„Buy now pay later“-Markt Klarna & Co. müssen dringend reguliert werden

Klarna gehört zu den wichtigsten Anbietern der „Buy now pay later“-Methode
Klarna gehört zu den wichtigsten Anbietern der „Buy now pay later“-Methode
© IMAGO / photothek
Klarna und andere Anbietern haben das Zahlungsverhalten der Millennials revolutioniert. Ihre Marktmacht ist inzwischen unheimlich groß – genauso wie ihre möglichen systemischen Auswirkungen

Die Start-up-Geschichte Schwedens ist reich an Erfolgsbeispielen. Erst stellte Ikea den Möbelhandel auf den Kopf. Dann revolutionierte Spotify die Musikbranche. Nun gibt es mit Klarna, dem weltweit größten Anbieter des „Buy now pay later“-Modells (BNPL), wiederum einen Vorreiter des nordischen Unternehmertums. Das Fintech, das von Geschäftsführer Sebastian Siemiatkowski mitbegründet wurde, steht in einer Reihe mit vielen anderen BNPL-Betreibern auf der ganzen Welt. Sie alle haben den Zahlungsverkehr für die Generation der Millennials modernisiert und fordern damit den Kreditkartenmarkt heraus, der lange Zeit von Visa, Mastercard und den Banken, die ihre Karten ausgeben, dominiert wurde.

Die Schweden gewähren genau wie andere BNPL-Anbieter auch ihren Kunden einige Monate lang einen zinsfreien Kredit für große und kleine Einkäufe. Inzwischen nutzen nach eigenen Angaben 147 Millionen Menschen auf der ganzen Welt und über 400.000 Einzelhandelspartner den Dienst.

BNPL hat im Aufschwung der letzten Jahre einen Boom erlebt, den die Coronapandemie noch zusätzlich verstärkt hat, da die Menschen mehr online bei Einzelhändlern einkauften. Man kann mit BNPL mühelos Kleidung, Gadgets und andere Konsumgüter in Hülle und Fülle kaufen. Was soll daran ein Problem sein?

Nun, es gibt einige Probleme. Skeptiker weisen seit langer Zeit daraufhin, dass das Geschäftsmodell nicht nur zynisch, sondern auch anfällig sein kann. Tatsächlich sehen sich Klarna und die andere BNPL-Anbieter verstärkter Kritik und einer Reihe von Problemen ausgesetzt.

Minimale Margen

Laut einer Analyse des britischen Marktforschungsinstituts Redburn aus dem vergangenen Jahr beruht die durchschnittliche BNPL-Transaktion auf einer Bruttomarge von vier Prozent, die durch eine dem Einzelhändler in Rechnung gestellte Provision finanziert wird. Doch selbst in guten Zeiten waren die Anbieter kaum oder gar nicht profitabel.

Denn von den typischen vier Prozent entfallen laut Redburn zwei Prozentpunkte auf Gebühren für andere Unternehmen in der Zahlungsverkehrskette, 0,5 Prozentpunkte sind die durchschnittlichen Finanzierungskosten, 1,5 Punkte bleiben für Kreditausfälle und den Nettogewinn. In der kurzen Lebenszeit von BNPL bis zum letzten Jahr schätzte Redburn den Kreditausfall auf durchschnittlich 1,2 Punkte, so dass ein Bruttogewinn von 0,3 Punkten (vor Betriebskosten) übrig blieb. Das ist wenig, aber es kann sich lohnen, wenn das Volumen groß genug ist.

Ein Blick auf die jüngsten Ergebnisse von Klarna zeigt jedoch die Schwächen dieses Modells, selbst für einen Anbieter mit großem Volumen. Im ersten Quartal beliefen sich die Kreditausfälle auf 1,9 Prozent der Kundenkredite (gegenüber 1,8 Prozent im Vorjahr), was ein Drittel der Quartalseinnahmen verschlang und Klarna einen Nettoverlust von umgerechnet 265 Mio. Dollar einbrachte.

Es ist daher kein Wunder, dass sich das Unternehmen letzten Monat dazu entscheiden musste, zehn Prozent seiner 7000 Mitarbeiter zu entlassen. Und das war, bevor der wirtschaftliche Druck durch den weltweiten Abschwung richtig zum Tragen kam.

Jedes Element des BNPL-Geschäftsmodells steht unter Druck. Die Einnahmen werden wahrscheinlich ins Stocken geraten, da die Verbraucher ihre Ausgaben einschränken. Das Volumen der Kundenkredite stieg im letzten Jahr bis Ende März um 38 Prozent auf 62 Mrd. Schwedische Kronen, blieb aber gegenüber Dezember praktisch unverändert, was widerspiegeln dürfte, dass die Zeiten schwieriger werden. Der Druck auf die Einnahmen der BNPL-Betreiber dürfte umso größer sein, als die Nutzer überwiegend geringere Einkommen haben.

Klarna ist ein Geldverleiher – und als solcher zu regulieren

Gleichzeitig werden sich die Ausfallquoten wahrscheinlich verschlechtern. Ein Großteil der Attraktivität von BNPL besteht darin, dass es Kredite anbietet, für die man keine Hürden überwinden muss. Bei den Standardkrediten mit zwei- oder dreimonatigem Zahlungsaufschub werden in der Regel, wenn überhaupt, „weiche“ Kreditwürdigkeitsprüfungen durchgeführt, und keine umfassenden Prüfungen, die etwa auf den Schufa-Score Einfluss haben.

Die Finanzierungskosten sind ein weiterer Problempunkt. Klarna selbst verfügt über eine Banklizenz und finanziert die meisten Kredite aus Einlagen. Aber höhere Zinsen werden auch hier Druck auf die Gewinnspannen ausüben. Das alles sind keine guten Nachrichten für die BNPL-Anbieter und ihre Investoren. Aber es geht nicht nur um sie – es geht auch darum, dass das Geschäftsmodell Auswirkungen systemischer Natur haben könnte. Obwohl die meisten Schätzungen davon ausgehen, dass BNPL nur wenige Prozentpunkte des gesamten Verbraucherkreditmarkts ausmachen, kann das Profil der Kreditnehmer die Volatilität der BNPL-Nutzung verstärken, was wiederum die Ausgaben von Verbrauchern unverhältnismäßig stark einschränken könnte. Und sollten diese schrumpfen, wären die Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft erheblich.

Viele Kunden neigen dazu, mehrere Anbieter zu nutzen und Dutzende oder sogar Hunderte von sich überschneidenden Käufen zu tätigen. Das bedeutet nicht nur, dass die Finanzen von einzelnen Verbrauchern außer Kontrolle geraten können, es macht es auch schwer, den Makroeffekt zu erfassen. Da der Sektor nicht reguliert ist, weiß niemand mit Sicherheit, wie groß er ist. Die Schätzungen über die Größe des britischen Marktes schwanken stark und reichen von weniger als 6 Mrd. Pfund bis zu 16 Mrd. Pfund.

Wenn es eine Botschaft für die politischen Entscheidungsträger gibt, dann ist es diese: Klarna ist kein Hersteller von bequemen Sofas oder Verkäufer warmer Fleischbällchen – BNPL-Betreiber sind schlicht und einfach Geldverleiher. Und deshalb ist es an der Zeit, diese Branche angemessen zu regulieren, bevor sie uns allen um die Ohren fliegt.

Copyright The Financial Times Limited 2022


Mehr zum Thema



Neueste Artikel