Gastbeitrag Lieferketten: Wie Unternehmen den nächsten Engpass verhindern können

Containerverladung: Die Corona-Pandemie hat die Warenströme weltweit empfindlich gestört
Containerverladung: Die Corona-Pandemie hat die Warenströme weltweit empfindlich gestört
© IMAGO / Sven Simon
Unternehmer müssen mittlerweile mit Krisenereignissen planen, die Auswirkungen auf ihre Lieferketten haben. Sprich: Firmen müssen schnell auf das Unerwartete reagieren können und sich für Risiken präparieren. Ohne neue Technologien wird das nicht funktionieren

Die Covid-19-Krise zeigte eindrucksvoll, dass viele Unternehmen schlichtweg unvorbereitet auf plötzliche Ausnahmesituationen sind. Selbst Innovations- und Marktführer wie Apple wurden von den plötzlichen Entwicklungen kalt erwischt. Nach Ausbruch der Krise zeigten viele Experten mit dem Finger auf die brüchigen Lieferketten. Oder genauer gesagt: Auf einen intransparenten Zulieferermarkt und zahlreiche, stark spezialisierte Lieferanten, die ihre eigenen Nischen dominieren.

Gregor Stühler, Mitgründer und CEO von Scoutbee
Gregor Stühler, Mitgründer und CEO von Scoutbee
© PR

Denn mit dieser Marktsituation gehen Schwächen einher. So behindert etwa die globale Knappheit an Halbleitern noch immer die Automobilproduktion – ein Jahr nach Beginn der Pandemie. Die begehrten Chips werden zu großen Teilen von nur wenigen taiwanesischen Unternehmen produziert. In der Folge müssen Automobilkonzerne mit den Playern zahlreicher anderer Branchen in einen aufreibenden Konkurrenzkampf um das rare Gut treten. Schlussendlich verliert allein der Automobilsektor 2021 circa 61 Mrd. US-Dollar Umsatz.

In anderen Branchen wiederum sorgen derartige Engpässe nicht nur für Umsatzrückgänge, sondern sie stellen ein existenzielles Risiko dar: für die Unternehmen und für Leib und Leben. Eine Produktionsstörung beim malaysischen Unternehmen Top Glove, seines Zeichens einer der weltweit größten Handschuhhersteller, beeinträchtigte die globale Versorgung mit Nitrilhandschuhen. Mitten in der Pandemie. Also in einer Zeit, in der Krankenhäuser dringender denn je Schutzhandschuhe brauchten, um das Covid-Virus zu bekämpfen. Zusätzlich zum weltweit explodierenden Bedarf entstand durch den Produktionsausfall eine weitere Verknappung. Und mit einem Mal erschien und erscheint das ökonomische Mantra nach maximal effizienten, globalisierten und kostenoptimierten Lieferketten deutlich weniger attraktiv.

Digitalisierung ist überlebenswichtig

Pläne, Künstliche Intelligenz oder Machine-Learning-Anwendungen in die eigenen Unternehmensprozesse zu integrieren, sind entscheidend, um agil und flexibel auf solche Situationen reagieren zu können. Doch dieser technische Fortschritt fehlt derzeit nur zu oft, gerade im Lieferkettenmanagement und Beschaffungswesen. Der Harvard Business Review Analytic Service untersucht in seinem Report „Managing Procurement Risk Poll” den Status Quo im Beschaffungswesen. Die Quintessenz: 92 Prozent der Einkäufer und Einkaufsmanager sind unzufrieden mit dem Stand der digitalen Transformation. Und eine Umfrage des Beratungsunternehmens Deloitte ergänzt: die digitale Transformation wird konventionellen Prioritäten wie dem Kostenmanagement noch immer und zu oft untergeordnet. Eine Fehleinschätzung! Die Fähigkeit, neue Umsatz- und Kostenmanagement-Chancen anzuzapfen, ist inzwischen unweigerlich mit der digitalen Schlagkraft eines Unternehmens verknüpft.

Leider zielen gerade im Bereich Einkauf und Supply Chain-Management viele Softwarelösungen auf die Einsparung von Personal ab. Oft werden Rechnungs- oder Logistikprozesse digitalisiert. Aber nur selten werden Einkaufsabteilungen mit strategischen und wertstiftenden Daten und Softwarelösungen ausgestattet. Dies liegt auch daran, dass kaum ein Einkaufsleiter wirklich am Vorstandstisch sitzt und eher als Kostenstelle denn als strategischer Partner geführt wird.

Nicht denken – wissen

Um die Brücke von der digitalen Transformation zu brüchigen Lieferketten und dem intransparenten Zulieferer-Markt zu schlagen, stehen neue Technologien hier beispielhaft dafür, wie sie beinahe jede Entscheidungsfindung, jeden Prozess transformieren (können). Denn sowohl die beschriebene Studie des Harvard Business Review als auch die Deloitte Umfrage bemängeln in den vergangenen Jahren mehrfach die vorherrschende Intransparenz. Und trotz dieses Problembewusstseins verfügen viele Beschaffungsteams weiterhin nur über ein anekdotisches Verständnis über ihre Lieferanten, und was diese leisten können. Auch, weil das Mappen, Nachvollziehen und Verstehen von Lieferketten ein unglaublich zeitaufwendiger und nervenraubender Prozess sind.

Denn es existiert oftmals keine verlässliche „Single Source of Truth“, also eine einheitliche und gründliche Informationsgrundlage, anhand derer Einkäufer fundierte Entscheidungen treffen können. Stattdessen müssen sie viele Entscheidungen trotz eines unvollständigen Überblicks über den Lieferantenmarkt vornehmen. Tritt dann ein Krisenereignis auf – oder Einkäufer müssen sich aus unterschiedlichen Gründen auf einem hochkompetitiven Lieferanten-Markt bewegen – dann haben Beschaffungsteams (eigentlich) schlicht keine Zeit, sich durch veraltete Datenbanken zu wühlen, oder das Internet nach genaueren Informationen zu einem bestimmten Lieferanten zu durchkämmen.

Nun verlassen sich Unternehmen zwar schon länger auf digitale Tools, mit denen sie die Effizienz bestimmter Abteilungen erhöhen. Inzwischen beschleunigen KI-getriebene Plattformen aber nicht nur Vertragsabschlüsse oder erstellen Reportings. Sie können mehr: indem sie die proaktiv und kontinuierlich die Lieferanten-Märkte im Auge behalten und nach neuen und aussagekräftigen Marktdaten screenen, erschließen sie neue Werte für die Einkaufsteams. Denn diese können die Informationen für neue Innovationen, ausgeprägtes Risikomanagement oder reizvolle ökonomische Gelegenheiten nutzen.

Gerade im Beschaffungswesen wird der Konkurrenzkampf mit anderen Unternehmen in den einzelnen Kategorien gewonnen. Kategorien beschreiben Gruppen gleicher Güter oder Services mit einheitlichen oder nahen Nachfragetreibern und Lieferanten. Hier hängt teilweise das Überleben ganzer Unternehmen davon ab, stets den besten Lieferanten weltweit zu finden. Und „der beste” ist nicht immer mit „dem günstigsten Zulieferer” gleichzusetzen. Inzwischen spielen hier auch die Faktoren Innovation, Nachhaltigkeit, Geschwindigkeit oder Sicherheit, beziehungsweise Verlässlichkeit eine immer größere Rolle. All diese Faktoren eint jedoch: Informationshoheit ist entscheidend.

Einkäufer brauchen einen Rundumblick, eine Art Vogelperspektive auf den gesamten Lieferantenmarkt durch verifizierte Daten von Drittanbietern. Dann können sie Zulieferer einheitlich benchmarken und anhand einer einheitlichen Vergleichsbasis fundierte Entscheidungen treffen. Mittels Künstlicher Intelligenz können Einkäufer obendrein schneller auf Krisensituationen reagieren und mögliche Risiken sogar prognostizieren. Kurz gesagt: KI ist entscheidend, um durch die volatile Weltwirtschaft zu navigieren. Proaktiv nicht reaktiv.

Gregor Stühlerist Mitgründer und Geschäftsführer des Unternehmens scoutbee, der führenden Plattform für die digitale Lieferantensuche. Große multinationale Konzerne wie Audi, Airbus, Siemens oder Bosch sowie über 150 weitere Unternehmen nutzen bereits die Datenbank und die Künstliche Intelligenz des Unternehmens für ihr strategisches Beschaffungs- und Einkaufswesen.


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