KolumneDie Lego-Methode

Anja Förster
Anja Förster

Ihm gebührt der ehrenvolle Titel: „Retter von Lego!“: Jørgen Vig Knudstorp, der von 2004 bis Ende 2016 Chef von Lego war, ist in Dänemark bekannt wie ein bunter Hund. Denn er vollbrachte eine Heldentat: Lego ist nicht irgendein Unternehmen, sondern gehört zu Dänemark wie das Baguette zu Frankreich, wie der FC Bayern zu München, wie die Meerjungfrau zu Kopenhagen. Dieses unternehmerische Nationalheiligtum war um das Jahr 2000 in eine schwere Krise geraten. Lego hatte sich mit Computerspielen, den Legoland-Freizeitparks und Kindermode völlig verzettelt. In keinem dieser Bereiche waren die Dänen wirklich Experten und in keinem dieser Bereiche waren sie profitabel.

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Knudstorp, ein ehemalige McKinsey-Manager, kam und konnte den Zusammenbruch des Familienunternehmens gerade noch so eben verhindern. Er sanierte umfassend und knallhart, strich mehrere hundert Arbeitsplätze, ließ keinen Stein auf dem anderen: Freizeitparks: verkauft. Kindermodengeschäft: ausgelagert. Computerspiele: Software-Experten an Bord geholt. So gelang die Wende.

Doch für mich fand seine größte, erstaunlichste und cleverste Tat erst danach statt: Knudstorp schaffte es, nach der Sanierung zwölf Jahre hintereinander den Gewinn stetig anzuheben. Er machte aus dem kriselnden Spielklötzchen-Hersteller im europäischen Hinterland den erfolgreichsten Spielwarenkonzern der Welt. Unter Knudstorps Leitung wurde der Umsatz verfünffacht. Verfünffacht! Und die bunten Klötzchen sind trotz der riesigen Konkurrenz von Tablets und Smartphones wieder ein genauso großer Hit in den Kinderzimmern, wie damals zu meiner eigenen Kindheit.

Wie hat er das geschafft? Wie konnte er im Unternehmen verankern, dass es seine Zukunftsfähigkeit nie wieder vergessen würde, sondern seit der Krise an jedem neuen Tag die Ressourcen zur Gestaltung der Zukunft vergrößerte? Oder kurz: Was ist die Methode Knudstorp?

Die Dosis macht das Gift

Er machte mit Lego genau das, was mein Mann und ich mit unseren Kochrezepten machen. Doch, ernsthaft! Wir sammeln unsere Lieblingsrezepte in einem Ringbuch. Ein Blatt pro Rezept. Weil es uns aber nach einiger Zeit genervt hat, dass wir immer wieder die gleichen Gerichte kochten, änderten wir das rigoros: Zweimal im Jahr setzen wir uns seitdem zusammen und werfen zehn Prozent der Rezepte raus.

Wir legen sie nicht zur Seite. Nein, wir werfen sie weg. Unwiederbringlich. Und dann suchen wir mit größter Freude als Ersatz neue Rezepte, die uns wieder Spaß machen.

Das funktioniert köstlich. Wir nennen die Methode „10 Prozent Cortés“! Benannt nach Hernán Cortés, dem spanischen Eroberer, der 1519 Mexiko erreichte. Cortés erklärte Mexiko kurzerhand zur Kolonie der spanischen Krone und sich selbst zum Gouverneur. Und dann ließ er alle seine Schiffe versenken. 100 Prozent der Flotte. Er nahm seiner Truppe jede Möglichkeit zur Rückkehr.

Das ist radikal, keine Frage. Auf die Wirtschaft oder unsere Rezeptsammlung übertragen wäre das in der Tat zu radikal. Aber die Idee dahinter, der Zweck ist bestechend.

Alte Zöpfe müssen ab!

Knudstorp, der Lego-Retter, verwendete Cortés’ Strategie in verdünnter Form: Er kürzt alle Budgets seiner Führungskräfte jedes Jahr um zehn Prozent! Keine Diskussionen. Keine Verhandlungsoptionen. Kein Nachgeben.

Gut, das mag Ihnen vielleicht ein bisschen merkwürdig vorkommen. Zumindest auf den ersten Blick. Wie sollen Budgetkürzungen zukunftsorientiert sein? Auf den zweiten Blick wird daraus ein kluger Schachzug: Die Führungskräfte werden so gezwungen, entweder effizienter zu arbeiten oder alte, nicht mehr zukunftsträchtige Geschäfte einzustellen. Wie bei Cortés: Es gibt keinen Weg zurück, keine Chance an alten Zöpfen festzuhalten.

Gleichzeitig werden alle Führungskräfte eingeladen, gemeinsam über die Investition des frei gewordenen Geldes zu entscheiden. Knustorp vermeidet auf diese Weise, dass Lego zu viel Geld in schrumpfende Segmente investiert. Und sorgt dafür, dass der versammelte Sachverstand aufgebracht wird, um Zukunftsfelder zu finden.

Und das finde ich verblüffend schlau. Und wohlgemerkt: Der Erfolg gab sowohl Cortés als auch uns, als auch Knudstorp recht.

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