KommunenJunge Bürgermeister im Kampf gegen Corona

Es ist eine andere, junge Sicht auf kommunale Dinge, die sie verbindet. Das 2019 gegründete Netzwerk der jungen Bürgermeister umfasst jene Bürgermeister, die bei ihrer letzten Kommunalwahl unter 40 Jahre alt waren. Hier erzählen sie Capital, welchen Herausforderungen sie in der Corona-Krise jetzt gegenüberstehen. Ein kurzer Einblick in Deutschlands Kampfs gegen Corona jenseits der Metropolen – in vier Protokollen.

Michael Salomo, 32 Jahre, ist Bürgermeister der 5000-Einwohner-Gemeinde Haßmersheim in Baden Württemberg und Sprecher des Netzwerks Junge Bürgermeister*innen:

„Die Corona-Krise stellte die Gemeindeverwaltung vor komplett neue Herausforderungen. Plötzlicher Abbruch der Gewerbesteuereinnahmen, Schließung aller öffentlicher Gebäude inklusive Rathaus, und somit auch den direkten Draht zur Bürgerschaft, wurden kurzzeitig unterbrochen. Eifrig versuchten die Verwaltungen, neben dem Amtsblatt und der Homepage weitere Kommunikationswege für die Bevölkerung aufzumachen. Zum Teil informierten die Bürgermeister über ihre Facebook Seite, per Video-Botschaft und online Konferenzen und versuchten den Kontakt mit den politischen Gremien, Kollegen und der Bürgerschaft aufrecht zu erhalten. 

Die Ortspolizeibehörde und der Polizeivollzugsdienst mussten von den Gemeinden koordiniert werden, um die beliebtesten öffentlichen Plätze zu bestreifen, um die Einhaltung des Kontaktverbotes sicherzustellen.

Da die Familien aufgrund des Kontaktverbotes deutlich längere Zeiträume in häuslicher Gemeinschaft verbringen, war es notwendig, die Schulsozialarbeit telefonisch rund um die Uhr und auch am Wochenende für die Kinder und Jugendlichen als Ansprechpartner bereitzustellen, um häuslicher Gewalt vorbeugen zu können.“

„Die Lage jagt einen durch den Tag.“

Erik Lierenfeld, 33 Jahre, ist Bürgermeister in Dormagen in Nordrhein-Westfalen und wurde bereits vor einiger Zeit von Capital zu Deutschlands Top 40 unter 40 gewählt:

„Kein Politiker der Welt sucht sich die Krisen, die er zu bewältigen hat, aus. Spätestens seit Anfang März ist Corona der erste und letzte Gedanke des Tages. Das ganze Leben ist auf den Kopf gestellt – da geht es einem als Bürgermeister nicht anders, als jedem anderen Menschen auch.

Vorbereitet sein kann man auf so eine Situation natürlich nicht. Die Lage jagt einen durch den Tag. Und durch alle Wochenenden. Es gibt einfach keine Ablenkung mehr. Es gibt nur Krisensitzungen und Telefonkonferenzen. Und immer wieder die Fragen: Wie kann ich das den Bürgerinnen und Bürgern erklären? Was macht die Situation mit ihnen? Was können wir tun, um die Situation zu verbessern?

Für die Menschen da sein, das macht den Job als Bürgermeister eigentlich aus. Und das bedeutet vor allem: unter Menschen sein. Deshalb ist social distancing schon ein Problem – auch für mich. Am Ende muss uns aber allen klar sein, dass die Entbehrungen für uns so viel geringer sind als das, was diejenigen, die an vorderster Front kämpfen, jeden Tag auszuhalten haben.

Und vor allem viel geringer als die Probleme, die wir bekommen würden, wenn unser Gesundheitssystem kollabiert. Deshalb halten wir das so lange durch, wie es nötig ist. Gemeinsam – das ist eigentlich die wichtigste Botschaft.“

„Ich hätte bei der schrittweisen Öffnung anders entschieden.“

Stefanie Seiler, 37 Jahre, Oberbürgermeisterin von Speyer in Rheinland-Pfalz

„Die Arbeit als Oberbürgermeisterin hat sich durch die Corona-Pandemie grundlegend verändert. Nahezu jeder Arbeitsbereich der Verwaltung ist von der Krise betroffen und muss damit umgehen. Zum Teil haben sich Aufgabengebiete völlig verlagert. Auch können wir weniger vorausschauend arbeiten als sonst und müssen die Situation jeden Tag neu bewerten und in Teilen neu strukturieren. Gleichzeitig erleben wir, dass die Corona-Pandemie viele lokale Einzelhändler, Betriebe und Gastronomen in Existenzsorgen stürzt. Man beschäftigt sich plötzlich mit zuvor unvorstellbaren Fragestellungen nach Abstrichzentren, Corona-Ambulanzen und Behelfskrankenhäusern. All das ist eine nie dagewesene Situation, die uns allen viel abverlangt. 

Die schrittweise Öffnung funktioniert soweit sehr gut. Bei der Kontrolle haben wir nur minimale Verstöße festgestellt und immer wieder beobachtet, dass in den Geschäften alles sehr ruhig und  geordnet abläuft. Ich persönlich hätte bezüglich der schrittweisen Öffnung an der ein oder anderen Stelle anders und strenger entschieden, allerdings ist auch klar, dass die in den Landesverordnungen festgelegten Lockerungen und weiterhin geltenden Einschränkungen ein Kompromiss sind, der nicht immer vollumfänglich nachvollziehbar oder zufriedenstellend sein kann.“

„Es gibt keinen größeren Verlust als das Leben.“

Frank Nase, Bürgermeister der Gemeinde Barleben in Sachsen Anhalt:

„Wenn man einige kleiner Schwierigkeiten außer Acht lässt, muss man den Kräften von Landes- und Bundesregierung ein großes Kompliment machen. Durch das bestimmte und meist einheitliche Vorgehen wird ein Gesundheitsschutz hervorgebracht, der weltweit seines Gleichen sucht. Auch wenn es in der Krise viele finanzielle Verlierer gibt, gibt es keinen größeren Verlust als das Leben – das muss uns allen klar sein!

Die Öffnung der Einrichtungen setzt uns vor bisher ungekannte Problem. Das Managen der sich wirklich minütlich veränderten Bedingungen und Zahlen zwingen alle Beteiligten zu einem super flexiblen Agieren. Mich als Bürgermeister der Gemeinde Barleben macht es sehr dankbar, dass wir hier ein Team haben, welche am Wochenende, Morgen, Mittags, Abends – also immer zur Verfügung steht und hier den Eltern nach Kräften helfen will und das auch sehr erfolgreich tut. 

Uns allen ist aber klar, dass es keine Übung für solche Problemlage gibt und wir stets und ständig in einem lebendigem System leben und arbeiten. Insofern diese Erwartung auch gelebt wird, nimmt man die Verordnungen und Erlasse, die häufig mal von Theoretikern geschrieben werden, mit der gebotenen Gelassenheit. Was ich als Bürgermeister wahrnehme, dass ehrliches Verständnis der Eltern vorliegt und die Arbeit geschätzt wird. Im Sinne einer gesellschaftlichen Solidarität gilt es zusammenzuhalten und die „Verlierer der Krise“ ganz besonders in den Schutz nehmen – auch wenn es heißt, dass wir nun aufgebaute staatliche Schulden noch über viele Folgejahre tilgen müssen.“