die neuen Regeln zwingen die deutschen Konzerne, künftig bei ihren Lieferanten noch stärker als bisher auf die Einhaltung von Menschenrechten und Umweltschutz zu achten. In den meisten Ländern der Welt bedeutet das für die Unternehmen mehr Arbeit, vielleicht auch höhere Kosten und noch mehr Berichtspflichten. In der Volksrepublik China aber wird jede noch so kleine Anwendung des Gesetzes zum Politikum. Und der chinesische Staats- und Parteichef Xi Jinping zeigt jeden Tag aufs Neue, dass er keinem Streit aus dem Weg geht.

Es sind keineswegs nur die Arbeitslager in der chinesischen Provinz Xinjiang, die deutschen Konzernen künftig noch mehr Kopfzerbrechen bereiten dürften als bisher schon. Menschrechtsverletzungen aller Art gehören zur DNA der kommunistischen Diktatur. Und auch an Umweltstandards hält sich die Regierung in Peking nur in den allerseltensten Fällen. Während sich alle Welt um eine möglichst radikale Senkung des Kohlendioxidausstoßes bemüht, steigt der Ausstoß in China weiter schnell an. Mittlerweile pustet die Volksrepublik allein so viel Klimagas in die Luft wie allen entwickelten Industriestaaten zusammen. In der Tabelle der Klimasünder findet man China auf Platz 1, gefolgt von den USA auf Platz 2. Alle wortreichen Verpflichtungen der chinesischen Regierung beziehen sich auf die ferne Zukunft (Klimaneutralität bis 2060), aber nicht auf die schmutzige Gegenwart.

Unternehmen diversifizieren ihre Lieferketten

Konflikte zwischen den westlichen Ländern und China sind programmiert, je mehr der Kampf gegen den Klimawandel zur zentralen Achse der globalen Politik wird. Die westlichen Unternehmen, die in China investieren und große Geschäfte machen, könnten dabei zunehmend zwischen die Fronten geraten. Und das Lieferkettengesetz könnte zur weiteren Waffe werden, um deutsche Unternehmen zu einem anderen Verhalten in China zu zwingen. Und anders als in fast allen anderen Ländern der Welt, müssen sie bei jeder noch so kleinen Änderung ihrer Lieferkette in solchen Fällen mit politischer Bestrafung rechnen.

Viele deutsche Konzerne sind bereits aufgewacht. Trotz aller Kostenvorteile, Zulieferungen aus China zu beziehen, bemühen sie sich in letzter Zeit still und leise um eine Diversifizierung ihrer Lieferketten. Man redet darüber nicht, um nicht den Zorn des 200-Kilogramm-Gorillas zu wecken, aber man macht es. Bestes Beispiel ist die Pharmaindustrie, die erst in der Corona-Pandemie richtig begriffen hat, wie abhängig sie sich von chinesischen Lieferanten gemacht hatte. Das ändert sich gerade – auch ohne politische Vorgaben aus Berlin.

Die Unternehmen tun aus eigenem Interesse gut daran, ihre Lieferketten in den nächsten Monaten zu überprüfen. Dabei geht es nicht nur um China, sondern auch um andere diktatorische Regimes wie Russland und seine Satelliten. Neben dem 200-Kilogramm-Gorilla gibt es schließlich noch viele kleinere Exemplare der gleichen Gattung.

Bernd Ziesemerist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


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